# taz.de -- SPD in Berlin und Hamburg: Aufgepasst, Genossen!
> In Berlin zerlegt sich die SPD gerade selbst, und bei den Landtagswahlen
> 2026 droht eine Schlappe. In Hamburg dagegen ist die SPD weiter
> Volkspartei.
IMG Bild: Ob man gut beschirmt ist mit dieser Partei? Steffen Krach (links), SPD-Spitzenkandidat für die Berlin-Wahl, will Hand anlegen
Wer keine Führung bestellt, bekommt auch keine. So ließe sich das
politische Beben beschreiben, das die SPD in Berlin vor wenigen Tagen
erschüttert hatte. Weil der Landeschefin bei einer Bezirksabstimmung ein
sicherer Listenplatz für die Wahl zum Abgeordnetenhaus kommenden September
verwehrt wurde, [1][traten sie und ihr Co-Chef kurzerhand zurück].
Keine Führung. Anders also als in Hamburg, wo von Olaf Scholz einst Führung
bestellt und auch geliefert wurde. Vielleicht ist das ein Grundproblem der
Berliner SPD, die seit 1989 an allen Landesregierungen beteiligt war. Die
Landesvorsitzenden, die am Sonntag vergangener Woche hingeschmissen haben,
waren erst im Mai 2024 gewählt worden. In einem Mitgliederentscheid konnten
sich beide, die zum eher konservativen Flügel zählen, gegen zwei
Bewerberduos aus dem linken Flügel durchsetzen.
Dass die Basis eher auf Altbewährtes setzt, ist der mehrheitlich linken
Funktionärsebene, die sich auf Bezirksversammlungen und Landesparteitagen
austoben darf, allerdings herzlich schnuppe. Kann es ihr auch, denn ein
Basta wie in Hamburg ist weit und breit nicht in Sicht.
Wer hat also das Sagen in der Berliner SPD, der einst stolzen Partei von
Ernst Reuter und Willy Brandt? Ist es die Parteizentrale im Kurt-Schumacher
Haus im ehemaligen Arbeiterbezirk Wedding? Ist es die Fraktion im
Abgeordnetenhaus, die seit 2011 vom mächtigen Strippenzieher Raed Saleh
geführt wird? Oder sind es die SPD-Senatorinnen und Senatoren in der
schwarz-roten Landesregierung?
Letzteres ist wohl am einfachsten zu beantworten. Als es darum ging, wen
die Berliner SPD als Spitzenkandidaten für die kommende Landtagswahl
aufstellen wird, tauchte der Name von Wirtschaftssenatorin Franziska Giffey
nur noch am Rande auf. Deren Aufstieg und Fall ist – neben der Existenz
sich gegenseitig lähmender Machtzentren – zugleich ein Lehrstück dafür, wie
der Berliner Landesverband der SPD tickt. Ihre rasante Karriere hatte
Giffey als Bezirksbürgermeisterin in Neukölln begonnen. Ihr Förderer und
Vorgänger war der über Berlin hinaus bekannte Heinz Buschkowsky, der sich
auch nicht scheute, Reizwörter wie Parallelgesellschaften in den Mund zu
nehmen. Als neuer Politstern am Berliner Firmament wechselte Giffey bald
schon als Familienministerin ins Bundeskabinett unter der schwarz-roten
Koalition von Angela Merkel.
Nachdem Giffey wegen der Plagiatsaffäre um ihre Doktorarbeit zurücktreten
musste, kehrte sie in die Landespolitik zurück und wurde 2021 Regierende
Bürgermeisterin. Führung war also bestellt. Aber die Partei, das zeigte
sich bald, wollte sich nicht führen lassen – [2][zumindest nicht von
Franziska Giffey]. Anders als von Giffey gewünscht, verweigerten ihr die
Funktionäre den Weg in eine Ampelkoalition mit der FDP, sondern drängten
auf ein Bündnis mit Grünen und Linkspartei.
Als nach zahlreichen Wahlpannen 2023 eine Wiederholungswahl nötig wurde,
zahlte es Giffey der eigenen Partei heim – und führte ihre SPD als
Juniorpartnerin in ein Bündnis mit der CDU. Statt ins Rote Rathaus zu
ziehen, hat Giffey die Führung an Kai Wegner von der CDU abgegeben. Viele
haben das damals als Verrat empfunden. Giffey selbst hat sich mit dieser
Entscheidung ins politische Abseits manövriert.
Ein letztes Aufzucken gab es noch. Im September wurde der ehemalige
Wissenschaftsstaatssekretär und gegenwärtige Regionspräsident in Hannover,
[3][Steffen Krach, zum Spitzenkandidaten für die Wahl zum Abgeordnetenhaus]
am 20. September im nächsten Jahr nominiert. Ausgewählt worden war er sehr
professionell vom Duo der Landesvorsitzenden, das nun zurückgetreten ist.
Nun soll Krach bei einem vorgezogenen Parteitag im Frühjahr auch zum
Landeschef gewählt werden. Die Hoffnung: Er möge die heillos zerstrittene
Partei heilen.
Einen Heilsbringer also sucht die Berliner SPD. Bestellt, fast schon
verzweifelt, noch einmal Führung. Kann das funktionieren? Gefolgt sind die
SPD-Funktionäre ihrem Führungspersonal zumeist nur dann, wenn es lief.
Zurzeit läuft es eher nicht so. Nach CDU, Linkspartei, Grünen und AfD liegt
die SPD in Berlin in Umfragen abgeschlagen auf Platz 5.
## Der Blick nach Hamburg
Fast 6 Prozentpunkte verloren. Ja, und? Es gibt nicht so viele Städte oder
Länder in Deutschland, wo das Polster der SPD so dermaßen groß ist, dass
solche Verluste ähnlich irrelevant sind wie in Hamburg nach der
Bürgerschaftswahl Anfang März dieses Jahres: Anderswo hätte ein ähnliches
Absacken die Partei mittlerweile in die Nähe des einstelligen
Wahlergebnisses gebracht, mindestens aber dafür gesorgt, dass eine andere
Partei die Wahl gewinnt. In Hamburg dagegen: [4][klarer Wahlsieg, knapp 34
Prozent. Künftig also: weitermachen wie gehabt.]
Wie gehabt. Das ist für die Hamburger SPD ein Zweiklang, der sich in kaum
einer anderen Szene so sehr offenbart, wie die an jenem frühen Morgen im
September vor zwei Jahren. Kurzerhand traten die drei mächtigsten Hamburger
Genoss:innen vor die Presse, um eine Entscheidung bekannt zu geben.
[5][Das Herz der Stadt, der Hafen, wird einer umfassenden Privatisierung
unterzogen; ein milliardenschwerer Partner ins Boot geholt, um nach
schlappen Jahren endlich wieder schlagkräftig in den internationalen
Wettkampf mit den Konkurrenzhäfen zu gehen.] Zum Wohle der gesamten Stadt.
Basta. Dass das eine riskante und auch mit Nachteilen verbundene
Jahrhundertentscheidung ist, darüber wird jetzt nicht mehr diskutiert.
Da war es: Das Mantra, das Olaf Scholz seinen Genoss:innen in der Stadt
dagelassen hat, als es ihn aus dem Hamburger Rathaus nach Berlin erst ins
Finanzministerium und dann ins Bundeskanzleramt zog – wer Führung will,
bekommt sie auch. Das gilt nach außen – an die Wähler:innen: Die SPD führt
und zaudert nicht vor Entscheidungen. Und das gilt nach innen – an die
zweite, dritte Reihe der Partei: Ideen werden ganz oben entwickelt,
diskutiert und abschließend entschieden. Es gibt keine Einladung zur
Debatte, sondern die Mitteilung über eine getroffene Entscheidung.
Das ist ja schließlich die eine Hälfte des Erfolgsrezepts der Hamburger
Sozialdemokratie, seit Olaf Scholz das demütigende Oppositionsjahrzehnt
2011 endlich überwand: Aus parteiinternem Diskurs, an dem Mittel- und
Hinterbänkler:innen munter mitmischen wollen, entsteht Streit,
entsteht Chaos, entsteht Wahlniederlage. Und weil Scholz mit dieser
Erkenntnis seine Partei 2011 zur absoluten Mehrheit führte, weiß fast
jede:r mit Ambitionen in der SPD, dass es besser ist, die Klappe zu
halten. Selbst dann, wenn es ans Herz der sozialdemokratischen Idee geht –
wenn ein (Teil-)Verkauf des Hafens an eine steuerflüchtige, intransparente
Reederei ansteht und Hafenarbeiter:innen um ihre Jobs und ihre
Mitbestimmung fürchten.
Denn diese Einbindung wirtschaftsliberaler Positionen ist der andere Teil
des erfolgreichen Hamburger SPD-Zweiklangs. Hamburg ist eine Handelsstadt,
Wirtschaftskompetenz bedeutet: Politik wird nicht gegen, sondern mit den
Kaufleuten betrieben. Das zeigte sich beim Hafendeal, das zeigt sich noch
ausdauernder beim Wohnen: Während Berlin über allerlei Mittel gegen die
Wohnungswirtschaft debattierte, gründete Hamburg mit der
Immobilienwirtschaft ein dauerhaftes „Bündnis für das Wohnen“: Die
SPD-geführte Stadt verspricht Schnelle bei den Bauanträgen, die private
Immobilienwirtschaft schafft partiell auch Sozialwohnungen.
Eben dieser Vereinigung von Bürgertum und Proletariat verdankt auch die SPD
in Bremen, dem dritten Stadtstaat, [6][ihre seit 1945 andauernde
Regentschaft: (Klassen-)Kämpfe trägt die SPD hier nicht aus;] setzt viel
eher auf Bremen als Ort, wo Zusammenhalt hergestellt wird, indem das
bürgerliche Lager beständig Angebote von der SPD bekommt. Heißt: Die SPD
ist tatsächlich noch, schwindend zwar, eine wirkliche Volkspartei.
Viel Platz nach rechts, ohne ins Populistisch-Schrille abzudriften, bleibt
dann nicht mehr, weder in Bremen noch in Hamburg. CDU-Positionen haben sich
die Genoss:innen bereits einverleibt, Konservative können sich bei der
SPD wiederfinden. Es müsste in Hamburg also schon eine charismatische
Lichtgestalt kommen, um die CDU wieder zu einer ernsthaften Konkurrenz zu
machen.
28 Nov 2025
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