# taz.de -- Hier boomt nichts mehr: Zurück in die Zukunft
> Wenn man aus dem Ausland zurückkommt, kommt einem Deutschland manchmal
> sehr alt vor. Muss das eigentlich so? Und sind Juristen ein Teil des
> Problems?
IMG Bild: Ungeheure Dynamik: Schanghai
Ein paar Tage habe in einer wirklich vollkommen anderen Stadt bei einer
Freundin im Ausland verbracht. Ich sage hier lieber nicht, welche, bitte
denken Sie sich Ihren Teil. Es ist jedenfalls eine dieser Städte, die in
den vergangenen dreißig Jahren ein brutales Wachstum mit einer
erstaunlichen Dynamik erfahren haben.
Eine dieser Städte, in der sich selbst Einheimische regelmäßig verfahren,
weil praktisch über Nacht neue Baustellen, Straßen, Hochhaustürme aus dem
Boden wachsen, bis man nichts mehr wiedererkennt. Eine Stadt, in der
gefühlt jeder von woanders kommt und drei Businesspläne in der Hosentasche
hat. Hier blickt man nur zurück, um darüber zu staunen, wie weit man
gekommen ist.
Das alles hat natürlich seine ganz eigenen Tücken, die sollen hier aber
nicht das Thema sein. Wenn man zurückkommt, kommen einem dieses Land und
diese Stadt jedenfalls plötzlich sehr alt vor. Und damit meine ich nicht
nur den [1][politischen Diskurs und die AfD, die ja andauernd zurückwill]
in eine Art von 50er Jahren, die es so nie gegeben hat. Auch die Antworten
der demokratischen Parteien darauf scheinen mir verdächtig oft mit „Wir
müssen zurück zu“ anzufangen.
Kann es sein, dass uns [2][die Vorstellung, dass in der Zukunft vielleicht
auch irgendwas besser wird, allmählich abhandenkommt]? Ist das ein
Mentalitätsproblem oder ein natürlicher Prozess in einer überalterten
Gesellschaft? Es scheint ja oft so zu sein, dass da, wo die persönlichen
Kräfte schwinden, Angst und Pessimismus Einzug halten.
## Ingenieure ticken anders als Juristen
Der jetzige [3][Ministerpräsident Olaf Lies (SPD) schien mir bisher immer
das Paradebeispiel eines unverbesserlichen Optimisten] zu sein – jedenfalls
solange er noch Minister war. Seit er Ministerpräsident ist, tauchen die
Vokabeln „Sorge“ und „Besorgnis“ sehr viel häufiger in seinen Reden auf.
Ich habe das vorher immer darauf zurückgeführt, dass der Mann eben von
Hause aus Ingenieur ist. In meiner privaten Berufe-Mythologie rangieren
Ingenieure ziemlich weit oben, weil sie einem das angenehme Gefühl geben,
dass die Probleme der Welt irgendwie schon lösbar sind.
O. k., oft erfinden sie Lösungen, die dann fünf neue Probleme erschaffen,
aber das liegt sicher daran, dass sie gerne weiter tüfteln möchten.
Politiker sind ja sonst eher darauf trainiert, einem zu erzählen, dass ein
Problem entweder gar nicht so groß ist oder aber riesig und ganz sicher die
Schuld von jemand anderem.
Irgendwo hörte ich neulich von jemandem, das größte Problem westlicher
Politik sei, dass hier zu viele Juristen das Sagen hätten. Da könnte schon
etwas dran sein. Natürlich hat die Juristerei viele faszinierende Seiten:
die strenge, eigene Logik, die filigranen Abwägungen, der sorgsame
Argumentationsaufbau.
## Die beständige Selbstblockade
Man muss aber auch sagen: Der natürliche Modus operandi des Juristen ist
die Verschlimmbesserung. Sie leben in dem Bewusstsein, dass das
komplizierte, verschachtelte deutsche Recht durch unbedachte Änderungen
stets von absurden Nebenwirkungen, Widersprüchen und Kettenreaktionen
bedroht ist.
Deshalb sind sie in der Regel fantasielos und schnell bereit, einem zu
erklären, warum das eigentlich alles gar nicht anders geht und vollkommen
logisch genau so gewachsen ist. Aber gut, als jemand, der es zu seinem
Beruf gemacht hat, von der Seitenlinie aus herumzunörgeln, sollte ich an
dieser Stelle vielleicht nicht so herumtönen. Glashaus, Steine, Sie wissen
schon.
Den Gegensatz vom Ingenieursstaat (China) und der Rechtsanwaltsgesellschaft
(USA) hat übrigens [4][der Analyst und Autor Dan Wang] aufgemacht. Er warnt
gleichzeitig vor den fatalen Auswirkungen, die diese chinesische
Ingenieursmentalität im Sozialen hat – ist also niemand, der das
chinesische Modell in den Himmel heben will.
Und trotzdem leuchtet seine Analyse der beständigen Selbstblockade in
westlichen Gesellschaften erst recht mit dem Blick auf die deutsche Politik
ein. Und so ein bisschen mehr Tatkraft und Zukunft wünscht man sich dann
halt schon – vor allem, wenn man Kinder hat.
4 Dec 2025
## LINKS
DIR [1] /Der-Osten-und-der-Rechtsruck/!6123434
DIR [2] /In-ihrem-Buch-analysieren-zwei-Soziologen-die-psychischen-Affekte-des-Wutbuergertums/!6117046
DIR [3] /Ministerpraesident-auf-Sommerreise/!6098399
DIR [4] https://en.wikipedia.org/wiki/Breakneck:_China's_Quest_to_Engineer_the_Future
## AUTOREN
DIR Nadine Conti
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