# taz.de -- Qualzucht von Haustieren: Was kommt nach dem Mops?
> Um einen süßen Hund zu züchten, hat der Mensch dem Mops seine Nase und
> Gesundheit genommen. Lassen sich solche Fehler wiedergutmachen?
IMG Bild: Auf dem Weg von der Hundehütte ins tragbare Körbchen haben wir unsere Gefährten immer kränker gemacht
Mit streng gescheiteltem Toupet beugt sich Loriot über sein Pult in einem
nüchternen himmelblauen Studio und redet den Menschen ins Gewissen: „Am
schlimmsten zeigt sich sein mangelndes Verantwortungsgefühl in der
Schamlosigkeit, mit der er ganze Tiergattungen umzüchtete.“ Am ärgsten habe
es den Mops getroffen, durch blinden Züchterehrgeiz habe dieser nicht nur
seine Nase völlig eingebüßt, sondern auch die freiheitliche Würde seiner
Vorfahren. Diese Würde bewahre allein – und hier wird Loriots Stimme wärmer
– der scheue Waldmops; eine Art Mops mit Geweih, der im Einspieler des
TV-Sketches von 1972 raubtierartig durch heimische Wälder galoppiert und
Vögeln nachstellt.
Die echten Möpse dagegen wackeln mit ihren Glubschaugen schlecht geschützt
durchs Unterholz und ziehen sich häufig Verletzungen zu. Bei einem heftigen
Gerangel mit Artgenossen [1][können sogar die Augäpfel aus der Höhle
treten]. Möpse röcheln und ringen nach Luft, weil ihre [2][Nase sehr kurz
ist und ihre Nasenlöcher und Rachen verengt sind]. Die Medizin spricht von
Kurzköpfigkeit oder Brachycephalie. Dazu gehört auch, dass [3][Möpse ihre
Körpertemperatur nicht gut regulieren können], an heißen Tagen und bei
Überanstrengung haben sie ein hohes Risiko für einen Hitzeschlag.
Die Liste der Leiden ist lang, und der Mops ist kein Einzelfall: Ein
[4][EU-Bericht] aus dem Jahr 2023 schätzt, dass in Europa 18 Millionen
Hunde, 22 Millionen Katzen und 4 Millionen Kleintiere wegen extremer
äußerer Merkmale in ihrer Gesundheit und Lebensqualität eingeschränkt sind.
Demnach wäre in Deutschland gut jeder vierte der rund 10 Millionen Hunde
betroffen. Der Tierpathologe Achim Gruber listet in dem Buch „Das
unterschätzte Tier“ über vierhundert ganz oder teilweise genetisch bedingte
Leiden auf. Allein bei den zwanzig beliebtesten Hunderassen finde sich
davon der Großteil. „Die Liste wird vom [5][Deutschen Schäferhund] mit 77
Erbschäden angeführt“, schreibt Gruber, „dicht gefolgt von Boxer, Golden
Retriever und weiteren Lieblingsrassen.“
Dabei könnten wir erst am Anfang einer verhängnisvollen Entwicklung stehen,
warnt Gruber. Denn all die Krankheiten führt er auf die extreme
Formenvielfalt zurück, die die Züchtungen hervorgebracht haben. Wie im
Kaufhaus lässt diese Warenvielfalt auch auf dem Heimtiermarkt die Kassen
klingeln, und der ist immens gewachsen: Sieben Milliarden Euro gaben
Menschen in Deutschland im vergangenen Jahr für ihre Haustiere aus; zwei
von drei Familien mit Kindern besaßen mindestens ein Haustier. Folgt man
Gruber, dann könnten Zoohandlungen der Zukunft auch mit lauter langbeinigen
Lurchen, federlosen Vögeln und muskelbepackten Hamstern aufwarten. Dass
bislang der Hund mit 368 Rassen so vielgestaltig gezüchtet ist wie keine
zweite Tierart und deshalb von Krankheiten geplagt, das könnte schlicht an
der langen Vorgeschichte liegen, auf die moderne Hundezüchter aufbauen
können, sagt Gruber.
Der Blick in die Geschichte vom Mops zeigt, dass mopsähnliche Schoßhunde es
sich wahrscheinlich schon vor rund tausend Jahren in chinesischen
Kaiserpalästen bequem machten. In Europa ist der Mops immerhin seit dem 16.
Jahrhundert bekannt, erstmals in den Niederlanden. Der englische
Barockkünstler William Hogarth malte seinen Mops mit feiner, aber deutlich
abgesetzter Hundenase, dunklen Farbtupfern an den Ohren und treuen Augen,
die ein wenig aus dem Schädel treten. Nur die heraushängende Zunge deutet
deutlich auf den spätmodernen Rassemops hin.
Diese so wie andere Rassehunde laufen erst seit dem Deutschen Kaiserreich
über die Bürgersteige. Weil die Tollwut unter den in den wachsenden Städten
immer gedrängter lebenden und streunenden Hunden umging, führten Länder wie
Bayern im Jahr 1876 erstmals eine Hundesteuer ein. So wurde der Hund zum
Privileg der Reichen. Noble Hundeschauen und Zuchtvereine sprossen aus dem
Boden, die seitdem über Stammbäume, Gesundheit und Aussehen wachen.
1888 macht hierzulande der Deutsche Doggen-Club den Anfang, fünf Jahre
zuvor gründeten britische Mops-Fans den Pug Dog Club. Laut dem Historiker
Amir Zelinger teilen im Kaiserreich viele Rassehundezüchter und adelige
Milieus, in denen sie Abnehmer finden, eine Begeisterung für Rassentheorien
und Eugenik. Während die Züchter immer neue Hunderassen kreieren und dafür
extreme genetische Flaschenhälse in Kauf nehmen, verstehen sich viele in
ihren Reihen eher als Restaurateure, etwa eines archetypischen Deutschen
Schäferhunds.
Heute hätten [6][Dobermänner] mitunter eine Wahrscheinlichkeit von vierzig
bis fünfzig Prozent, dass zwei von unterschiedlichen Eltern vererbte Gene
vom selben Vorfahren stammen, sagt die Tiergenetikerin Hille Fieten. Damit
wären sie so inzestuös wie Nachkommen zweier Klone. Dass sich die
Krankheiten historisch immer mehr verschärft haben, verwundert auch
deshalb, weil Krankzuchten mittlerweile längst verboten sind. Dem
Tierschutzgesetz zufolge hätten röchelnde Möpse eigentlich schon in den
1980er-Jahren von der bundesdeutschen Bildfläche verschwinden müssen.
Seitdem untersagt es der sogenannte Qualzucht-Paragraf, mit Tieren zu
züchten, wenn die Haltung ihrer Nachkommen erwartbar „nur unter Schmerzen
oder vermeidbaren Leiden möglich ist“.
Doch die Regelung greift bis heute kaum, trotz Überarbeitungen. Denn die
Veterinärämter müssen das Leiden bei jedem zur Zucht eingesetzten Tier
medizinisch sehr aufwendig nachweisen und bei Einsprüchen der Züchter auch
die Gerichte überzeugen.
Weil das bei einem Zuchtgeschehen [7][mit jährlich Zehntausenden
Hundewelpen] faktisch aussichtslos ist, sah ein Gesetzesentwurf aus dem
Landwirtschaftsministerium unter Cem Özdemir vor, schon konkrete Symptome
wie Atemnot, Taubheit oder Lahmheit als hinreichenden Beleg für eine
Qualzucht anzuerkennen. Der Vorschlag sollte den Ämtern die Arbeit
erleichtern, scheiterte aber nach der ersten Lesung am Bruch der
Ampelkoalition. Und der neue Agrarminister [8][Alois Rainer von der CSU]
macht bisher keine Anstalten, den Entwurf aus der Schublade zu holen.
Allerdings einigte sich Brüssel am Dienstag auf ein EU-weites Verbot von
Hunde- und Katzenzüchtungen mit extremen äußeren Merkmalen. Dieses muss nun
von Parlament und Rat gebilligt werden.
Für den Tierpathologen Achim Gruber muss das Prinzip der Reinrassigkeit in
der Hundezucht aufgeweicht werden, ansonsten blieben die Schäden
unumkehrbar. Er will krank gezüchtete Hunderassen wie den Mops mit anderen
Hunderassen kreuzen. So könne man den Genpool erweitern und
gesundheitsschädliche äußere Merkmale wieder abschwächen.
In den Niederlanden ist diese Vision schon Wirklichkeit, zumindest für
kurzköpfige Hunde. Die Tiergenetikerin Hille Fieten von der Universität
Utrecht und andere Expert:innen erarbeiteten [9][sechs Kriterien], die
seit 2019 die behördliche Regulierung der Züchter leiten. Eines der
Kriterien fordert, die Nase müsse mindestens ein Drittel der Kopflänge
messen. Das ist eine einfache Regel, die sich mit dem Lineal prüfen lässt;
aber auch eine Hürde, über die wohl kaum ein reinrassiger Mops springen
kann. Daher waren übergangsweise auch Kreuzungen von kurznasigen Möpsen und
gesünderen Hunden erlaubt.
„Schon nach einer einzigen Generation kommen Tiere mit einer ausreichend
langen Nase zur Welt, die nicht mehr röcheln und deren Augen nicht
herausfallen“, sagt Fieten. „Viele Züchter in den Niederlanden bestehen
aber auf dem heutigen Aussehen und der Reinrassigkeit. Selbst der
Hundezuchtverband hat sich anfangs nicht an das Gesetz gehalten, mit einer
Klage ist er aber kürzlich gescheitert.“
Fieten weiß recht genau, was die Gesetzesnovelle bisher gebracht hat. Denn
die niederländischen Kliniken registrieren jeden jungen kurzköpfigen Hund
und seine Rasse, und bei ihr laufen die Daten zusammen: Bei der Hunderasse
Shih Tzu ist die Nase seit 2019 kräftig gewachsen, sagt sie, bei
Französischen Bulldoggen hat sich dagegen nur wenig getan. Einige Züchter
halten sich nicht an die Vorschriften und nehmen verhängte Bußgelder in
Kauf. Nun kommen die ersten Fälle vor Gericht.
Ein Teil des Problems: Die Kriterien sind zwar bei einzelnen Zuchthunden
leicht zu überprüfen, aber die gelockerten Regeln, die in der
Übergangsphase für Kreuzungen gelten, hebeln die Klarheit und Transparenz
wieder aus. Denn welche Hunde am Ende für die Zucht eingesetzt werden,
können die Ämter nicht überwachen. So bleibt es eine Frage des guten
Willens, ob Züchter die Möpse mit gesunden Hunden kreuzen.
Hille Fieten glaubt, dass Veterinäre helfen könnten, den Markt in Schach zu
halten: „Die Hälfte der Zeit schlagen wir uns in den Tierkliniken ohnehin
mit Krankheiten herum, die aufgrund des Erbguts oder Körperbaus entstehen.“
Man müsse den tierärztlichen Beruf neu erfinden, den Schwerpunkt in die
Prävention verlagern, meint sie.
Dank rasanter Fortschritte in der Hunde-Genforschung sei eine effiziente
Kontrolle technisch endlich machbar. „Wir können Genmutationen nachweisen,
die festlegen, wie ein Hund aussieht“, etwa welche Gestalt sein Kopf habe.
Durch eine DNA-Analyse bei den Welpen können Tierärzt:innen künftig
zweifelsfrei klären, ob es in der Hundezucht mit rechten Dingen zugeht.
Dann, so darf man hoffen, könnte der Mops schon sehr bald wieder frei
atmen. Zumindest in den Niederlanden.
29 Nov 2025
## LINKS
DIR [1] https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/38682866/
DIR [2] https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/28763490/
DIR [3] https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/26790550/
DIR [4] https://www.eurogroupforanimals.org/files/eurogroupforanimals/2023-11/2023_11_30_Extreme%20breeding%20in%20Europe%20-%20Mapping%20of%20legislation%20FINAL.pdf
DIR [5] /Trendtier-Schaeferhund/!5280001
DIR [6] /Die-Wahrheit/!5047087
DIR [7] https://www.vdh.de/ueber-den-vdh/welpenstatistik/
DIR [8] /CSU-Politiker-Alois-Rainer/!6106646
DIR [9] https://www.uu.nl/en/research/expertise-centre-for-veterinary-genetics/services/petscan/how-does-petscan-work/scoring-form-for-short-snouted-dogs
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DIR Lino Wimmer
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