# taz.de -- 30 Jahre Friedensabkommen: Dayton ist gescheitert
> Das Abkommen vom 21. November hat Bosnien und Herzegowina Frieden
> gebracht. Doch das Denken entlang ethnischer Grenzen wurde verfestigt.
IMG Bild: Während des Bosnienkriegs war Sarajevo vom 5. April 1992 bis zum 29. Februar 1996 belagert worden
Das Abkommen von Dayton am 21. November 1995 hat den fast vier Jahre
währenden Krieg in Bosnien und Herzegowina beendet und war für die USA und
Präsident Bill Clinton ein Erfolg. Dass dieser Erfolg 30 Jahre danach in
den USA aber immer noch den damals regierenden Demokraten zugeschrieben
wird, scheint den jetzigen Präsidenten Donald Trump herauszufordern. Den
Ruhm für den „Frieden“ in Bosnien den Demokraten zu überlassen, darf ja
nicht sein.
Die Friedensverhandlungen in Dayton in Ohio haben unter US-Aufsicht eine
Verfassung geschaffen, die das Land in ein Korsett presst, das keine
ernsthaften Reformen zulässt. Indem das Land entlang streng „ethnisch“
definierter Zonen aufgeteilt und mit einer komplizierten Verfassung
ausgestattet wurde, versuchte die Internationale Diplomatie damals um des
Friedens willen den Kriegsparteien aus Serben, Kroaten und Bosniaken
entgegenzukommen – mit dem Resultat, dass das Denken in Ethnien, die
ideologische Basis des Krieges, verfestigt wurde.
Und die serbischen Angreifer konnten so fast alle ihrer Eroberungen
absichern. Die serbische Republika Srpska erhielt 49 Prozent des
Territoriums, 51 Prozent die Kroatisch-Bosniakische Föderation, die
wiederum in zehn Kantone unterteilt ist. 2 Prozent entfallen auf das
selbstverwaltete Sondergebiet Brčko. Die Struktur des Staates ist
kompliziert, jeder Teilstaat hat eigene Parlamente, eigene Exekutiven, ein
eigenes Gerichtssystem. Sie eröffnet viele Möglichkeiten der
(Selbst-)Blockade.
Zwar sollte der per UN-Resolution eingesetzte Hohe Repräsentant die
Entwicklung zu Demokratie und Rechtsstaatlichkeit überwachen und
demokratische Strukturen durchsetzen, doch all dies blieb Stückwerk. Die
hoffnungsvolle Perspektive scheiterte nicht nur am Widerstand der
Nationalisten und der hinter ihnen stehenden Staaten, sondern auch an den
Widersprüchen der internationalen Institutionen selbst. Die meisten
Diplomaten und Unterhändler haben die komplexe Geschichte des Landes gar
nicht verstanden.
Noch kurz vor dem Angriff serbischer Truppen und Freischärler aus Serbien
war die überwältigende Mehrheit der bosnisch-herzegowinischen Bevölkerung
davon überzeugt: „Bei uns kann es keinen Krieg geben, wir leben doch alle
so gut zusammen.“ Über Jahrhunderte lebten Muslime, Katholiken und
Orthodoxe, Juden und noch weitere Minderheiten friedlich zusammen.
Ja, es gab sie, die Jahrhunderte währende bosnischen Tradition des
friedlichen Zusammenlebens. Doch genau diese Positionierung der
Gesellschaft war für die aufkommenden Nationalisten aus Serbien und
Kroatien ein rotes Tuch, sie wollten diese Gesellschaft zerschlagen.
Nationalisten können sich einen Staat nur vorstellen, in der ihre
Volksgruppe dominant ist. Sie können eine tolerante, nicht nationalistische
Gesellschaft nicht ertragen.
Vieles spricht dafür, dass dies der wichtigste Grund für den Krieg war.
Schon im März 1992, noch vor dem Krieg in Bosnien und Herzegowina,
[1][hatten sich die Präsidenten Franjo Tudjman und Slobodan Milošević
getroffen, um über die territoriale Aufteilung von Bosnien und Herzegowina
zu sprechen]. Als die serbischen Truppen im April 1992 losmarschierten und
in wenigen Monaten über 60 Prozent des Territoriums Bosnien und
Herzegowinas eroberten, sicherten die Kroaten nur ihre Mehrheitsgebiete in
der Herzegowina.
Die Verbrechen der ethnischen Säuberungen mit ihren über 100.000 Opfern
haben sich bei Bosniaken und den anderen Minderheiten bis heute tief
eingeprägt. Fast die Hälfte der Bevölkerung wurde zur Flucht ins Ausland
oder in die noch nicht okkupierten Gebiete Bosnien und Herzegowinas
gezwungen. Nach diesen Erfahrungen sollte in Dayton eigentlich ein
Neuanfang durchgesetzt werden. Dem UN-Tribunal gegen Kriegsverbrechen
gelang es zwar, die Verbrechen zu dokumentieren und einige Verantwortliche
zu verurteilen.
Doch die Nationalisten taten und tun bis heute alles, um mit
Geschichtslügen die eigenen Verbrechen zu minimieren und die Schuld der
Gegenseite in die Schuhe zu schieben. Leider ist heute, 30 Jahre danach,
der Kenntnisstand der Öffentlichkeiten so niedrig, dass die falschen
Narrative der Nationalisten auch auf internationale Resonanz stoßen. Nicht
einmal die Gerichtsurteile des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte
in Straßburg, der seit 2009 die Dayton-Verfassung wiederholt als
unvereinbar mit europäischen Werten definiert hat, drang durch. Die EU und
der Hohe Repräsentant waren nicht in der Lage, diese Position nachdrücklich
durchzusetzen.
## Wenig Rechte für Minderheiten
Russland dagegen unterstützte ohne Wenn und Aber von Beginn an die
nationalistischen Extremisten in Bosnien und Herzegowina, auch im
UN-Sicherheitsrat. In der EU setzte sich zwar die Haltung durch, das Land
habe eine Chance für die Integration in die EU. Sie nahm aber immer die
Positionen der nationalistischen Extremisten hin, die genau dies verhindern
wollen. So konnte Bosnien kein normaler Staat, keine normale Demokratie
werden.
Dazu gehört ein Wahlsystem, dass die Kollektivrechte der großen
Volksgruppen (Serben, Kroaten und Bosniaken) über Individualrechte setzt,
zugleich aber Rechte von Minderheiten – Roma etwa – zu wenig
berücksichtigt. Als Richard Holbrooke, der Schöpfer von „Dayton“, einmal
forderte, ein „Dayton 2“ zu verhandeln, um grundlegende demokratische
Freiheiten und rechtsstaatliche Strukturen durchzusetzen, fand er keine
Unterstützung. Dayton, das muss nach 30 Jahren konstatiert werden, ist
gescheitert.
Doch keiner weiß, wie es weitergeht. Auch nicht der deutsche Außenminister
Wadephul, der gerade das Land besucht hat. [2][Und was Donald Trump
eigentlich vorhat, weiß auch niemand so genau]. Spekulationen allerdings,
er wolle Bosnien in drei ethno-nationalistisch definierte Gebiete
aufteilen, sind wohl nicht völlig aus der Luft gegriffen.
21 Nov 2025
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## AUTOREN
DIR Erich Rathfelder
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