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       # taz.de -- Parlamentswahlen in den Niederlanden: Vierkampf in Den Haag
       
       > Rechtspopulisten, Linksbündnis, Liberale und Christdemokraten liegen in
       > Umfragen zur Parlamentswahl fast gleichauf. Die Bildung einer Koalition
       > führt wohl über das Zentrum.
       
   IMG Bild: Stimmenabgabe für die Wahlen in den Niederlanden zum Repräsentantenhaus am 29. Oktober
       
       Die vorgezogenen Neuwahlen zum niederländischen Parlament am heutigen
       Mittwoch versprechen außergewöhnlich spannend zu werden. Nachdem die
       rechtspopulistische Partij voor de Vrijheid (PVV) wochenlang einen kleinen,
       aber konstanten Vorsprung vor dem rot-grünen Wahlbündnis (GroenLinks/PvdA)
       und den Christdemokrat*innen (CDA) hatte, schmolz dieser auf der
       Zielgeraden des Wahlkampfs zusammen. Zudem schlossen auch die
       progressiv-liberalen Democraten 66 (D66) deutlich auf, sodass alle vier
       sich Hoffnungen auf den Wahlsieg machen können.
       
       Die letzten Umfragen am Vorabend der Wahl sehen die PVV mit 15 bis 19
       Prozent auf gleicher Höhe bzw. hauchdünn vor dem Linksbündnis (15 bis 16,5
       Prozent), D66 (15 bis 16 Prozent) und CDA (12,5 Prozent), der zuletzt
       leicht an Zustimmung verloren hat.
       
       Grund dafür ist, dass Spitzenkandidat Henri Bontenbal unlängst in einem
       TV-Gespräch im Rahmen der Meinungsvielfalt Toleranz gegenüber streng
       protestantischen Schulen äußerte, die Homosexualität verurteilen. Obschon
       Bontenbal sich danach mehrfach von diesem Standpunkt distanzierte, dürfte
       ihn die Aussage Stimmen kosten, die nun offenbar zu den progressiver
       ausgerichteten D 66 tendieren.
       
       Aus dem richtungsweisenden Dreikampf – rechts, links oder Zentrum – ist
       damit ein Vierkampf geworden, der so offen ist wie lange kein Urnengang.
       Gut ein Drittel der Wähler*innen hatten am Vorabend ihre Entscheidung
       noch nicht getroffen.
       
       ## Erneuter Sieg
       
       Insofern kann das Ergebnis noch immer ein erneuter großer Sieg der PVV
       sein. Deren Triumph 2023 hatten die Umfragen auch nicht kommen sehen.
       Dennoch zeichnet sich ab, dass die Absage der meisten Parteien an eine
       Koalition mit den Rechtspopulist*innen ihnen schaden dürfte.
       
       Einen „Schlussstrich unter die Ära Wilders“, wie der rot-grüne
       Spitzenkandidat Frans Timmermans ihn Dienstagabend während der
       Abschlussdebatte im öffentlich-rechlichen TV-Sender NOS beschwor, ist indes
       vermessen. Die PVV ist seit nunmehr 20 Jahren eine gefestigte Kraft in der
       niederländischen Politik.
       
       Ihre Inhalte sind [1][bis weit in die Mitte salonfähig geworden], und im
       Fahrwasser der PVV konnten drei andere Rechtsparteien Sitze im Parlament
       erringen. Zudem hat GroenLinks/ PvdA, die mit ihrer für 2026 geplanten
       Fusion die rechte Hegemonie in der niederländischen Politik brechen wollen,
       zwar Chancen auf den Wahlsieg, doch ihre Umfragewerte stagnieren.
       
       Entgegenkommen könnte dem Bündnis freilich, dass sozio-ökonomische Themen
       wie die Wohnungskrise, Gesundheitskosten, Ungleichheit und Energiepreise im
       Wahlkampf eine zentrale Rolle spielten. In der Abschlussdebatte warfen
       zudem zukünftige Haushaltsdiskussionen ihre Schatten voraus. Die Frage, die
       sich auch den übrigen europäischen Nato-Mitgliedern stellen wird: Woher
       soll das Geld für den erhöhten Verteidigungsetat kommen?
       
       Der Zuspruch für D66 und CDA zeugt unterdessen von der Tendenz zu einer
       Konsolidierung [2][nach der chaotischen Erfahrung der PVV-geführten
       Rechtsregierung]. Der Weg zu ihrer Nachfolgerin wird wahrscheinlich nur
       über die beiden Zentrumsparteien führen.
       
       Ansonsten lässt sich über künftige Koalitionen in Den Haag nur sagen, dass
       wohl erneut vier Parteien dafür nötig sein werden. Bis dahin dürfte es ein
       langer Weg werden, der an diesem Mittwochmorgen beginnt, wenn um 7.30 Uhr
       die Wahllokale öffnen.
       
       29 Oct 2025
       
       ## LINKS
       
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       ## AUTOREN
       
   DIR Tobias Müller
       
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