# taz.de -- Straßenmusik in Russland: Im Karussell der Repression
> In Sankt Petersburg werden Bands von der Polizei angefeindet. Nicht
> selten landen sie im Gefängnis. Ans Aufhören denken sie trotzdem nicht.
IMG Bild: Platz des Aufstands in Piter, ein Ort voll Leben und Protest
Auf dem Ploschtschad Wosstanija herrscht an diesem Abend reges Treiben.
Platz des Aufstands – so heißt auch die Metrostation im Sankt Petersburger
Zentrum, deren kreisrunder Eingangsbereich den passenden Beinamen „Scheibe“
trägt. Vor dem Gebäude bieten Straßenverkäuferinnen Blumen feil, es gibt
auch Livemusik, zur Freude so mancher Passant:innen.
Um Kristina, der Name steht auf einer Schachtel für Spenden, hat sich ein
Halbkreis gebildet. Sie gibt Lieder der populären Gruppe „Der König und
sein Hofnarr“ zum Besten, die alle hier zu kennen scheinen. Ein Mann setzt
zum Tanz an, die anderen schauen zu. Auch eine Mutter mit ihrem kleinen
Sohn ist stehen geblieben. Er erklärt sich erst bereit zu gehen, als
Kristina eine Pause einlegt.
Auf die Frage, ob sie hier schon mal Ärger mit der Polizei gehabt habe,
bejaht sie. „Klar, meistens wegen Lärmbelästigung“, sagt sie. Hinter ihr
bremst gerade ein Pkw. Danach noch einer. Um den Platz verlaufen die
Hauptverkehrsadern der Stadt, ruhig ist es hier nie. „Von dort gibt es
regelmäßig Beschwerden“, erklärte Kristina und deutet in Richtung Hotel
Oktjabrskaja.
Auf der anderen Seite der „Scheibe“ performte am 11. Oktober Diana Loginowa
alias Naoko mit ihrer Gruppe Stoptime. In den Monaten zuvor war die Band
bei ihren Straßenauftritten vor allem beim jüngeren Publikum gut
angekommen. Zum Repertoire der 18-jährigen Musikstudentin gehören Songs von
Monetotschka oder Noize MC. Beide Gruppen hat das Regime zu „ausländischen
Agenten“ regimekritischer Exilkünstler:innen erklärt. Videos von jenem
Auftritt im Oktober gingen viral: glücklich wirkende singende Menschen mit
leuchtenden Smartphones in der Hand. Nicht weniger als 70 Menschen sollen
sich dort versammelt haben, teilte die Polizei mit. Ein Unding aus Sicht
der Ordnungsmacht. Seither verhängt ein Gericht gegen Naoko, den
Gitarristen und den Drummer eine administrative Haftstrafe nach der
anderen. „Karussell fahren“ lautet die sarkastische Bezeichnung dafür.
„Heute gibt es wenigstens einen Grund zu feiern – der Drummer ist frei“,
freut sich ein langhaariger Sänger anderntags. Einige Minuten zuvor hatte
er noch ins Mikrofon „Blut fließt, es herrscht Krieg zwischen Gut und Böse“
geschrien. Es ist kein verbotener Liedtext. „Trotzdem hat die Polizei schon
versucht, uns wegen Ordnungswidrigkeiten dranzukriegen“, sagt ein weiterer
Musiker, der hinter seinem Schlagzeug hervorkriecht. Der Grund: Für
Straßenauftritte brauche es eine Genehmigung, allerdings erteilten die
Behörden grundsätzlich keine.
## Angeblich extremistische Inhalte in Songs
Die Zwei-Mann-Band und eine kleine Schar ihrer Fans verfolgen die
Geschichte mit Stoptime aufmerksam. Wie viele andere auch.
Solidaritätsauftritte für die Petersburger Band gab es in diversen
russischen Städten, einige Musiker:innen landeten deswegen in
Polizeigewahrsam.
„Mich wollten sie vor Gericht nicht als Zeugin befragen“, empört sich eine
Frau, Anfang dreißig und komplett in Schwarz gehüllt. „Ich kenne die Gruppe
zwar erst seit Kurzem, aber ich habe mich mit dem Vorfall intensiv befasst,
sammle Geld und unterstütze sie.“ Sie hält Stoptime für „wahnsinnig cool“,
wäre dem nicht so, gäbe es die ganze Welle an Solidarität nicht. Sie selbst
sei für den aktuellen Gerichtstermin extra aus Moskau angereist, schon zum
dritten Mal.
Tatsächlich erlebe sie die Situation in Petersburg als weitaus krasser als
in Moskau. Etwa zeitgleich zur ersten Festnahme von Diana Lowinowa sei in
Kremlnähe eine Straßenmusikerin von der Polizei mitgenommen worden, weil
sie Songs der Punkband „Pornofilme“ interpretiert habe. Im September hatte
ein Gericht in Sankt Petersburg extremistische Inhalte in einem Track der
Band ausfindig gemacht. Doch der Sängerin in Moskau sei lediglich der
Verstärker abgenommen worden. Gegen Diana Loginowa und den Gitarristen
Alexander Orlow ist in dieser Woche erneut ein Urteil ergangen. Die
Karussellfahrt geht weiter.
16 Nov 2025
## AUTOREN
DIR Vera Bessonova
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