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       # taz.de -- Die verunsicherte Gesellschaft: Ich, ein Patriot?
       
       > Deutsche Identität ist ein ewiges Problem. Ein Ossi of Colour macht
       > demokratiefeste Vorschläge, wie wir wieder einiger werden. Ziehen die
       > Linken mit?
       
   IMG Bild: Deutscher Patriotismus, bunt, fröhlich, demokratisch und mit Augenzwinkern – geht das?
       
       Vor Kurzem [1][moderierte ich] in Radeberg eine Veranstaltung. Ein älterer
       Herr sprach besorgt über den [2][Verfall Deutschlands]. Früher war das
       Leben stabiler und unbeschwerter. Die Parteien hätten versagt, meinte er,
       und fragte, ob die AfD eine Alternative sei? Ich atmete durch und
       antwortete ruhig: Das Wahlprogramm der AfD sei genauso neoliberal wie das
       der CDU, verwalte den Status quo und bedeute soziale Einschnitte. Wenn er
       mit dem Status quo unzufrieden sei, ändere die AfD daran wenig. Plötzlich
       schossen ihm Tränen in die Augen. Er wirkte verzweifelt und verletzt. Die
       Situation lässt mich nicht los.
       
       Woher kommt diese Verletztheit und Verunsicherung, die ich oft bei weißen
       Deutschen wahrnehme – und das, egal ob links oder rechts?
       
       Sie erinnert mich an meine Jugend, geprägt von der Suche nach Zugehörigkeit
       und Identität sowie der Anfälligkeit für Manipulation. Haben wir als Nation
       diese pubertäre Phase der Selbstfindung etwa nie überwunden?
       
       Davon zeugt auch die [3][Stadtbild]-Debatte, ausgelöst durch Friedrich Merz
       bei einem Termin in Brandenburg. Er sagte: „Aber wir haben natürlich immer
       im Stadtbild noch dieses Problem und deswegen ist der Bundesinnenminister
       auch dabei, jetzt in sehr großem Umfang Rückführungen zu ermöglichen und
       durchzuführen.“ Wenn wir ein Problem seien, nur weil wir nicht weiß sind,
       ist das eine nationalistische Tendenz. Das Politiklexikon der
       Bundeszentrale für politische Bildung definiert Nationalismus als eine
       Ideologie, die die Merkmale der eigenen ethnischen Gruppe überhöht, als
       absolut setzt und in dem übersteigerten Verlangen nach Einheit von Volk und
       Raum mündet.
       
       ## Die einfachen Lösungen
       
       Wie verunsichert ist unsere Gesellschaft, wenn sie Konformität braucht, um
       sich selbst zu erkennen? Liegt das daran, dass wir selbst nicht wissen,
       welche Werte unsere Gesellschaft ausmachen?
       
       Und dann sind wir wieder bei einfachen Lösungen für Selbstvergewisserung.
       Nicht weiß? Nicht deutsch? Laut der Bundeszentrale für politische Bildung
       (2023) umfasst Nationalbewusstsein das Wissen über Zugehörigkeitskriterien,
       nationale Symbole und gegenseitige Erwartungen zwischen Individuum und
       Nation. Wobei Nationalbewusstsein und nationale Identität synonym verwendet
       werden können. Es sind also keine angeborenen Merkmale, sondern erlernbare.
       Damit kann auch jeder Mensch deutsch werden.
       
       Aber wie soll diese nationale Identität entstehen, wenn verschiedene
       Gruppen in diesem Land immer wieder gedemütigt werden? Was ist eigentlich
       deutsche Identität? Der deutsche Philosoph [4][Peter Trawny] erklärt
       Adornos Sicht zu der Thematik so: Es gibt keine einfache, feststehende
       deutsche Identität. Stattdessen steht sie für einen ständigen Wandel und
       eine Nicht-Identität. Sie ist geprägt von einem schmerzlichen Bruch durch
       die Schoah und einem nie zu heilenden Riss. Deutsche Identität bedeutet,
       sich immer wieder kritisch mit sich selbst auseinanderzusetzen und sich von
       belasteten Traditionen abzugrenzen. Diese Unsicherheit macht viele
       Heimatgefühle kompliziert.
       
       Wir mussten uns immer wieder neu erfinden. Vom Flickenteppich der
       Fürstentümer über Kaiserreich, Weimar, NS-Zeit, Teilung bis heute. Gerade
       in Zeiten, in denen das europäische goldene Zeitalter versiegt, brauchen
       Menschen eine Identität, die Halt gibt. Vor allem im Land des
       Wirtschaftsmärchens kann man schlecht mit Unsicherheiten umgehen. Nach 1989
       hätten wir eine inklusive deutsche Identität mit allen gesellschaftlichen
       Gruppen entwickeln müssen. Doch es gab keine Vereinigung auf Augenhöhe,
       sondern wieder den Drang nach Konformität. Diese verpasste Chance nutzte
       die Rechte. Die Linke überließ das Feld ohne Gegenangebot.
       
       ## Konstruktive Patrioten
       
       Während der Recherche entdeckte ich das Konzept von [5][Jan Christopher
       Cohrs: „konstruktive Patrioten“]. Das sind Menschen, die ihre Heimat
       lieben, andere nicht abwerten, demokratische Werte vertreten und kritisch
       den Staat beobachten. Sie halten die Gesellschaft zusammen, weil sie ihr
       Umfeld lieben und sich um dieses kümmern. Ich erkenne mich darin wieder.
       
       Als Ossi of Colour bin ich mit Heimat, Toleranz und Demokratie verbunden.
       Ich liebe den Osten, sehe ihn aber auch kritisch. Für mich ist der Osten
       kein exklusiver Raum, sondern offen für alle, die die Regeln achten und
       anpacken. Auf Veranstaltungen merke ich, dass Menschen, die anders denken,
       oft meine Heimatgefühle teilen und überrascht sind, wie ähnlich wir sein
       können.
       
       Ich, ein Patriot? Fühlt sich komisch an. Ich weiß, wie Deutsche, vor allem
       Linke, darauf reagieren. Aber ich darf freier denken als viele andere.
       
       Das liegt daran, dass demokratische Grenzen für mich klar sind. Denn würde
       ich sie verlassen, würde es mir und meinen Liebsten schaden. Und das ist
       mein Problem mit dem Konzept. Aufgrund mangelnder Aufarbeitung der
       Geschichte sind die Grenzen für viele nicht eindeutig. Denn die Folge von
       Merz’ Aussage tragen am Ende Menschen wie ich und nicht unserer Kanzler.
       Mein Vorschlag also: Lasst uns der aktuellen Nicht-Identität eine
       demokratiefeste, deutsche Identität als Angebot entgegenstellen. Dazu
       müssen wir als Linke die Möglichkeiten schaffen, offen darüber sprechen zu
       können.
       
       8 Nov 2025
       
       ## LINKS
       
   DIR [1] /Podcast-Mauerecho/!t6064118
   DIR [2] /Negativity-Bias-im-Journalismus/!6055111
   DIR [3] /Migrationsdebatten/!6126157
   DIR [4] /Wer-ihr-seid--und-wer-es-euch-sagt/!5391414
   DIR [5] https://search.gesis.org/publication/bibsonomy-cohrsjanchristopher2003konstruktiven
       
       ## AUTOREN
       
   DIR Dennis Chiponda
       
       ## TAGS
       
   DIR Patriotismus
   DIR Schwerpunkt Ostdeutschland
   DIR Podcast „Mauerecho“
   DIR Reden wir darüber
   DIR GNS
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   DIR Katrin Göring-Eckardt
   DIR Schwerpunkt Angela Merkel
       
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