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       # taz.de -- Freiwilliges Soziales Jahr: Moderner Kolonialismus im Mantel der Entwicklungshilfe
       
       > Knapp drei Wochen Schnellkurs braucht es, um im Globalen Süden Englisch
       > unterrichten zu dürfen. Das kann nicht reichen, um die Kinder effektiv zu
       > unterrichten.
       
   IMG Bild: SChulkind in Dakar, Senegal: 14 bis 20 Tage, so lange dauert die Vorbereitung, um Kindern im Globalen Süden zu unterrichten
       
       Lehrer sein ohne Ausbildung, Krankenschwester ohne Erfahrung, Betreuer ohne
       pädagogische Qualifikation? Kein Problem. In Tansania, Namibia und etlichen
       anderen Ländern des Globalen Südens können sie ohne Erfahrung für etwas
       Geld ihren Traumjob ausüben. Ein Freiwilliges soziales Jahr (FSJ) im
       Ausland bedeutet für viele junge Erwachsene wichtige Erfahrungen und das
       [1][Aufhübschen ihres Lebenslaufs].
       
       Das eigentliche Ziel, postkoloniale Abhängigkeit zu reduzieren, Menschen,
       die unter extremer Armut und menschenunwürdigen Bedingungen leben, zu
       helfen und neue Zukunftsperspektiven zu schaffen, bleibt dabei oft auf der
       Strecke. 2.373 Tage. Das ist die durchschnittliche Dauer, um [2][voll
       qualifizierter Lehrer] in Berlin zu werden. 1.826 Tage sind vorausgesetzt.
       Das ist sicher berechtigt, wenn man bedenkt, welche Verantwortung sie
       tragen. 14 bis 20 Tage.
       
       So lange dauert die Vorbereitung, um Kindern in Tansania Englisch
       beizubringen. Wie ist diese Diskrepanz zu rechtfertigen? Das Phänomen lässt
       sich mit dem [3][White-Savior-Komplex] erklären. Weiße, privilegierte
       Menschen denken, dass sie Menschen in weniger wohlhabenden Gesellschaften
       retten müssten. Die Projekte vor Ort profitieren nur minimal von der Arbeit
       der Freiwilligen. Hier geht es primär um die Zuschüsse, mit denen der
       Aufenthalt der FSJler finanziert wird.
       
       Der Fokus liegt auf den Helfenden, nicht den Hilfsbedürftigen. Wie schon in
       der Kolonialzeit fließen Ressourcen nicht den Einheimischen zu, sondern
       dienen der Unterstützung und Selbstdarstellung externer Akteure. Der Nutzen
       für die lokalen Gemeinschaften bleibt dabei jedoch oft marginal. Anstelle
       von langfristigen, nachhaltigen Entwicklungsmaßnahmen geht es um eine
       Kurzzeitmission.
       
       Solange solche Programme vorrangig den Freiwilligen dienen, bleibt ein FSJ
       nichts anderes als ein moderner Anstrich für koloniale Muster, die bis
       heute andauern. Wer wirklich helfen will, muss die Stimmen der Menschen vor
       Ort in den Mittelpunkt stellen, nicht die eigenen Erfahrungen.
       
       30 Oct 2025
       
       ## LINKS
       
   DIR [1] /Freiwilliges-Soziales-Jahr/!5152011
   DIR [2] /Lehrerausbildung/!t5012631
   DIR [3] https://www.amnesty.de/allgemein/termine/struktureller-rassismus-und-white-savior-complex
       
       ## AUTOREN
       
   DIR Nick Ennulat
       
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