URI:
       # taz.de -- Deutsche Protestkultur: Magere deutsche Demos
       
       > Unsere französische Autorin geht seit ein paar Jahren auf deutschen
       > Demos. Dabei hat sie immer wieder Heimweh – eine Liebeserklärung an das
       > „Chaos“.
       
   IMG Bild: Trockenes Croissant auf dem Teller einer Berliner Bäckerei
       
       Frankreich hat drei Spezialitäten: Croissants, Wein und die Revolution.
       Während Deutschland die ersten beiden importieren konnte, ist der Geist des
       Letzteren noch nicht in den hippen Berliner Kiezen zu spüren. Dabei wären
       die wichtigsten Zutaten vorhanden: viele linke Menschen, eine
       Haushaltskrise – und arrogante PolitikerInnen. Und trotzdem: Deutsche Demos
       sind langweilig.
       
       Wenn in Berlin demonstriert wird, dann ordentlich und behördlich
       angemeldet. Meistens beginnt der Anmarsch der Demozüge in deutschen Straßen
       erst nach der Anfangsrede, bei der lange herumgestanden werden muss. An den
       geplanten Haltestellen der Route wird gewartet. Und wieder wird lange am
       Mikrofon gelabert.
       
       Auch bei den [1][Protestveranstaltungen #unkürzbar] gegen die
       Sparbeschlüsse des Berliner Senats klingen die gerufenen Parolen wenig
       leidenschaftlich. Es fehlen ohrenbetäubende Pfiffe, beißender Geruch von
       Rauchbomben und in Schleife gesungene Slogans zu geklatschten Rhythmen.
       Obwohl jeder schon weiß, warum er gekommen ist, haben tiefgründige Ansagen
       Priorität.
       
       In Frankreich hingegen besteht die Kunst des sozialen Kampfes darin,
       kollektive Unzufriedenheit und Solidarität zur Schau zu stellen. Die
       französische Demonstration ist wie eine feierliche Tradition, die in jedem
       Alter praktiziert wird. Man lernt schnell, welche Gewerkschaft auf der
       Straße die besten Wege-Würstchen grillt, welcher Stand das billigste Bier
       oder den billigsten Kaffee hat und hinter welchem Orga-Pkw mit den besten
       Hits man mitlaufen sollte.
       
       ## Demo muss Spaß machen
       
       Bei den Demos gegen die Rentenreform 2022 machte die Aktivistin
       [2][Mathilde Caillard] aus Slogans Techno-Remixe. Heute ziehen Jugendliche
       tanzend hinter dem Wagen ihres DJ-Kollektivs auf Pariser Straßen wie auf
       einem fahrenden Rave. Demo muss Spaß machen. Denn um traurig zu sein,
       könnte man genauso gut zur Arbeit gehen.
       
       Bei den letzten Demos in Paris vor wenigen Wochen schrieb die deutsche
       Presse von [3][Chaos und Krawallen] und fühlte sich an die
       [4][Gelbwesten]-Proteste erinnert. Einen Hauch chauvinistischen Stolzes
       können die Franzosen daraus ziehen, dass soziale Bewegungen in ihrem Land
       über die Grenzen hinweg für Lärm und Echo sorgen.
       
       Was in Deutschland Chaos genannt wird, heißt im Frankreich Protestgeist.
       Genau das, was nicht geplant und angemeldet ist, muss stattfinden. Wenn der
       zum Beispiel von den Gewerkschaften geführte Zug an seinem Ziel ankommt,
       kann es bis in die Nacht mit einer „wilden Demo“ weitergehen – wie die
       Aftershow einer guten Party, nur meistens mit Polizeigewalt. Böse
       Karikaturen, grobe Slogans, Animositäten gegen politische Personen gehören
       zu jeder gewöhnlichen Demonstration: Hauptsache Provokation.
       
       Damit wird auch das Erbe der Gelbwesten, der Bewegung Nuit debout, und
       einer Reihe sozialer Kämpfe, die lange vor dem berühmten Mai 68 begonnen
       haben, am Leben gehalten. Auch das gehört zur Widerstandsleistung gegen ein
       politisches System.
       
       Und von einer Genossin zu den anderen: Deutschland sollte sich ruhig ein
       bisschen Chaos wünschen. Das ist doch die Essenz jeder guten Demonstration.
       Was nützt es, nach Disziplin zu suchen, wenn es darum geht, die bestehende
       Regierung zu stürzen? Proteste entsprechen im Grunde allem, was der
       typische Alman eben nicht ist: laut, störend, ungehorsam und ja, auch
       chaotisch. Denn wenn man an den Wahlurnen nicht gehört wird, dann eben auf
       der Straße.
       
       Die deutschen Demonstrationen sind so unbewegt wie ihre Politikszene.
       Vielleicht wechseln die Franzosen ihren Premier jede zweite Woche, aber
       wenigstens wird es auf den Pariser Straßen nie langweilig. Letztendlich
       sind deutsche Demos wie das Croissant aus einer Berliner Bäckerei am
       Morgen. Es sieht ähnlich wie das Original aus, ist aber nicht fett genug.
       
       23 Oct 2025
       
       ## LINKS
       
   DIR [1] /unkuerzbar-Demo/!6119145
   DIR [2] https://x.com/math_caill/status/1635642786119548930?ref_src=twsrc%5Etfw%7Ctwcamp%5Etweetembed%7Ctwterm%5E1635642786119548930%7Ctwgr%5E28c3b379f089275aa7317f3df5ed7495fa76d04e%7Ctwcon%5Es1_&ref_url=https%3A%2F%2Fwww.radiofrance.fr%2Fmouv%2Fmathilde-caillard-ca-a-beaucoup-plus-plu-que-ca-en-l-air-meme-aupres-d-adversaires-politiques-5164880
   DIR [3] https://www.morgenpost.de/politik/article410034626/massenproteste-in-frankreich-muenden-in-ausschreitungen.html
   DIR [4] https://www.tagesspiegel.de/internationales/blockieren-wir-alles-in-frankreich-formiert-sich-eine-neue-gelbwesten-bewegung-14197520.html
       
       ## AUTOREN
       
   DIR Gabrielle Meton
       
       ## TAGS
       
   DIR Protestkultur
   DIR Deutsche Politik
   DIR Soziale Bewegungen
   DIR Demonstration
   DIR Social-Auswahl
   DIR Streik
   DIR Schwerpunkt Emmanuel Macron
   DIR Demonstration
       
       ## ARTIKEL ZUM THEMA
       
   DIR Arbeitskampf bei Lieferando: „Noch krassere Ausbeutung“
       
       Lieferando-Fahrer*innen streiken gegen die Vorhaben des Lieferdienstes. Das
       Unternehmen will stärker auf prekäre Tagelöhner*innen setzen.
       
   DIR Proteste in Frankreich: „Ob Lecornu oder ein anderer…“
       
       Während der neue französische Premier Lecornu sein Amt antritt, wird im
       ganzen Land demonstriert. Es ist vielleicht die erste Runde einer
       Eskalation.
       
   DIR Demonstrationen: Deutschland, deine Protestkultur
       
       Konfrontieren Bürger*innen ihre Vertreter*innen, gilt das schon als
       „Verrohung“. Dabei ist Abschottung der politischen Klasse undemokratisch.
       
   DIR Historikerin über französische Protestkultur: "Der Staat ist autistisch"
       
       Die französische Historikerin Danielle Tartakowsky über die Wut der
       Franzosen, die Substanz ihrer Proteste und die Unterschiede zum sozialen
       Dialog in Deutschland.