# taz.de -- Ende der Boheme: Das ist Kunst. Das kann weg
> Der Kahlschlag in der Sozialpolitik trifft auf eine ohnehin verunsicherte
> Kreativszene. Nennenswerter Widerstand ist von ihr nicht zu erwarten.
IMG Bild: „Unkürzbar“: Demo in Berlin am 15. Dezember 2024
Der immer weiter fortschreitende Kahlschlag in den Sozialsystemen lässt bei
vielen Zukunftsängste aufkommen. Aktuell fangen angesichts der
Zusammenstreichung der sogenannten Grundsicherung – die diesen Namen nicht
mehr verdient – auf ein Gnadenbrot auch diverse Interessenverbände an,
Bedenken anzumelden.
Der Deutsche Journalisten-Verband zum Beispiel ist alarmiert, weil die
Pläne der Regierung befürchten ließen, dass Grundsicherung nur dann bezogen
werden kann, [1][wenn die Rücklagen aufgebraucht sind.] Diese Rücklagen
können aber im Fall von Selbstständigen die Alterssicherung sein – muss die
abgefrühstückt werden, bevor überhaupt eine soziale Sicherung greift, wird
Hartz IV gleichbedeutend mit Altersarmut.
Um jetzt den Haushalt zu entlasten, bereitet die Bundesregierung die
zukünftige Verelendung gerade auch von Kreativen und Selbstständigen vor.
Zum idealen Stadtbild von Friedrich Merz gehören offenbar flaschensammelnde
60-jährige Publizist*innen und Musiker*innen jenseits der 70, die
bei Wind und Wetter an der Straßenecke den Hut aufstellen müssen, weil es
sonst nicht mehr reicht.
Diese neuerlichen Zumutungen, die mit der Reform der Grundsicherung
durchgesetzt werden sollen und die nichts anderes sind als eine
institutionell verankerte Herabwürdigung von Armut, treffen auf eine eh
schon hochgradig prekarisierte Branche.
## Verschwindende Inseln
Journalist*innen und Künstler*innen finden sich da im gleichen Boot
wieder. Gestiegene Lebenserhaltungskosten, explodierende Mieten und ganze
Branchen in der Krise führen zu einer Unsicherheit, die nicht selten in
schiere Existenznot umschlägt. Obendrein werden die Inseln der
Möglichkeiten – wie Berlin früher einmal eine gewesen ist – immer kleiner
oder verschwinden ganz.
In einem [2][Interview mit dem Deutschlandfunk] erzählte beispielsweise die
Musikerin und Autorin Christiane Rösinger, dass ihre Rente aktuell 400 Euro
umfasse. Damit ist sie keineswegs ein Einzelfall. Bei einer solchen Rente
kommen in der Regel zwar noch andere Einnahmen hinzu – die Miete wird
normalerweise übernommen, aktuell greift in dieser Größenordnung auch die
Grundsicherung noch, sofern man nicht, wie Christiane Rösinger es
glücklicherweise tut, [3][noch arbeitet.] Aber all das kann nur
funktionieren, wenn man sich auch im Alter maximale Flexibilität bewahrt.
Und Voraussetzung für diese Flexibilität ist eine einigermaßen intakte
Gesundheit. Sollte die aber, auch durch den jahrelangen Raubbau, den diese
Gesellschaft Freiberufler*innen abverlangt, gelitten haben, dann
wartet schon die nächste niederträchtige Idee der Union auf eine*n: Mit der
möglichen [4][Abschaffung von Pflegegrad 1] würde auch diese
Lebenssituation noch schwieriger zu gestalten, als sie es eh schon ist.
Es ist angesichts solcher Umstände nicht verwunderlich, dass junge
Künstler*innen und Journalist*innen diesen Branchen den Rücken
kehren.
## Kampf gegen die tatsächliche Kultur im Land
Aktuell hat die Autorin [5][Bettina Wilpert] eine Debatte über die
Lebbarkeit dieser Lebensentwürfe angestoßen, als sie ankündigte, neben dem
Schreiben einen Job aufzunehmen. Dass sie diese Entscheidung selbstbestimmt
und aus einer gesicherten Position heraus traf, ändert nichts an dem
Umstand, dass es sich hier um ein gesellschaftliches Phänomen handelt.
Während aber Kulturstaatsminister Wolfram Weimer keine Gelegenheit
auslässt, sich mit obskuren Kulturkampfthemen zu Wort zu melden, ignoriert
er weitgehend die ökonomischen Bedrohungen einer lebendigen kulturellen und
publizistischen Szene. Immerhin hat er nach den Angriffen der rechten
Aktivisten von Nius die Verleihung des Deutschen Verlagspreises
insbesondere an den Verbrecherverlag und den Unrast Verlag verteidigt
(obwohl er mit seinem Gerede von den GEZ-Abgaben als „Zwangsgebühren“
selbst mit die Grundlage geschaffen hat, staatlich unterstützte kulturelle
und publizistische Arbeit zu diskreditieren).
Die Verarmung der kulturellen Landschaft durch die Prekarisierung der
kreativen Branchen wird jetzt schon sichtbar – circa alle drei Monate macht
der nächste verdienstvolle Kleinverlag zu, zuletzt kündigte der
[6][Berenberg Verlag] an, den Betrieb einzustellen; just in dem Moment, als
der Verlag mit „Wachs“ von Christine Wunnicke einen Titel auf der Shortlist
des Deutschen Buchpreises hatte. Und auch das Zeitungssterben droht weiter
– aktuell kämpft [7][einmal wieder das nd ums eigene Überleben.]
Die schnöde Realität der neuen deutschen Leitkultur, für die Friedrich Merz
und seine Bundesregierung stehen, ist also nichts weiter als Kampf gegen
die tatsächliche Kultur im Lande: sowohl gegen Künstler*innen und
Publizist*innen als auch gegen die Institutionen, die sie tragen und
halten. Boheme heißt also zu hackeln, bis man umfällt: und die
Bohemisierung weiter Teile der Gesellschaft scheint das Kernprojekt der
aktuellen Regierung zu sein. Allerdings fehlt diesem ganzen politischen
Projekt jede Romantik, jede Lebensfreude, jeder subversive Geist. Auch das
ist Dunkeldeutschland.
25 Oct 2025
## LINKS
DIR [1] https://www.djv.de/news/pressemitteilungen/press-detail/altersvorsorge-muss-tabu-bleiben/
DIR [2] https://www.deutschlandfunk.de/when-i-m-64-altwerden-im-pop-und-altersarmut-im-musikbusiness-100.html)
DIR [3] https://www.reservix.de/tickets-christiane-roesinger/t10573
DIR [4] /SPD-will-Pflegestufe-1-beibehalten/!6112661&s/
DIR [5] /Autorin-ueber-Literaturbetrieb/!6115326
DIR [6] /Abschied-vom-Berenberg-Verlag/!6112559
DIR [7] /nd-in-der-Krise/!6117763
## AUTOREN
DIR Frédéric Valin
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