URI:
       # taz.de -- Tagebuch aus der Ukraine: Bauen für eine bessere Zeit in besseren Häusern
       
       > In Odessa entstehen viele Häuser. Teils, weil der Krieg viel Wohnraum
       > zerstört hat. Teils aber auch, weil Bauen die Menschen wieder
       > zusammenbringt.
       
   IMG Bild: Baubedarf in der Ukraine: Haus in Odessa, von dem nur noch die Fassade übrig ist
       
       Leben und Tod liegen bei uns in [1][Odessa] ganz nah beieinander. Die
       nächtlichen Beschüsse durch die russische Armee richten Zerstörungen an,
       die Ukrainer krempeln die Ärmel hoch, wischen sich die Tränen ab und bauen
       das Verlorene wieder auf.
       
       Mein guter Freund und Kollege Dmitry Dokunov – Journalist, Vegetarier und
       Buddhist – hatte einen Offiziersrang und ging in den ersten Tagen der
       [2][groß angelegten Invasion], um die Ukraine zu verteidigen. Er wurde
       verwundet und aus gesundheitlichen Gründen aus der Armee entlassen. Dmitry
       brauchte nicht nur körperliche Rehabilitation, sondern auch mentale
       Erholung. Zusammen mit seiner Frau beschloss er, in ein Dorf in der Region
       Odessa zu ziehen.
       
       Dort bauten sie mit eigenen Händen ein Haus. Mit der Zeit bauten sie auch
       Häuser für ihre Freunde und gründeten die Ökosiedlung „[3][Toloka]“. Ihre
       Häuser sind klein und bestehen aus Holz, Kalk, Lehm und anderen natürlichen
       Materialien. Die jungen Leute arbeiten auf dem Land, bauen Obst und Gemüse
       an und praktizieren bewussten Konsum. Sie nehmen auch ukrainische Soldaten
       zur Rehabilitation auf, da sie der Meinung sind, dass gerade einfache
       Arbeit – etwa Bauen oder Landwirtschaft – einen Menschen wieder ins Leben
       zurückbringen kann.
       
       Wir alle wissen, dass der Krieg früher oder später (hoffentlich so schnell
       wie möglich) zu Ende sein wird. Anstelle der Ruinen sollen neue Gebäude
       entstehen. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden in der Ukraine sogenannte
       „[4][Chruschtschowki]“ aus Ziegeln und Beton gebaut. Die Bewohner dieser
       Häuser beklagen sich nun, dass sie bei Renovierungsarbeiten alles Mögliche
       in den Wänden finden – von Kinderstrumpfhosen bis hin zu Flaschen.
       Anscheinend mussten die Bauarbeiter die Wände schnell füllen und stopften
       alles hinein, was ihnen in die Hände fiel.
       
       ## Wegen Krieg und trotz Krieg: Es muss gebaut werden
       
       In Odessa gibt es außerdem noch Häuser aus Muschelkalk. Diese Häuser fallen
       auch ohne Krieg auseinander. Sobald die Regenzeit in der Stadt beginnt,
       kommt es zu neuen Einstürzen. Auch jetzt wird in der Stadt weiter gebaut.
       Trotz der fast nächtlichen Beschüsse arbeiten die Baukräne weiter. Es
       werden jedoch hauptsächlich Hochhäuser gebaut, die oft an Ameisenhaufen
       erinnern.
       
       Kürzlich habe ich erfahren, dass der [5][Bausektor] für fast 30 Prozent der
       weltweiten CO₂-Emissionen, 40 Prozent des Energieverbrauchs, 50 Prozent des
       Ressourcenverbrauchs und 60 Prozent der Abfallerzeugung verantwortlich ist.
       In Verbindung mit den durch den Krieg verursachten Emissionen,
       Umweltverschmutzungen und Klimaveränderungen würde ich mir
       umweltfreundlichere Gebäude in der Stadt wünschen. So wie „Toloka“ in der
       Region Odessa. Oder wie es in der benachbarten Region Nikolaev geplant ist.
       Dort ist inmitten der Ruinen ebenfalls eine Toloka entstanden. Dieses Wort
       bezeichnet übrigens eine alte Methode, bei der die gesamte Gemeinde
       gemeinsam baut.
       
       In [6][Pervomaisk], wo einst 9.000 Menschen lebten und heute nur noch 2.500
       übrig sind, wurde ein Projekt zum Bau und zur Ausbildung im Bauwesen
       gestartet, bei dem künstlerische und wissenschaftliche Ansätze bei der
       Entwicklung und Verwendung natürlicher Materialien wie Stroh, Hanf, Lehm,
       Holz, Wolle zum Einsatz kommen. Blöcke aus Kalk, Stroh und Wasser sind
       doppelt so leicht wie Holz und können zum Ausfüllen von Schäden in Wänden
       verwendet werden. Diese Bauweise wird gelehrt, indem erklärt wird, wie sie
       mit neuen Technologien kombiniert werden kann. Wir lernen, auf neue Weise
       zu bauen, aber in Wirklichkeit gewinnen wir eine alte Fähigkeit zurück –
       das Zusammenleben und -arbeiten.
       
       [7][Tatjana Milimko] ist Chefredakteurin des ukrainischen
       Onlinenachrichtenportals [8][USI.online] und Alumna der taz Panter Stiftung
       ([9][Workshops für Journalist:innen aus Osteuropa])
       
       Aus dem Russischen von [10][Tigran Petrosyan]. 
       
       Durch Spenden an die [11][taz Panter Stiftung] werden unabhängige und
       kritische Journalist:innen vor Ort und im Exil im Rahmen des Projekts
       „Tagebuch Krieg und Frieden“ finanziell unterstützt.
       
       10 Oct 2025
       
       ## LINKS
       
   DIR [1] /Odessa/!t5009857
   DIR [2] /Schwerpunkt-Krieg-in-der-Ukraine/!t5008150
   DIR [3] https://de.wikipedia.org/wiki/Toloka
   DIR [4] https://de.wikipedia.org/wiki/Chruschtschowka
   DIR [5] /CO2-Bilanz-von-Zement-Beton-und-Co/!6092246
   DIR [6] /Dekolonisierung-in-der-Ukraine/!6059916
   DIR [7] /Tatjana-Milimko/!a127521/
   DIR [8] https://usionline.com/
   DIR [9] /Osteuropa-Workshops/!vn6047722/
   DIR [10] /Tigran-Petrosyan/!a22524/
   DIR [11] /Panter-Stiftung/Spenden/!v=95da8ffb-144e-4a3b-9701-e9efc5512444/
       
       ## AUTOREN
       
   DIR Tatjana Milimko
       
       ## TAGS
       
   DIR Kolumne Krieg und Frieden
   DIR taz Panter Stiftung
   DIR Schwerpunkt Krieg in der Ukraine
   DIR Reden wir darüber
   DIR Social-Auswahl
   DIR Kolumne Krieg und Frieden
   DIR Kolumne Krieg und Frieden
   DIR Kolumne Krieg und Frieden
   DIR Kolumne Krieg und Frieden
   DIR Kolumne Krieg und Frieden
   DIR Kolumne Krieg und Frieden
       
       ## ARTIKEL ZUM THEMA
       
   DIR Tagebuch aus Georgien: Einmal Tiflis, nicht zurück, auch nicht woanders hin
       
       Unsere Autorin lebt im georgischen Batumi. Zurück nach Belarus kann sie
       nicht. Und aus ihrem Exilland mag sie nicht wegfahren. Denn sie lebt
       illegal.
       
   DIR Tagebuch aus Kasachstan: Etwas besseres als Almaty finden sie fast überall
       
       Unser Autor fragt sich, warum junge Kasachen gegen die Ukraine kämpfen,
       obwohl Strafen drohen. Es zeigt sich: Sogar die Aussicht auf Haft
       motiviert.
       
   DIR Tagebuch aus Moldau: Schwul in Chișinău
       
       Homophobie gehört sowohl zum sowjetischen Erbe in der Republik Moldau als
       auch zur religiösen Gegenwart. Und sie ist ein Teil von Moskaus
       Kulturkampf.
       
   DIR Tagebuch aus der Ukraine: Die flüssige Schönheit Odessas
       
       Unsere Autorin liebt das Schwarze Meer und seine Strände. Nun kämpft sie
       dafür, dass es dort sauber wird. Und dass es endlich Toiletten gibt.
       
   DIR Tagebuch aus der Ukraine: Kurze Geschichte über eine Traktoristin zu Kriegszeiten
       
       Warum unsere Autorin in Odesa​​ nicht mehr von Akkordeonklängen geweckt
       wird. Und weshalb ihre Nachbarin nun für die Landwirtschaft ausgebildet
       wird.
       
   DIR Tagebuch aus der Ukraine: Die Gegend der Affen
       
       Unsere Autorin besucht gerne einen Hof mit exotischen Tieren. Ein Ehepaar
       kümmert sich hier um Vier- und Zweibeiner, die zurückgelassen wurden.