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       # taz.de -- Innensenator bleibt Buchvorstellung fern: Ulrich Mäurers Luftnummer
       
       > Bremens SPD-Innensenator zieht ein Grußwort für das Buch „Mit Russland“
       > zurück. Dessen Hauptautor ist ein alter Bekannter ohne
       > Russland-Expertise.
       
   IMG Bild: Butscha 2022, Untersuchung von Kriegsverbrechen: Wie soll ein Buch, das Leichen übergeht, für Frieden sorgen?
       
       BREMEN taz | Die taz hat Ulrich Mäurer (SPD) durch Nachfragen offenbar vor
       einem ziemlichen Fauxpas kurz vor dem Karriereende bewahrt. Denn
       ursprünglich hatte der amtierende Vorsitzende der Innenministerkonferenz
       (IMK) am Freitag die Premiere eines Buchs [1][von Stefan Luft und anderen
       mit einem Grußwort adeln wollen], das leicht mit russischer Propaganda
       verwechselt werden kann.
       
       „Mit Russland“ heißt es, fordert im Untertitel eine „Politikwende“, und
       beginnt mit einem flammenden Vorwort, in dem Ex-Politiker Günter Verheugen
       der Nato die Schuld für den Angriff Russlands auf die Ukraine gibt.
       
       Wie wohl jedes Propagandawerk es zur Verschleierung seiner Intention täte,
       betreibt auch dieses Buch Vorwegverteidigung gegen den Vorwurf, Propaganda
       zu sein: Hier indem es, gestützt auf die Einschätzung von US-Vizepräsident
       James D. Vance, Defizite der Meinungsfreiheit in Deutschland suggeriert.
       Das darf man in Deutschland so sagen: Also wird das Werk am Freitag im
       Bremer Presseclub vorgestellt, aber eben ohne Senator Mäurer.
       
       Der hat abgesagt. Am Montag hatte die taz den Innensenator gefragt, wie oft
       er solche Grußworte stiftet, wie er den Inhalt des Buchs bewertet, und wie
       er denn sichergestellt hat, dass es nicht inhaltlich Teil der „Flut von
       Desinformation und staatlicher Propaganda“ ist, mit der Russland seinen
       militärischen Angriffskrieg gegen die Ukraine laut Verfassungsschutz
       begleitet?
       
       ## Osteuropa-Expertise gibt's viel in Bremen
       
       Vor der warnt ja jedes, so auch das Bremer Landesamt. Das ist dem
       Innensenator unterstellt: Mäurer hat also Expertise im eigenen Haus.
       
       Es wäre ein ziemlicher Anfängerfehler gewesen, und im Hinblick auf seine
       temporäre bundespolitische Rolle als IMK-Vorsitzender unverantwortlich, sie
       als Innensenator nicht in Anspruch zu nehmen – oder, falls er dem
       Verfassungsschutz persönlich nicht über den Weg traut, Externe
       hinzuzuziehen. Hätte der Innensenator zum Beispiel die – weltweit
       anerkannte – [2][Bremer Forschungsstelle Osteuropa (FSO) um eine
       Einschätzung gebeten?]
       
       Allerdings: Eine Antwort hat die taz nicht bekommen, sondern nur, dafür
       schon am Dienstag, die Mitteilung, dass „alle Überlegungen, die zum Ziel
       haben, diesen furchtbaren, völkerrechtswidrigen Krieg zu beenden“, es wert
       seien, „durchdacht und diskutiert zu werden“.
       
       Er habe „aber in Anbetracht der aktuellen gesellschaftlichen Diskussionen
       dazu“ verstanden, dass seine Anwesenheit „zu Missverständnissen oder
       Irritationen führen würde“. Dies wäre laut Mäurer einem konstruktiven
       Dialog nicht dienlich. „Ich habe mich deshalb entschieden, den
       Veranstaltern abzusagen.“
       
       Manche Auskünfte lassen sich ohne Antworten rekonstruieren. So hat Mäurer
       die FSO beispielsweise sicher nicht um eine Einschätzung gebeten. Denn dort
       hätte man ihn gewarnt: „Das Buch ist wirklich brandgefährlich“, so
       FSO-Direktorin Susanne Schattenberg. Im [3][Gastkommentar in der taz]
       erklärt sie, warum.
       
       Offenkundig ist, dass Mäurers Grußwort dem Buch einen Anstrich von
       Seriosität verliehen hätte. Dabei bleibt die Annahme des Senators
       rätselhaft, dass in ihm „Überlegungen“ angestellt würden, die zum Ziel
       hätten, den „furchtbaren, völkerrechtswidrigen Krieg zu beenden“. [4][Um
       das ernsthaft zu tun], wäre es schließlich nötig gewesen, Primärquellen
       anzuzapfen – notfalls in Übersetzung.
       
       Doch davon sehen die Autoren ab. Sie beziehen sich auf Leitartikel und
       Kommentare, die sie metakommentieren. [5][Weder Wladimir Putins Reden und
       geschichtsphilosophische Aufsätze] noch Ansprachen beispielsweise von
       Wolodymyr Selenskyj [6][werden an irgendeiner Stelle konsultiert],
       geschweige denn analysiert. Der Rückgriff auf Daten, Fakten, Empirie oder
       auch nur die dank der Website [7][dekoder.org] sehr leicht zugänglichen
       oppositionellen Stimmen aus Russland, der Ukraine und Belarus [8][werden
       geradezu ängstlich vermieden].
       
       Folglich formuliert keiner der Beiträge auch nur einen Gedanken, wie
       „diplomatische Ansätze“ aussehen könnten, die sie, als Schlagwort, stetig
       beschwören: Dafür müsste [9][ein Umgang mit den Kriegsverbrechen gefunden
       werden], die alle drei Autoren zu erwähnen vergessen.
       
       Ebenso wenig spielen bei ihnen das Scheitern [10][der Minsker Abkommen] und
       der Bruch des Vertrags von Kiew eine Rolle. Wie will man ohne das
       abschätzen, was wir hoffen dürfen? Kurz: Das methodisch indefinite Werk
       kann bestenfalls als Bekenntnisliteratur durchgehen. Erkenntnisse, neue
       gar, fehlen.
       
       ## Mäurer stiftet selten Grußworte
       
       Rätselhaft insofern, warum Mäurer dafür Werbung hatte machen wollen. Denn
       dass er Grußworte stiftet, ist selten. Recherchen führen in seiner
       17-jährigen Amtszeit nur auf zehn weitere Fälle, und nur eine
       Verbundenheitsadresse galt einer nicht vom Senat verantworteten
       Publikation: Das ist neun Jahre her.
       
       Im Mai 2016 war Mäurer – tada! – für das Büchlein „Die Flüchtlingskrise“ in
       die Bütt gestiegen. Autor: [11][Privatdozent Stefan Luft]. Das scheint mit
       Lufts Vorleben zu tun zu haben: Der Hannoveraner war [12][Ende des
       vergangenen Jahrhunderts] als Spindoktor des [13][offen homophoben „Law and
       Order“-Innensenators] Ralf H. Borttscheller in die Bremer Landespolitik
       gekommen.
       
       Der hatte später gesondert strafrechtlich verfolgt werden müssen; das war
       [14][eine lustige Geschichte]. Luft hingegen blieb bis 2004 Sprecher der
       CDU-Bürgermeister, so wie Mäurer der Staatsrat fürs Grobe des
       SPD-Bürgermeisters war.
       
       Vor Ende der großen Koalition aber bekam die Uni Luft als neuen Mitarbeiter
       zugeteilt. Dass er seither an Forschungen zu Osteuropa, Russland oder der
       Ukraine mitgewirkt hätte, ist nicht überliefert.
       
       18 Sep 2025
       
       ## LINKS
       
   DIR [1] /Luft-amp-nix-dahinter/!680203&s=Stefan+Luft/
   DIR [2] /US-Operation-Atlantic-Resolve/!5369050
   DIR [3] /Buch-Mit-Russland/!6110439
   DIR [4] /Forscherin-ueber-Auswege-fuer-Russland/!5839719
   DIR [5] https://putin.dekoder.org/medwedew-putin/
   DIR [6] https://www.bundestag.de/dokumente/textarchiv/2024/kw24-rede-selenskyj-de-1008282
   DIR [7] https://www.dekoder.org/
   DIR [8] https://www.bpb.de/themen/europa/russland-analysen/nr-380/304200/dekoder-die-gesellschaftliche-wandlung-nach-20-jahren-putin/
   DIR [9] /Forderungen-nach-Frieden-mit-Putin/!6035600
   DIR [10] https://laender-analysen.de/ukraine-analysen/316/das-minsk-abkommen-von-2015-zehn-lehren-fuer-2025/
   DIR [11] /Luft-sorgt-fuer-Turbulenzen/!278566&s=Stefan+Luft+Integration&SuchRahmen=Print/
   DIR [12] /Mit-Schampus-und-Zeckenbiss/!282776&s=Borttscheller+Scheck&SuchRahmen=Print/
   DIR [13] /Mit-aller-Kraft-gegen-die-Homo-Ehe/!1291928&s=Borttscheller+Homo+Ehe/
   DIR [14] /Beguenstigung/!591453&s=Borttscheller+500+000+Pfund&SuchRahmen=Print/
       
       ## AUTOREN
       
   DIR Benno Schirrmeister
       
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