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       # taz.de -- Vorläufiges aus für Batteriefabrik: Kanadier ziehen Northvolt den Stecker
       
       > Die Provinz Québec will kein weiteres Geld mehr für eine Batteriefabrik
       > ausgeben. Das gibt für ein ähnliches Projekt in Schleswig-Holstein zu
       > denken.
       
   IMG Bild: Große Vergangenheit, ungewisse Zukunft: Auf dem Northvolt-Gelände bargen Archäologen 2024 große Schätze
       
       Hamburg taz | Schlechte Nachrichten für Northvolt, die Firma, die im
       schleswig-holsteinischen Heide eine Batteriefabrik für Elektroautos bauen
       will: Einem ähnlichen Projekt in Kanada will die Provinzregierung von
       Québec kein weiteres Geld mehr hinterherwerfen, so berichten es kanadische
       Medien. Derweil verhandeln Schleswig-Holstein und der Bund mit einem
       Käufer, wie das hiesige Projekt fortgesetzt werden könnte.
       
       In die schwedische Start-up-Firma Northvolt haben westliche Regierungen und
       Firmen große Hoffnungen gesetzt. Denn sie versprach, die Wirtschaft in
       Europa und Nordeuropa bei der [1][Produktion von Batteriespeichern ein
       Stück weit unabhängig von China] zu machen. Die Akkumulatoren spielen eine
       zentrale Rolle bei der Energiewende – sowohl bei der Speicherung grünen
       Stroms als auch für den Antrieb von Elektroautos. Zu den Investoren
       gehörten deshalb Volvo, Scania und VW.
       
       Kanadischen Medien zufolge hat die Provinz Québec insgesamt 510 Millionen
       Dollar für eine Batteriefabrik in der Nähe von Montréal im Feuer stehen:
       270 Millionen hat sie in die schwedische Northvolt-Mutterfirma investiert,
       die durch deren Insolvenz futsch sind. Weitere 240 Millionen hat sie als
       besichertes Darlehen gewährt, für das bereits 20 Millionen Dollar an Zinsen
       aufgelaufen sind. Dieses Geld will sich die Provinz zurückholen.
       
       Northvolt habe es versäumt, „mit Blick auf Quebécs Interessen einen
       zufriedenstellenden Plan vorzulegen“, zitierten verschiedene Medien die
       Wirtschaftsministerin Quebécs, Christine Fréchette. Das habe sie
       veranlasst, „unsere Rechte geltend zu machen und soviel wie möglich von
       unserem Investment zu retten“. Das Projekt habe sich als nicht erfolgreich
       erwiesen. Die Provinzregierung sei natürlich enttäuscht.
       
       ## Viel Geld vom Staat
       
       Die Hoffnung der Québecois ruhte auf der US-Firma Lyten, [2][die
       angekündigt hat, das kanadische Projekt ebenso übernehmen] zu wollen
       [3][wie das in Heide]. Auch in Deutschland hat sich der Staat mächtig
       engagiert: Schleswig-Holstein und der Bund bürgten für je 300 Millionen
       Euro Kredit, die sie wohl abschreiben müssen.
       
       Die Tochterfirma für das Northvolt Six genannte Projekt in Kanada ist nach
       Firmenangaben ebenso wenig insolvent wie das deutsche Projekt Northvolt
       Drei – im Gegensatz [4][zur Mutterfirma, die im März ein Insolvenzverfahren
       beantragt hat]. Insolvenzverwalter Mikael Kubu versucht nun, so viel wie
       möglich an Unternehmenssubstanz zu retten. In Europa ist er dabei einen
       Schritt weiter als in Kanada: [5][Anfang August hat er Lyten den Zuschlag
       für einen Rettungsversuch gegeben].
       
       Das entsprechende Angebot Lytens umfasst nach Auskunft der
       schleswig-holsteinischen Landesregierung die schwedischen und deutschen
       Aktivitäten Northvolts. Das Projekt in Deutschland soll im laufenden
       Betrieb übernommen werden.
       
       Dabei sei damit zu rechnen, dass Lyten weiteres öffentliches Geld
       verlangen werde, befürchtet der schleswig-holsteinische
       Oppositionsabgeordnete Kianusch Stender (SPD). Er liest das aus einer
       Antwort der Landesregierung, die ihm mitteilte, bezüglich der Verträge mit
       Northvolt seien „Anpassungsbedarfe“ abzustimmen. „Die Rolle des Landes
       umfasst in diesem Zusammenhang Fragen der Finanzierung der deutschen
       Tochtergesellschaften sowie zu Genehmigungsprozessen“, heißt es in dem
       Text.
       
       Ein Sprecher des schleswig-holsteinischen Wirtschaftsministeriums sagt, die
       Verhandlungen seien vertraulich. Für eine Stellungnahme sei es zu früh.
       
       In Kanada soll Lyten bei der Verhandlungen mit der Provinzregierung über
       eine Fortführung von Northvolt Six „unverhältnismäßige Forderungen“
       gestellt haben, wie The Canadian Press schreibt. Die Zeitung zitiert eine
       Sprecherin Fréchettes, Lyten habe zusätzliches Fördergeld von der
       Provinzregierung gewollt, was diese abgelehnt habe. Die Regierung habe das
       Risiko gescheut, noch mehr Steuergeld in ein weiteres, relativ neues
       Unternehmen zu stecken.
       
       Northvolt Nordamerika bedauerte die Entscheidung der Provinzregierung
       angesichts der Tatsache, dass das Unternehmen gerade versuche, einen Käufer
       zu finden. Man habe immer noch „substanzielle Ressourcen“, um das Projekt
       neu zu starten.
       
       The Canadian Press zitiert einen Lyten-Sprecher mit den Worten, Lyten sei
       nach wie vor willens, eine nordamerikanische Gigafabrik zu bauen und würde
       dabei gern mit der Regierung Québecs zusammenarbeiten.
       
       Für Deutschland bestätigte das Bundesministerium für Wirtschaft, dass Lyten
       am 8. August einen separaten Kaufvertrag für das deutsche Projekt
       abgeschlossen habe. Bevor der Kauf abgewickelt werden könne, müssten aber
       noch bestimmte Vollzugsbedingungen erfüllt werden. Es handele sich „um
       einen vielschichtigen und komplexen Prozess, bei dem rechtliche,
       wirtschaftliche und regulatorische Aspekte eng aufeinander abgestimmt
       werden müssen“.
       
       Der schleswig-holsteinische FDP-Landtagsabgeordnete und ehemalige
       Wirtschaftsminister Bernd Buchholz kommentiert: „Wenn sich eine Region aus
       der Finanzierung einer derart großen Unternehmensansiedlung herauszieht,
       dann geschieht das nicht leichtfertig und lässt bei mir die Alarmglocken
       schrillen.“ Die Landesregierung müsse sich deutlich gründlicher mit dem
       Unternehmen Lyten befassen, als sie es bei Northvolt getan habe.
       
       Sein SPD-Kollege Stender findet, es wäre zu früh, um aus dem Projekt
       auszusteigen. „Wenn das Konzept stimmt, könnte ich mir vorstellen, dass wir
       da mitmachen als Opposition“, sagt er. Allerdings sei Lyten eine „absolute
       Blackbox“.
       
       Von der Landesregierung erwartet er wie Buchholz, besser informiert zu
       werden. Kommenden Mittwoch steht das Thema auf der Tagesordnung des
       Wirtschaftsausschusses im Landtag.
       
       10 Sep 2025
       
       ## LINKS
       
   DIR [1] /Autoindustrie-bedroht-aus-China/!6108148
   DIR [2] https://northvolt.com/local-news/montreal/northvolt-amerique-du-nord-reconnait-l-acquisition-des-actifs-de-northvolt-en-sue/
   DIR [3] https://northvolt.com/articles/lyten-to-acquire-all-remaining-northvolt-assets-in-sweden-and-germany/
   DIR [4] /Northvolt-Schweden/!6071738
   DIR [5] /Uebernahme-von-Northvolt-in-Schweden/!6102818
       
       ## AUTOREN
       
   DIR Gernot Knödler
       
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