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       # taz.de -- berliner szenen: Fast glücklich, traurig zu sein
       
       Draußen hätte ich sitzen können, um unter der Markise des Cafés in der
       Friedelstraße den Regen zu hören, der auf sie prasselt. Doch als ich
       reinkomme, um mein spätes Frühstück zu bestellen, läuft „Don’t Let Me Be
       Misunderstood“ in der Version von Nina Simone. Ihre Lieder passen für mich
       alle gut zu regnerischem, melancholischem Wetter. Aber besonders
       „Broadway-Blues-Ballads“, das Album, zu dem das Lied gehört, verbinde ich
       mit Regen. Es erinnert mich an einen verregneten Tag in meiner Heimatstadt
       Buenos Aires. Ich saß im Bus und schaute, wie die Tropfen ununterbrochen
       das Fensterglas hinunterliefen. Die Fahrt dauerte fast zwei Stunden. Ich
       hatte Liebeskummer, und ich hörte dieses Album von Nina Simone als Kassette
       auf meinem Walkman immer wieder – von Anfang bis Ende und zurück. Ihre
       sanfte, tiefe Stimme in meinen Ohren ließ mich mich verstanden fühlen in
       meiner Traurigkeit – fast glücklich, traurig zu sein. An diesem ebenso
       nassen Julimittag in Berlin, Jahrzehnte später, entscheide ich mich wegen
       der Musik, drinnen zu bleiben, und freue mich, dass der Tisch am Fenster
       frei ist, denn ich mag den Kontrast zwischen dem warmen Licht im Inneren
       und den bläulichen Tönen draußen und liebe es, die Passant*innen zu
       beobachten. Der Mann am Nachbartisch liest ein dickes Buch, jemand anders
       sitzt vor seinem Laptop, ich nehme mein Heft aus meiner Tasche und fange an
       zu schreiben. Wenn mir die Inspiration fehlt, konzentriere ich mich auf
       die Menschen, die mit Regenschirmen und -ponchos vorbeigehen oder
       versuchen, schnell unter irgendeinem Vordach oder in einem Hauseingang
       Zuflucht zu finden. Ich habe keinen Liebeskummer, aber ich wünsche mir, es
       würde nie aufhören zu regnen, und Nina Simone würde für immer im
       Hintergrund weitersingen. Luciana Ferrando
       
       11 Sep 2025
       
       ## AUTOREN
       
   DIR Luciana Ferrando
       
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