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       # taz.de -- Missbrauch in der Bhagwan-Sekte: Die Opfer der befreiten Menschen
       
       > Sarito Carroll lebte in Bhagwans Kommune in Oregon, die vor 40 Jahren in
       > Chaos endete. Wie viele Jugendliche wurde sie dort missbraucht.
       
   IMG Bild: Der indische Guru und Sektenführer Bhagwan Shree Rajneesh 1984 neben einem seiner 75 Rolls-Royce im US-Bundesstaat Orego
       
       San Anselmo taz | Zwei Paar Schuhe hält Sarito Carroll in den Händen –
       welches soll sie anziehen? Für den Bummel durchs kalifornische San Anselmo
       entscheidet sie sich für die eleganteren: „Ich will auf keinen Fall wie ein
       Hippie aussehen!“ Die Autorin und Akupunkteurin ist aus Boulder für eine
       Diskussionsveranstaltung am nächsten Tag in San Francisco eingeflogen.
       Darin wird es um Osho gehen. Bekannt als Sektenführer Bhagwan – und für
       eine Ideologie, die Menschen befreit hat und andere zerstört. Vor allem
       ehemalige Kinder aus der noch immer aktiven Bewegung.
       
       Sarito Carrolls Vater war ein Junkie aus New York; die alleinerziehende
       Mutter Hippie. 1978 verschlug es die Suchende mit ihrer kleinen Tochter ins
       indische Pune, in die Kommune von Bhagwan Shree Rajneesh. Tausende aus
       aller Welt strömten zu dem Guru, in orange und später rot gekleidet. Die
       meisten waren gutbürgerlich und gebildet, mehr als die Hälfte weiblich,
       [1][ein Drittel Deutsche]. Die Sannyasins tanzten, meditierten, musizierten
       und schufteten im Dauerrausch für ihren Meister. Der Mystiker und
       Philosoph, der sich als kapitalistischer Rebell mit Rolls-Royce-Flotte
       inszenierte, versprach ihnen göttliche Ekstase durch sexuelle Freiheit.
       
       In Encounter-Workshops brüllten und prügelten seine Anhänger alles
       Belastende aus sich heraus. Es gab [2][Psychokoller, Knochenbrüche, sogar
       Vergewaltigungen]. Ziel war das Überwinden elterlicher Prägungen und
       Moralvorstellungen. Sich ergeben, „surrender“, loslassen, ein neuer Mensch
       ohne Scham, Ängste, Bindungen oder Eifersucht werden. Offene Beziehungen
       waren die Norm. Junge Frauen ließen sich sterilisieren, denn Kinder wollte
       Bhagwan keine. Sie würden die spirituelle Entwicklung behindern. Trotzdem
       brachten einige seiner Anhänger ihren Nachwuchs mit.
       
       „Bhagwan sagte immer, dass wir nicht unseren Eltern gehören, sondern der
       Kommune,“ erzählt Carroll auf dem Weg ins Café. Ihre rostroten Locken
       wippen, sie spricht schnell und präzise, wirkt gefasst. Bitterkeit oder Wut
       sind dank jahrzehntelanger Therapie kaum noch spürbar. Carroll klingt
       abgeklärt, als sie sagt: „Sie sollten uns aufgeben, um glücklicher zu
       sein.“ Ihre Mutter sah sie im Ashram kaum noch. Die beiden wohnten
       getrennt. Die Beziehung wurde damals dauerhaft zerrüttet. Im Meer der neuen
       Menschen fühlte die Neunjährige sich einsam und verloren. Zunächst.
       
       ## Sexuelle Befreiung ohne Grenzen
       
       Alle Jünger:innen erhielten bald nach der Ankunft in Pune neue indische
       Namen. Aus der amerikanischen Jennifer Carroll wurde Ma Prem Sarito, was
       „Fluß der Liebe“ bedeutet. Für sie hieß das, dass sie endlich dazugehörte.
       Das Foto der Sannyas-Initiation, bei der ihr der bärtige Guru die Hand
       auflegt, ist das Titelbild ihrer Memoiren „[3][In the Shadow of
       Enlightenment]“, im Schatten der Erleuchtung. Der Schatten, von dem hier
       die Rede ist, beschreibt die Kehrseite einer Parallelwelt, in der „love and
       light“ gepredigt wurde. In ihr galt es, immer strahlend positiv zu sein –
       und vor allem kein Opfer.
       
       Bhagwan predigte, dass man seiner eigenen „Energie“ folgen solle. Dem Drang
       nach Sex stets nachzugeben und ihn auch vor Kindern auszuleben, damit sie
       nicht verklemmt würden. „Unsere kulturelle Norm verschob sich“, sagt
       Carroll und sucht sich in einem lebhaften Straßencafé einen Tisch im Freien
       aus. „Wir waren desensibilisiert. Es gab keine Grenzen, niemand passte auf
       uns auf.“ Die Ashramkinder lachten über die ungehemmten Erwachsenen oder
       imitierten sie. Nichts konnte sie schocken. „Ich habe viele Erektionen
       gesehen“, schreibt Carroll in ihrem Buch. Das schüchterne Mädchen ist zehn,
       als es einen Mann mit der Hand sexuell befriedigt und dabei versucht, die
       Übelkeit zu unterdrücken: „Ich wollte nicht, dass jemand merkt, dass ich
       nicht so frei und locker war, wie es von uns erwartet wurde.“
       
       1981 zog der Sex- und Psychokult in die USA um, um Steuerproblemen mit der
       indischen Regierung zu entkommen. Im Hinterland Oregons kauften die
       geschäftstüchtigen Rajneesh-Jünger die verlassene Big Muddy Ranch, von der
       aus die Weltherrschaft übernommen werden sollte. Um 260 Quadratkilometer
       Wüste – im Winter von Schnee bedeckt, im Frühling mit Schlamm – in eine
       blühende Oase zu verwandeln, brauchten die Utopisten Freiwillige. Eine neue
       Pilgerwelle in weinrot begann: Arbeit als „worship“, als Anbetung und
       Meditation, um die heilige Stadt Rajneeshpuram zu errichten. Sarito kam als
       eine der ersten aus Pune an, ohne Eltern oder Vormund – für das, was sie
       heute als Kinderarbeit bezeichnet. Der Landeswechsel war von oben
       entschieden worden. Wieder war die Zwölfjährige einsam und fremd. Der
       Schlafsaal, wo sie allein mit 14 Männern einquartiert wurde, hatte
       Matratzen statt Betten und nur ein einziges Bad, sagt Carroll. Niemand
       schloss ab, jeder war nackt. Dusche und Klo wurden von allen benutzt.
       
       ## Das jüngste Mädchen mit „Boyfriend“
       
       Das Mädchen versuchte, heimlich nachts zu duschen. Sie schämte sich dafür,
       dass sie so prüde war und ihren Körper versteckte. Das war nicht „juicy“,
       wie all die sinnlichen Frauen der Kommune. Vor dem Einschlafen hörte die
       Pubertierende, wie die Männer um sie herum die Eroberungen des Tages
       verglichen und auch ihre sprießenden Brüste und Schamhaare kommentierten.
       „Das war alles normal für mich“, sagt Carroll. „Nur ich fühlte mich nicht
       normal, denn ich hatte diese altmodische Vorstellung von reiner,
       romantischer Liebe.“
       
       Im ersten Monat in den USA traf Sarito Carroll Milarepa, den Star der
       Rajneesh Country Band, einer kommuneneigenen Musikgruppe. Jeden Abend
       verließ der Amerikaner den Esssaal der Kommune mit einer anderen „Ma“. Er
       spielte Eagles-Songs und lud die junge Sarito Carroll zur Pokerrunde ein.
       Während er die Karten mit der einen Hand hielt, schob er wie
       selbstverständlich die andere unter ihr T-Shirt auf ihre Brust. Sie
       erstarrte und versuchte, sich nichts anmerken zu lassen, denn keiner der
       Anwesenden störte sich daran. Da sich das Szenario bald wiederholte,
       glaubte Carroll: „Ich bin etwas Besonderes für ihn.“ Danach sehnte sie
       sich. Nicht nach der Fummelei.
       
       Milarepa war damals 29 Jahre alt und gehörte zu einer Gruppe von Männern,
       die Entjungferungen als kompetitiven Sport sahen. Das erste Mal mit ihm in
       seinem Trailer war schmerzhaft, sagt Carroll. Keine Spur der Ekstase, von
       der alle ständig sprachen. Milarepa benutzte kein Kondom und verabschiedete
       sich am nächsten Morgen knapp zu seiner 12-Stunden-Schicht. Die Jugendliche
       war verstört und enttäuscht. Aber sie redete sich ein, dass sie doch
       eigentlich stolz sein müsse: „Ich war das jüngste Mädchen auf der Ranch mit
       einem Boyfriend. Das war eine Ehre.“
       
       Drei Tage später wurde sie zur Klinik der Kommune bestellt. Ihr und drei
       anderen Minderjährigen sollten Diaphragma eingesetzt werden. Bis heute weiß
       Carroll nicht, wer das veranlasst hatte. Keine der „Moms“, wie die
       verantwortlichen mütterlichen Frauen hießen, hatte sie auf Milarepa
       angesprochen. Geschweige denn jemals richtig aufgeklärt. „Aber jemand in
       hoher Position wusste Bescheid.“
       
       Die Nächte mit Milarepa setzten sich fort. Sarito Carroll hielt es für eine
       Beziehung, ihre heimliche große Liebe. Alle Gedanken drehten sich um den
       ersten Lover. Auch wenn sie die Jüngste war, war sie nicht die einzige:
       Carroll schätzt, dass 80 Prozent der rund 40 Jugendlichen auf der Ranch mit
       Erwachsenen schliefen. Sie weiß von einem Mädchen, das vor dem 16.
       Lebensjahr mit etwa 70 Männern Sex hatte. Eine andere mit 150. „Es war
       Vergewaltigung von Minderjährigen“, stellt die 56-Jährige jetzt klar.
       „Sexueller Kindesmissbrauch und Vergewaltigung.“ Erst ignoriert, später
       vertuscht und geleugnet.
       
       In die Schule ging Sarito Carroll kaum noch. Sie arbeitete erst in der
       Großküche der Kommune und dann im Büro, im innersten Zirkel, unter Bhagwans
       berüchtigter Sekretärin [4][Ma Anand Sheela]. Die toughe Inderin
       verwandelte die provisorische Wüstenenklave in eine Stadt mit eigener
       Fluglinie, Hotel und paramilitärischer Einheit. 4.000 Menschen lebten im
       Schnitt in Rajneeshpuram, zum jährlichen „World Festival“ waren es um die
       20.000.
       
       Für die größenwahnsinnige Mission brauchte es große PR. Ein deutsches Model
       in Bhagwans Schlepptau schlug Sarito Carroll vor, Fotos von sich machen zu
       lassen. Damit kam das Vorzeigegirl aufs Cover der Rajneesh Times, der
       Zeitung des Bhagwan-Kults. In roter Uniform flog sie als 14-jährige
       Stewardess für Air Rajneesh. Mehr Männer sprachen sie an. Wer nachgab,
       wuchs im Ansehen: „Je ‚befreiter‘ du warst, desto besser.“ Aber Sarito
       Carroll war hoffnungslos in Milarepa verliebt, der auch mit anderen ins
       Bett ging. „Über drei Jahre sicher mit mehreren hundert“, sagt Carroll beim
       Lunch und versucht, die Blicke der älteren Frauen am Nachbartisch zu
       ignorieren. Seine Kumpel verpassten ihm als Scherz den Spitznamen „rapist“
       (Vergewaltiger). Manche Jungen hätten ihn daher „Milaraper“ genannt.
       
       ## Auf Klubtour für den Meister
       
       Im Eiscafé von Rajneeshpuram gab es jede Woche eine Teenie-Disco. Stets
       dabei: die Männer und Frauen, die sexuell an Jugendlichen interessiert
       waren. Eine der Partys endete als Orgie mit verbundenen Augen, so erinnert
       sich Carroll, auch Milarepa sei involviert gewesen. Es folgte ein Anpfiff
       von Bhagwans rechter Hand Sheela. Die strenge Oberbefehlshaberin war wütend
       wegen des Lärms und Alkohols. Nicht wegen der sexuellen Übergriffe.
       
       Um ihren Liebeskummer loszuwerden, wurde auch Sarito Carroll promiskuitiv.
       Nicht aus Spaß am Sex, sondern weil sie jede Selbstachtung verloren hatte.
       Ein Mann bekam sie rum, indem er jammerte, Sex mit ihr würde seinen
       Rückenschmerzen helfen. Ein Absolvent der britischen Elite-Schule Eton, in
       seinen Dreißigern, wurde ihr nächster Boyfriend – es war das selbe Spiel.
       Jedes Mal fühlte sie sich benutzt, wenn das erotische Interesse an ihr nur
       flüchtig war, alle lebten ja „im Moment“. Sarito Carrolls unterschwellige
       Wut wuchs und damit auch die kognitive Dissonanz. Denn was sie stets hörte,
       war: dass sie sich glücklich schätzen könne, nicht in der Welt draußen zu
       leben, unter Unerleuchteten, sondern in Bhagwans Nähe.
       
       Die Rajneesh-Bewegung breitete sich Anfang der 1980er Jahre in mehr als 30
       Ländern aus. Der europäische Hauptsitz war in Köln. In Deutschland
       entstanden 43 Zentren mit 15 „Zorba the Buddha“-Restaurants und 13
       Discotheken, die eine halbe Million Besucher im ersten Jahr hatten.
       
       Sarito Carroll sollte plötzlich wieder die USA verlassen. Fünf Monate lang
       wurde sie durch Kommunen in Köln, München, Zürich und Freiburg geschleust,
       wo sie hinter Disco-Tresen kellnerte. In Amsterdam musste sie bei der
       Renovierung der Kommune in einem ehemaligen Gefängnis helfen und verletzte
       sich dabei mit dem Presslufthammer den Rücken.
       
       Heute vermutet sie, dass ein Grund für ihren unfreiwilligen
       „Auslandsaustausch“ die Vertuschung des Missbrauchs an ihr war. Denn
       während ihrer Abwesenheit ließen zwei „Moms“ eine geheime Liste derer
       erstellen, die mit Minderjährigen intim waren. Es waren mehr als hundert
       Männer und Frauen. Ihnen wurde lediglich nahegelegt, sich in Zukunft
       diskreter zu verhalten, damit nichts an die Presse gelange. „Wenn
       Journalisten auftauchten,“ erinnert sich Carroll, „dann spielten wir ihnen
       immer vor, dass wir total happy sind und alle brav zur Schule gehen.“
       
       Auf der Ranch verschärfte sich die Lage derweil intern und extern. Als die
       Aggression zwischen dem benachbarten Städtchen Antelope und den paranoiden
       Ranch-Bewohnern eskalierte, griffen letztere zu immer radikaleren Methoden:
       Um die Lokalwahlen zu ihren Gunsten zu beeinflussen, karrten die
       Bhagwan-Jünger rund 3.000 Obdachlose aus umliegenden Städten heran und
       verabreichten ihnen ohne ihr Wissen Psychopharmaka, um sie ruhig zu stellen
       – getarnt als humanitäre Aktion. Nach der Stimmabgabe wurden diese Menschen
       wieder ausgesetzt. Die Kampagne der Kommune gipfelte im größten
       Bioterroranschlag der USA, bei dem über 700 Menschen in The Dalles mit
       Salmonellen vergiftet wurden.
       
       Das rote Sektenimperium kollabierte, als das FBI anrückte. Am 14. September
       1985 floh Strippenzieherin Sheela nach Deutschland, wo sie festgenommen und
       in die USA ausgeliefert wurde. Ende Oktober wurde auch der Pop-Guru
       verhaftet. Die Kommune kam zum Stillstand. Die Außenwelt reagierte entsetzt
       auf die Verbrechen im Namen einer neuen Religion. Doch für die jüngsten
       Opfer interessierten sich die wenigsten.
       
       Auch als das Drama von Oregon 2018 in der Netflix-Doku „Wild Wild Country“
       rekonstruiert wurde, sparten die Filmemacher das Schicksal der Osho-Kids
       aus, obwohl die Fakten vorlagen: Eine 121 Seiten lange Untersuchung des
       US-Justizministeriums stellte bereits 1983 fest, dass „Sex zwischen
       Erwachsenen und Kindern an der Tagesordnung war“. Dennoch sagt Carroll:
       „Die Serie war ein Wendepunkt für uns.“ Sie habe die sechs Folgen in zwei
       Tagen verschlungen. „Wir wollten nicht länger unsichtbar bleiben.“
       
       Als sich die Kommune in Panik auflöste, wusste Sarito Carroll nicht, wohin.
       Mit ihrer Mutter hatte sie vier Jahre lang kaum Kontakt gehabt. Ohne Geld
       und Familie begann eine neue Odyssee für die nun 16-Jährige – mit brutalem
       Erwachen, was ihre Ex-Lover anging: „Ich erkannte endlich die Wahrheit über
       sie.“ Die Wahrheit über Bhagwan, seine Helfershelfer und deren Vertuschen
       tat sich erst viel später auf. Der Sektenführer kehrte nach seiner
       Abschiebung aus dem US-Gefängnis nach Indien zurück, wo er 1990 mit 58
       Jahren unter mysteriösen Umständen starb. Erst kurz vor seinem Tod nannte
       er sich in Osho um.
       
       Die Umstellung auf die kulturellen Normen der Außenwelt war hart. „Ich
       fühlte mich wie ein Alien, der als Teil eines sozialen Experiments in die
       Gesellschaft eingeführt wird,“ beschreibt Carroll diese Zeit in ihrem Buch.
       Sie trug übergroße Pullis, um ihren Körper zu verstecken. Freundinnen von
       der Ranch hielten sich mit Prostitution über Wasser – „manche bis heute“.
       Die größte Hürde war ihr Bildungsmangel.
       
       Sarito Carroll holte den Schulabschluss nach, um Literatur zu studieren.
       Als sie im ersten College-Jahr „Der Report der Magd“ von Margaret Atwood
       las, fühlte sich die Not der sexuell ausgelieferten Handmaid verstörend
       vertraut an. Seitdem wusste die Studentin, dass sie ihre Geschichte
       erzählen musste. Aber bis sie sich vollends aus dem Schatten der
       Vergangenheit wagte, dauerte es noch über dreißig Jahre. Rajneeshpuram war
       inzwischen zur Geisterstadt geworden und verkauft.
       
       In diesem Zeitraum verlor Carroll engste Freundinnen, die Ähnliches erlebt
       hatten. Eine landete in der Psychiatrie und versuchte, sich das Leben zu
       nehmen. Eine andere starb an einer Eileiterschwangerschaft, nachdem sie die
       Sterilisation aus jungen Jahren in Indien hatte rückgängig machen lassen.
       In der sogenannten zweiten Generation, wie bei anderen Sekten auch, gibt es
       überdurchschnittlich viele Fälle von Suiziden, Depressionen, Krankheiten,
       Drogensucht und Armut. Als einen „Pfad der Verwüstung“ bezeichnet Carroll
       dieses Erbe der Bhagwan-Utopie. Sie spricht von Glück, dass sie überlebt
       hat.
       
       Mit ihrer Mutter war keine Vergangenheitsbewältigung möglich. An Milarepa
       schickte sie einen Brief, um ihn zur Rechenschaft zu ziehen. Trotz
       Einschreiben kam keine Antwort. Er tourte weiterhin als „Oshos Musiker“ um
       die Welt, ein Star der Szene. Schließlich appellierten Carroll und andere
       Betroffene 2021 an die verbliebene Community, die weltweit auf über
       Hunderttausend geschätzt wird. Sie nannten Namen, verlangten Aufklärung und
       Entschädigung. Plötzlich meldete sich Milarepa per Video zu Wort und
       postete eine „Entschuldigung an Sarito und die Osho-Sangha“, also die
       Osho-Gemeinschaft. Für sein Opfer klangen seine Worte hohl und kamen zu
       spät. „Es war vor allem PR, um seinen Ruf zu retten.“
       
       Manche aus der Elterngeneration reagierten betroffen auf die Berichte der
       Missbrauchten. Doch die wenigsten sahen eine eigene Mitschuld, geschweige
       denn die ihres längst verstorbenen Gurus. Ihr Denken folgte der alten
       Ideologie: Wenn es dir schlecht geht, bist nur du selbst dafür
       verantwortlich und musst stärker an dir arbeiten. „Dieses Gaslighting ist
       zum Wahnsinnigwerden“, sagt Carroll. „Als Kinder wurden wir marginalisiert
       – und jetzt wieder.“ Als sie das letzte Mal in Colorado auf Osho-Fans traf,
       wurde sie wie eine Aussätzige geschnitten. Dennoch hält Carroll die meisten
       für „warmherzige, idealistische Menschen“. Gerade deshalb tue die
       Missachtung so weh.
       
       Trotz des Leugnens und Verdrängens war die Flut der Enthüllungen nicht mehr
       zu stoppen. Es folgten Medienberichte, auch über Rajneesh-Schulen in
       England. Und dann als Antwort auf „Wild Wild Country“ im Jahr 2024 der
       BAFTA-nominierte Dokumentarfilm „[5][Children of the Cult]“, an dem Sarito
       Carroll mitwirkte. Regisseurin Maroesja Perizonius, auch ein ehemaliges
       Kommunenkind, interviewte die 76-jährige Sheela, die heute in der Schweiz
       lebt und noch immer ihre Unschuld beteuert. Täter werden vor laufender
       Kamera konfrontiert, auch Milarepa – wieder ohne weitere Konsequenzen. Denn
       seine Straftaten sind lange verjährt. Zuvor hatte er behauptet: „Es gab
       kein Grooming oder Belästigung.“
       
       ## Rückkehr auf die Bhagwan-Ranch
       
       Die geschätzte Zahl der missbrauchten Kinder in der Bhagwan-Sekte geht in
       die Hunderte, doch kein einziger Täter stand jemals vor Gericht. Eine
       Anwaltskanzlei, die eine Sammelklage anstrebte, gab nach sechs Monaten
       wieder auf. Die Osho International Foundation OIF in Zürich ist zuständig
       für den intellektuellen Nachlass des Sektengründers, seine millionenfach
       verkauften Bücher und den in ein [6][Meditationsressort] umgewandelten
       früheren Ashram in Pune. Die Stiftung weist jede Verantwortung von sich.
       „Es gibt niemanden bei Osho International, der eine organisatorische
       Funktion in den erwähnten Objekten hatte, und daher wissen die
       Mitarbeitenden nichts von diesen Schilderungen“, so ein OIF-Sprecher 2022
       gegenüber der [7][Sunday Times]. „Jede von uns sollte eine angemessene
       Summe bekommen für all die Jahre an Therapie“, sagt Carroll und schiebt
       ihren halb gegessenen Salat von sich. „Ich hätte mir von den Kosten ein
       Haus kaufen können.“ Jetzt ist sie doch aufgewühlt. Sie schluckt, als sie
       über ihre gescheiterten Beziehungen spricht, und warum sie nie ein Kind
       bekommen wollte. „Ich hatte einfach zu viel Angst, selbst Alleinerziehende
       zu werden. Weil ich es als so schrecklich erlebt habe.“ An Weihnachten
       besuchte sie ihre Mutter, die jetzt in Portugal lebt – zum ersten Mal seit
       sechs Jahren. „Es lief ganz gut, aber sie will nicht darüber sprechen. Eine
       richtige Entschuldigung habe ich nie bekommen.“
       
       Warum hat sie trotz der negativen Assoziation ihren Sannyas-Namen behalten?
       „Als ich mein Buch schrieb, war das ein Schutzmechanismus“, antwortet sie.
       „Die, die mich angreifen wollen, gehen nur auf Sarito los.“ Jennifer steht
       nach wie vor in ihrem Pass. Carroll kann sich dahinter verstecken und
       anonym sein. Es macht ihr auch nichts aus, wieder rot zu tragen. „Ich hole
       mir die Farbe zurück. Sie gehört nicht Osho. Und sie steht mir!“ Fast hätte
       sie für den anstehenden Event ein rotes Top in den Koffer gepackt.
       
       Der zweite Eistee ist ausgetrunken. Carrolls Handy surrt: Die Nachricht
       einer Freundin von damals, die bei ihrer Lesung morgen im Publikum sein
       wird. Eine der wenigen, die sich nach dem Enthüllungsbuch nicht weggeduckt
       haben. Seit der gemeinsamen Flucht von der Ranch vor 40 Jahren haben sie
       sich nicht mehr gesehen, aber die Erinnerung ist noch frisch: „Ich saß
       hinten im Auto mit meinen wenigen Sachen, unter Schock.“
       
       In diesem Frühjahr kehrte Carroll erstmals für ein [8][Fernsehinterview] an
       den Schicksalsort zurück, der jetzt ein christliches Sommercamp ist. Wieder
       war sie überwältigt, aber diesmal von der Schönheit der Landschaft, der
       Weite und Ruhe – „ohne die tausend Menschen von damals“. Der Rundgang durch
       die alten Gebäude war heilsam. Nichts triggerte sie mehr, sagt sie. „Es war
       ein Schlussstrich.“ Am Krishnamurtisee, den die Kommunarden einst als
       Wasserreservoir angelegt hatten, vollzog sie ein spontanes Ritual. Sie
       schmiss Steine ins Wasser. Dann kamen die Tränen.
       
       10 Sep 2025
       
       ## LINKS
       
   DIR [1] /Bhagwans-sexuelle-Revolution/!5053374
   DIR [2] /Zu-Besuch-im-Osho-Resort-in-Indien/!5473491
   DIR [3] https://www.saritocarroll.com/
   DIR [4] https://www.swissinfo.ch/ger/gesellschaft/wiedergeburt-von-ma-anand-sheela_von-der-koenigin-des-baghwan-zur-behindertenbetreuerin/44049664
   DIR [5] https://www.theguardian.com/film/2024/oct/02/children-of-the-cult-review-osho-commune-bhagwan-shree-rajneesh-wild-wild-country
   DIR [6] /Zu-Besuch-im-Osho-Resort-in-Indien/!5473491
   DIR [7] https://www.thetimes.com/uk/crime/article/abused-in-osho-the-middle-class-sex-cult-that-stole-childhoods-7jtkt9q2p
   DIR [8] https://www.youtube.com/watch?v=KWRwsRlPB8o
       
       ## AUTOREN
       
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   DIR Interview mit Rudolf Bahro, taz vom 29.8 1981: In Amerika gibt es keine Kathedralen
       
       Kurz vor seiner Abreise aus der Bhagwan-Kommune in den USA hat Rudolf Bahro
       1983 in einem Gespräch für die taz erklärt, warum er vier Wochen dort
       zugebracht hat.