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       # taz.de -- Treffen von Trump und Putin: Der neue Trump-Putin-Pakt
       
       > Beim Treffen in Alaska beraten die Präsidenten der USA und Russlands über
       > ein Kriegsende – durch Zugeständnisse der Ukraine. Selenskyj soll einem
       > „Deal“ zustimmen.
       
   IMG Bild: Hat für Putin den roten Teppich ausgebreitet: US-Präsident Trump begrüßt den russischen Präsidenten in Alaska, am 15.8.2025
       
       [1][Nach dem Gipfeltreffen der Präsidenten Donald Trump und Wladimir Putin
       in Alaska] sind die Umrisse der sich anbahnenden amerikanisch-russischen
       Verständigung über die Ukraine klar geworden. Wie [2][die
       Nachrichtenagentur Reuters am Sonntag berichtete], soll die Ukraine
       kampflos ihre wichtigsten Verteidigungslinien im Osten des Landes räumen.
       
       Die Übergabe von Gebieten an Russland durch die Ukraine sei aus russischer
       Sicht die Vorbedingung für eine „umfassende“ Friedensregelung, so soll es
       Trump am Samstag in seinen Telefonaten mit europäischen Amtskollegen
       dargestellt haben. „Trump sagte, er glaube, dass ein schneller Frieden
       ausgehandelt werden kann, wenn Selenskyj zustimmt, Russland den Rest des
       Donbass zu geben, auch die nicht russisch besetzten Teile“, [3][berichtet
       die New York Times].
       
       Konkret sieht der Plan vor, dass die Ukraine den letzten Teil des seit 2014
       umkämpften Gebietes Donezk komplett an Russland übergibt – also die Region
       von der belagerten Kleinstadt Pokrowsk bis zu den festungsartig ausgebauten
       Stellungen rund um die Städte Kramatorsk und Slowjansk weiter nördlich, wo
       sich momentan die intensivste Kämpfe abspielen und beide Seiten das Gros
       ihrer Kampftruppen zusammengezogen haben. Im Gegenzug würde Russland den
       Krieg im Süden des Landes entlang der bestehenden Frontlinie einfrieren,
       die ohnehin größtenteils entlang des Dnipro verläuft und seit der
       ukrainischen Befreiung der Stadt Cherson im November 2022 sowie den
       begrenzten ukrainischen Vorstößen südlich von Saporischschja im Sommer 2023
       weitgehend stabil ist. Insgesamt gesehen wäre dies weitgehend eine
       ukrainische Kapitulation.
       
       Für ein „umfassendes“ Friedensabkommen müssten außerdem, so wiederholte es
       Präsident Putin am Samstag im Kreml, „die Wurzeln des Konflikts“ beseitigt
       werden – das bedeutet, nimmt man vergangene Putin-Äußerungen zum Maßstab,
       ein Ende der Unabhängigkeit und Bündnisfreiheit der Ukraine sowie insgesamt
       der Nato-Militärpräsenz in ganz Osteuropa und damit ein russisches Veto
       über die zukünftige Sicherheitsarchitektur in Europa. [4][Eigentlich
       braucht man doch die Nato gar nicht, wenn wir beide uns so gut verstehen,
       soll Putin Trump beim Gipfel von Alaska ins Ohr gesäuselt haben, neben
       vielen anderen Schmeicheleien].
       
       ## Ein Handschlag auf dem roten Teppich
       
       Das Treffen hatte mit einem Handschlag auf dem roten Teppich begonnen, auf
       der Landebahn des US-Militärstützpunkts bei Anchorage [5][im US-Bundesstaat
       Alaska]. Das US-Militär erwies dem vom Internationalen Strafgerichtshof mit
       Haftbefehl gesuchten russischen Staatschef mit einem Überflug von Kampfjets
       die Ehre, zum Gipfelort fuhr Putin mit Trump zusammen in dessen Limousine.
       Man habe produktive Gespräche geführt, hieß es nach etwa drei Stunden
       hinter verschlossenen Türen.
       
       „Wir sind noch nicht dort, wo wir hinwollen, aber wir haben eine sehr gute
       Chance, dorthin zu gelangen“, sagte Trump auf seiner gemeinsamen
       [6][Pressekonferenz mit Putin] im Anschluss. Zum ersten Mal seit 2018
       standen die beiden Männer wieder gemeinsam auf einer Bühne. Im Hintergrund
       waren groß die Worte „Pursuing Peace“, also „Streben nach Frieden“ zu
       lesen. Bei diesem Streben bleibt es vorerst, denn auch Putin machte keine
       konkreten Zusagen. Laut ihm markierte das Treffen in Alaska allerdings
       „einen Schritt Richtung Frieden“.
       
       Der russische Präsident kann zufrieden sein. Von einem Waffenstillstand
       zwischen Russland und der Ukraine vor Beginn von Friedensgesprächen, wie
       ihn Trump bis dahin gefordert hatte, ist ausdrücklich keine Rede mehr – der
       Krieg darf weitergehen, bis ein für Russland akzeptabler Friedensvertrag
       steht. Von neuen US-Sanktionen gegen Russland, falls die russischen
       Angriffe nicht enden, ist ebenfalls keine Rede mehr, auch nicht von
       „Sekundärsanktionen“ gegen Staaten, die russisches Öl kaufen und damit
       Russlands Krieg finanzieren.
       
       Was genau Trump und Putin miteinander alles besprochen haben, blieb offen.
       Das angesetzte erweiterte Treffen zwischen den Regierungsdelegationen
       beider Länder fiel aus, ebenso das gemeinsame Mittagessen. Sicher lief
       nicht alles in Putins Sinne. So wurde ihm ein [7][Brief der First Lady
       Melania Trump] übergeben, worin er aufgefordert wird, „die Unschuld der
       Kinder zu schützen“ und „ihr Lachen wiederherzustellen“ – der Den Haager
       Haftbefehl gegen Putin bezieht sich auf seine Rolle bei der Verschleppung
       Tausender ukrainischer Kinder nach Russland.
       
       ## Vor allem für Putin ein Erfolg
       
       Aber am Ende war das Treffen an sich vor allem für Putin ein Erfolg, da
       waren sich alle Beobachter einig. „Zum Kotzen“ sei das, [8][schrieb in
       gewohnter Klarheit der britische Ex-Premierminister Boris Johnson],
       eigentlich ein Freund Trumps, aber ein noch engerer Freund Selenskyjs.
       „Putin wird mit einem Lächeln im Gesicht nach Moskau zurückkehren“,
       bilanzierte der ehemalige US-Botschafter in Russland, John Herbst. Trump
       benotete hinterher das Treffen mit „zehn von zehn“ möglichen Punkten, im
       russischen Fernsehen hieß es sogar „fünfzehn von zehn“.
       
       Putin brachte auf der Pressekonferenz Moskau als möglichen Ort für ein
       zweites Treffen ins Spiel. „Das wäre interessant“, sagte Trump mit einem
       Lächeln auf den Lippen. Dabei lief Putins Moskau-Angebot seinem eigenen
       Vorschlag zuwider, als Nächstes ein Dreiertreffen mit dem Präsidenten der
       Ukraine abzuhalten – nach US-Berichten ist dafür Freitag, der 22. August
       im Gespräch.
       
       Zunächst will Trump am Montag Selenskyj im Weißen Haus empfangen – genau
       dort, wo er ihn am 28. Februar gemeinsam mit seinem Vize J. D. Vance
       [9][vor laufender Kamera zusammengeschissen] hatte. Voraussichtlich wird
       Trump diesmal Putins Vorstellung eines Friedensplans unterbreiten und
       Selenskyj dringend die Zustimmung empfehlen. „Mach einen Deal“, hatte Trump
       in einem [10][Interview mit Fox News] direkt nach dem Treffen mit Putin auf
       die Frage geantwortet, was er Selenskyj sagen wolle, und hinzugefügt:
       „Jetzt liegt es wirklich an Präsident Selenskyj, die Dinge in die Tat
       umzusetzen.“ Mit den „Dingen“ ist wohl Putins neuer Friedensplan gemeint.
       
       Ein Telefonat zwischen Trump und Selenskyj am Samstag soll „schwierig“
       verlaufen sein. Der ukrainische Präsident lehnt eine Übergabe des gesamten
       Donbass an Russland rundheraus ab – das wäre bloß ein „Sprungbrett für die
       nächste Offensive“ Russlands, sagte er. Am Samstagabend [11][erklärte] der
       ukrainische Präsident: „Wir sehen, dass Russland zahlreiche Rufe nach einem
       Waffenstillstand zurückweist und noch nicht geklärt hat, wann es mit dem
       Töten aufhört. Das verkompliziert die Lage.“
       
       Wenn Russland nicht einmal zu einer einfachen Feuerpause bereit sei,
       könnten weitergehende Verpflichtungen sehr schwer sein, fügte er hinzu. Er
       verwies auf die Staaten Skandinaviens und des Baltikums, traditionell die
       engsten Verbündeten der Ukraine in Europa, die in ihrer [12][gemeinsamen
       Stellungnahme zum Alaska-Gipfel] auch die klarsten Worte wählten: „Die
       Erfahrung lehrt, dass man Putin nicht trauen kann […] Die Wurzeln dieses
       Krieges sind Russlands Aggression und imperialistische Ambition.“
       
       ## Europa zu deutlich mehr Zugeständnissen bereit
       
       Das Treffen mit Selenskyj im Weißen Haus am Montag wird nun mit Spannung
       erwartet. Am Sonntag meldeten sich immer mehr Mitreisende – bis zum
       Nachmittag EU-Kommissionspräsidentin [13][Ursula von der Leyen,
       Nato-Generalsekretär Mark Rutte sowie die Staats- beziehungsweise
       Regierungschefs von Deutschland], Finnland, Frankreich, Großbritannien und
       Italien.
       
       Noch am Sonntagnachmittag wollte diese europäische „Koalition der Willigen“
       per Videoschalte ihre gemeinsame Position dazu festlegen. Das hatte sie
       schon am vergangenen Mittwoch im Hinblick auf den Trump-Putin-Gipfel getan
       und von Trump als Reaktion den Satz geerntet: „Europa sagt mir nicht, was
       ich tun soll.“ Selenskyj traf am Sonntagnachmittag im Gebäude der
       EU-Kommission in Brüssel ein.
       
       Europas schon fast körperliche Solidaritätsbekundung mit Selenskyj kann
       nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Europäer gegenüber Trump – und damit
       gegenüber Putin – zu deutlich mehr Zugeständnissen bereit zu sein scheinen
       als die Ukraine.
       
       So bekennen sich die europäischen Länder schon seit einer Weile nicht mehr
       ausdrücklich zu den völkerrechtlich geltenden Grenzen der Ukraine. Schon
       vor einer Woche erklärten sie stattdessen die aktuelle Frontlinie zum
       „Ausgangspunkt“ von Friedensgesprächen, und zu Grenzveränderungen sagen
       sie, diese dürften nicht „mit Gewalt“ geschehen – am Verhandlungstisch aber
       schon, das wird impliziert. Die lange Zeit von europäischen Ländern
       geforderten „Sicherheitsgarantien“ für die Ukraine verwässern immer mehr.
       Von einer Nato-Mitgliedschaft ist schon länger keine Rede mehr; die noch
       vor wenigen Monaten von Großbritannien und Frankreich in Aussicht gestellte
       Friedenstruppe entlang einer Waffenstillstandslinie wird mangels
       Kapazitäten und US-Beteiligung nicht mehr weiterverfolgt.
       
       In der letzten gemeinsamen europäischen Erklärung von vergangenem
       Donnerstag war von „eisernen Sicherheitsgarantien“ die Rede, der britische
       Premierminister Keir Starmer sprach am Samstag von „robusten
       Sicherheitsgarantien“, Bundeskanzler Merz nur noch von einer „Absicherung“
       eines Friedensschlusses mit Russland. Auch Trumps Abkehr von einer
       Waffenruhe als Voraussetzung für Friedensgespräche mit Putin trägt Merz
       mit.
       
       Unabhängig von allen diplomatischen Manövern geht der Krieg weiter. Den
       jüngsten russischen Vorstoß im Donbass hat die Ukraine nach eigenen Angaben
       weitgehend zurückgeschlagen – genau in dem Gebiet, das sie nach Putins und
       Trumps Vorstellungen jetzt der russischen Armee freiwillig überlassen soll.
       
       17 Aug 2025
       
       ## LINKS
       
   DIR [1] /Treffen-von-Trump-und-Putin/!6107287
   DIR [2] https://www.reuters.com/world/china/outline-emerges-putins-offer-end-his-war-ukraine-2025-08-17/
   DIR [3] https://www.nytimes.com/2025/08/16/world/europe/trump-putin-ukraine-ceasefire-peace-deal.html
   DIR [4] /Trump-Putin-Gipfel-in-Alaska-/!6107289
   DIR [5] /Trump-trifft-Putin/!6103398
   DIR [6] https://www.youtube.com/watch?v=luzCKDJGq6Q
   DIR [7] https://x.com/spectatorindex/status/1956816125196661233
   DIR [8] https://www.dailymail.co.uk/debate/article-15006137/BORIS-JOHNSON-Alaska-Ukraine-Putin-history-diplomacy-Trump.html
   DIR [9] /Ukraines-Praesident-in-Washington/!6072965
   DIR [10] https://x.com/eshaniverma809/status/1956592911048491072
   DIR [11] https://www.kyivpost.com/post/58341
   DIR [12] https://www.regjeringen.no/en/aktuelt/joint-statement-of-the-leaders-of-the-nordic-baltic-eight-on-ukraine/id3116134/
   DIR [13] /Europa-nach-dem-Putin-Trump-Treffen/!6104868
       
       ## AUTOREN
       
   DIR Dominic Johnson
   DIR Hansjürgen Mai
       
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