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       # taz.de -- Sorbisches Festival Meta Solis: Wie kann eine Minderheit überleben?
       
       > Sorbische Kultur besteht längst nicht mehr nur aus Trachten. In der
       > Lausitz entsteht eine Jugend- und Subkultur, die Sorbischsein neu
       > definiert.
       
   IMG Bild: Die Berliner Rapperin yetundey bei ihrem Auftritt bei Meta Solis
       
       An ihr schwarzes Kleid hat Angel van Hell die Schleifen der Tracht aus
       ihrer Heimat genäht, um den Hals trägt sie eine Schleife ihrer sorbischen
       Urgroßmutter. Gleich ist ihr Auftritt. Sie wird aber nicht zu Volksmusik
       tanzen, sondern zu queerem Pop.
       
       Angel van Hell ist Dragqueen, die vielleicht erste sorbische Dragqueen.
       „Ich war lange im sorbischen Folkloreensemble und wollte als queerer Junge
       auf dem Dorf immer die Frauentracht tragen. Als ich mit Drag angefangen
       habe, dachte ich, das ist jetzt endlich die Gelegenheit.“ Die Tracht sei
       Ausdruck ihrer sorbischen Identität, habe aber auch einen feministischen
       Charakter. Denn sie wurde in Spinnstuben genäht, zu denen Männer keinen
       Zugang hatten – ein feministischer Safer Space, sagt Angel.
       
       Mit ihren Auftritten will sie die sorbische Kultur modernisieren. „Du bist
       immer entweder in queeren oder in sorbischen Räumen unterwegs. Ich will das
       aber verbinden.“ Eine Gelegenheit, das zu tun, war die erste queere
       Vogelhochzeit, an der Angel van Hell im Januar in Cottbus teilgenommen hat.
       Bei diesem Brauch verkleiden sich Kinder traditionell als Vögel und stellen
       eine Hochzeit zwischen Elster und Rabe nach. In der queeren Version platzte
       aber ein Kakadu in die Zeremonie, es kommt schließlich zu einer queeren
       Doppelhochzeit voller bunter Vögel.
       
       Inszeniert wurde die Performance von dem [1][Kolektiw Wakuum, einer Gruppe
       junger Kulturaktivist:innen aus der Lausitz]. „Die Hauptfrage für uns
       ist: Was kann das Sorbische eigentlich alles sein?“, sagt Rahel Selnack.
       „Und wie können wir konservative katholische Traditionen in die Gegenwart
       rücken?“, fügt Annelie Ćemjerec hinzu. Die beiden sind Mitglieder des
       [2][Kolektiw Wakuum] und damit Teil einer Bewegung junger Sorb:innen, die
       gerade neu für sich definieren, was Sorbischsein heute bedeutet. Dafür
       organisieren sie Festivals, gründen Bands, machen Kunst und Kultur – auf
       dem Land.
       
       ## Drag, Rap, Punk und Techno
       
       Ein wichtiger Treffpunkt dieser Szene ist das Festival Meta Solis, das
       jährlich in Miltitz bei Bautzen stattfindet. Die etwa 300
       Besucher:innen kommen vorwiegend aus der Umgebung: Familien, die für
       den Nachmittag angereist sind, junge Menschen für die Nacht. Darunter viele
       Sorb:innen, aber auch Studierende aus Cottbus, Leipzig oder Dresden.
       Zwischen Drag, Rap, Punk und Techno zeigt sich, dass Sorbisch laut, queer
       und bunt sein kann.
       
       Konservative Bräuche in die Gegenwart rücken heißt, dass auf dem Meta Solis
       statt Ostereiern Nägel mit den traditionellen sorbischen Symbolen bemalt
       werden. Es gibt außerdem Vorträge über [3][rechte Strukturen in der
       Lausitz] und einen Workshop zu kritischer Männlichkeit. Schließlich darf
       auch die bekannteste sorbische Sage „Krabat“ nicht fehlen, allerdings in
       einer feministischen Version: Im Mittelpunkt steht nicht Krabat, sondern
       seine Freundin Maruscha, die ihn aus der schwarzen Mühle befreite.
       Feminismus auf Sorbisch.
       
       Auch die große Debatte über das Osterreiten, an dem bislang nur Männer
       teilnehmen dürfen, findet hier ganz subtil ihren Platz: Beim
       Hobbyhorsing-Workshop springen kleine Mädchen auf Steckenpferden über
       Hürden. Die Osterreiterinnen von morgen. Diese Herangehensweise ist typisch
       für die Neue Sorbische Welle, die [4][anecken, aber auch konstruktiv an der
       Entwicklung sorbischer Kultur mitarbeiten] will.
       
       „Wir wollen einen Raum für Diskussionen eröffnen“, sagt Rahel Selnack, die
       auch an der Organisation des Festivals Meta Solis beteiligt ist. „Wir
       müssen das Thema Osterreiterinnen gar nicht direkt ansprechen, es reicht,
       ein paar Holzpferde hinzustellen. Die Kinder verknüpfen das schon selbst
       mit dem, was sie kennen.“
       
       ## Interkulturelles sorbisches Projekt
       
       Auf dem Meta Solis werden Brücken gebaut – zwischen den Generationen und
       den Regionen. Denn was die deutsche Mehrheitsgesellschaft oft übersieht,
       wenn sie sich denn überhaupt mit der ostdeutschen Minderheit beschäftigt:
       Die etwa 60.000 Sorb:innen sind unterteilt in Ober- und Niedersorb:innen,
       mit jeweils eigener Sprache. Obwohl sie von außen als eine Einheit
       wahrgenommen werden, vermischen sich beide Gruppen selten. Das
       Meta-Solis-Festival ist aber ein interkulturelles sorbisches Projekt, in
       dem sich Nieder- und Obersorb:innen engagieren.
       
       Für die sorbische Identität ist die Sprache besonders wichtig, weshalb
       Modernisierung auch hier ansetzen muss, findet Rahel Selnack. Auf Sorbisch
       wird etwa für verheiratete und unverheiratete Frauen jeweils eine andere
       Endung an den Nachnamen gehängt. Sie nutzt konsequent die männliche Endung,
       die keinen Beziehungsstatus anzeigt. Und auch mit neuen Wörtern kann man
       experimentieren. Es gibt auch schon eine sorbische Variante des Jugendworts
       „Slay“: rěz.
       
       Hinter diesen Spielereien steckt eine ernste Frage: Wie kann eine
       Minderheit überleben? Lange haben es die Sorb:innen mit möglichst
       strenger Traditionspflege versucht, jetzt gehen einige einen anderen Weg.
       Das ist überlebenswichtig, findet Angel van Hell: „Bei uns im Dorf haben
       wir das Problem, dass keine jungen Leute ins Folkloreensemble wollen. Wenn
       man das ein bisschen aufpeppen und modernisieren würde, hätten junge Leute
       auch Bock, sorbische Kultur weiterzuleben“
       
       Diese Logik geht auf, sorbische Popkultur wirkt: Der Lausitzer DJ, Rapper
       und Produzent Jkube etwa hat erst durch Festivals wie das Meta Solis wieder
       angefangen, sorbische Elemente in seine Musik einzubauen. Und auch Hella
       Stoletzkis Weg zum Sorbischen war stark von Subkultur geprägt.
       
       Die bildende Künstlerin ist in Cottbus aufgewachsen, ihre Eltern sind
       deutsch. Sorbisch hat sie in der Schule gelernt, mit den Bräuchen hatte sie
       nur wenig Berührung. Als Teenager entdeckt sie sorbische Punkbands – ein
       Erweckungsmoment. „Das hat sich nach zu Hause angefühlt.“ Nach einem
       zehnmonatigen Intensivsprachkurs ist die Sprache und Kultur heute nicht
       mehr aus ihrem Leben wegzudenken. Hella Stoletzki ist somit die erste
       Sorbin in ihrer Familie. Aber nicht die letzte, lacht sie.
       
       7 Aug 2025
       
       ## LINKS
       
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       ## AUTOREN
       
   DIR Matthieu Praun
       
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