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       # taz.de -- Den Mythos von Orpheus befragen: Alles ist sehr klar und unaufgeregt
       
       > Vier Eurydices performen, tanzen und singen in Sasha Amayas
       > Interpretation von Monteverdis „Orfeo“ im Radialsystem in Berlin.
       
   IMG Bild: Vieles bleibt zwar abstrakt, aber fügt sich zu einer Collage aus Klang und Bewegung zusammen
       
       Was bleibt, wenn man einer Oper die Bühne, die Kostüme, gar die Handlung
       nimmt? Was ist der Kern einer Oper? Was liegt zwischen Oper und
       Choreografie?
       
       Mit diesen und weiteren Fragen beschäftigt sich die
       kolumbianisch-kanadische Künstlerin Sasha Amaya in ihrer Arbeit „Orfeo“,
       die Anfang August im Radialsystem in Berlin gezeigt wurde. „Orfeo“ ist der
       letzte Teil der Trilogie „On Form and Fiction“, die Amaya in den letzten
       Jahren kreiert hat. Sie versucht darin, dominante Narrative aus der
       Kunstgeschichte neu zu intepretieren. Mit „Orfeo“ kehrt sie auch zurück zum
       Anfang, zu ihrer Auseinandersetzung mit westlicher Tanzgeschichte und dem
       Barocktanz, der in der aktuellen Arbeit abstrahiert und angedeutet wird.
       
       Im Vordergrund steht jedoch [1][Claudio Monteverdis Oper „L´Orfeo“] – die
       musikalische Wende von der Renaissance zum Barock. Amaya intepretiert den
       als Grundlage dienenden Orpheus-Mythos neu, indem sie Eurydice in den Fokus
       rückt. Alle Rollen werden von weiblich gelesenen Körpern dargestellt und so
       darf das Publikum an diesem Abend vier identisch aussehende Eurydices
       beobachten und ihnen vor allem zuhören.
       
       ## Spiel mit Haaren und Stimmen
       
       Vor einem weißen und komplett leeren Bühnenraum sitzen sich die vier
       Performer*innen gegenüber und ahmen einander in behutsamen Gesten nach.
       Ebenfalls komplett in Weiß gekleidet mit klobigen Plateau-Sneakern, heben
       sie sich nur durch ihre langen, schwarzen Perücken und durch ihre Gesichter
       mit dem knallroten Lippenstift vom Raum um sie ab.
       
       So wird mit den Haaren und auch ihrer Mimik über den ganzen Abend immer
       wieder gespielt – besonders Sasha Amayas Minenspiel beeindruckt und
       amüsiert. Sie hat mit Peyee Chen, Tasha Hess-Neustadt und Brieann Pasko
       vier beeindruckende Künstler*innen auf der Bühne versammelt, die sich
       mit den musikalischen und tänzerischen Fähigkeiten perfekt ergänzen.
       
       Doch Hauptakteurin ist zunächst die Musik. Wie Amaya es zu Beginn der
       Performance angekündigt hat, kann das Publikum den Kern dieser Oper
       genießen, wenn nichts von dem Gesang ablenkt.
       
       Wenn die Sopranistin Peyee Chen das erste Mal zum Gesang ansetzt und dieser
       ganz für sich in diesem leeren weißen Raum steht, ist das unglaublich
       berührend. Zwischendurch singt sie mit dem Gesicht zur hinteren Wand oder
       später (dann zusammen mit Brieann Pasko) auf allen Vieren, den Boden
       anschauend, und irgendwann mit dem Gesicht nach unten ganz auf dem Boden
       liegend. Hier zeigt sich, dass es gar nicht unbedingt mehr braucht, um
       dieses Stück Musik zu genießen.
       
       ## Nähe und Zuhören, Begehren und Verlust
       
       „Orfeo“ lässt nicht unbedingt einen roten Faden erkennen und schon gar
       keine Handlung. Was vom Orpheus-Mythos noch übrig ist, bleibt so abstrakt.
       Mehr braucht es aber auch nicht unbedingt. Die Szenen, die mal zwischen
       mehr Tanz, mal mehr Musik oder Gesang variieren, gehen gelungen ineinander
       über. Elementare Themen der Oper von Nähe und Zuhören, Begehren und Verlust
       lassen sich auch in der Abstraktion erkennen. Und auch wenn es viele
       langsame und stille Momente gibt, wirkt hier nichts zu lang oder
       langweilig.
       
       Tänzerisch bewegen sich die Performer*innen zwischen Barock, Ballett
       und minimalen zeitgenössischen Gesten. Alles ist sehr klar und unaufgeregt,
       keine Szene überladen. Damit webt Amaya neben einem kunsthistorischen auch
       einen politischen Diskurs in ihre Arbeit ein. Zu Beginn der Performance
       beschreibt sie, wie sie während ihrer tänzerischen Ausbildung in Frankreich
       klassischen Barocktanz lernen musste. Sie stellt die Frage, was es aber für
       Migrantinnen und rassifizierte Frauen bedeutet, dieses westliche
       verkörperte Wissen zu besitzen? Wie können Künstler*innen mit diesen
       immer noch vorherrschenden Erzählungen und kolonialen Kunstpraktiken
       umgehen?
       
       Sasha Amaya findet einen Weg, indem sie Orpheus aus der Geschichte streicht
       und Eurydice sprechen lässt, indem sie den Prunk der barocken Opern von der
       Bühne verbannt und die Musik so alleine stehen kann. Und das funktioniert
       wunderbar. Vieles bleibt zwar abstrakt, aber fügt sich zu einer Collage aus
       Klang und Bewegung zusammen, die weder von Bühne noch Kostümen überschattet
       werden. Damit wird auch die Frage danach, was von einer Oper ohne eben
       diese Anteile bleibt – mehr Raum für die Musik und mehr Raum für andere
       Stimmen, deren Geschichte vielleicht noch nicht erzählt wurde.
       
       Am Ende entschwinden die [2][vier Eurydices in die Unterwelt.] In der
       Geschichte hat Orpheus sich umgedreht, Eurydices muss zurück. In „Orfeo“
       geht sie freiwillig. Der Raum wird dunkler, ein Schreien und Jauchzen
       erklingt von irgendwo. Eurydice braucht Orpheus nicht.
       
       3 Aug 2025
       
       ## LINKS
       
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       ## AUTOREN
       
   DIR Greta Haberer
       
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