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       # taz.de -- Tischtennis-Bundesliga: Irrungen und Wirrungen des Vereinslebens
       
       > Wenn zwei Typen in Werder- und BVB-Trikot Tischtennis spielen, könnten
       > das Fußballfans im Park sein. Vielleicht sind es aber auch
       > Bundesligaspieler.
       
   IMG Bild: Tischtennis Bundesliga: Cedric Nuytinck (Borussia Dortmund) spielt gegen Timo Boll (Borussia Düsseldorf), am 29.03.2025
       
       Woran denkt man, wenn man an die Tischtennis-Bundesliga denkt? Erst einmal
       an kleine Vereine aus entlegenen Käffern, die ihre miefigen
       Schulsporthallen mit Rolltribünen ausrüsten müssen, wenn es einmal im Jahr
       zu großen Spielen kommt, und die von lokalen Biermarken oder
       Bäckereiketten so sehr gesponsert werden, dass sie deren Namen ins
       Vereinsregister eintragen müssen, wodurch dann Vereinsnamen wie TTC
       RhönSprudel Fulda-Maberzell (1. Herren-Bundesliga) entstehen.
       
       Doch es gibt auch im Tischtennis das Phänomen der Unterwanderung seitens
       des Großkapitals. Besser gesagt, das Phänomen der aus größeren Sportarten,
       vornehmlich dem Fußball, bekannten Namen, die Randsportarten erfassen,
       aushöhlen und ausbeuten, um weiter Verwertung und Vermarktung der, äh,
       Muttermarke zu betreiben.
       
       Mag sein, dass es dieses Phänomen schon länger gibt, ich als Banause habe
       es nur noch nicht mitbekommen, weil mich die Tischtennis-Bundesliga nur
       marginal interessiert. Untere Vereinsebenen ja, da spiele ich schließlich
       auch.
       
       Doch darüber hinaus stellt sich die Frage, warum man Tischtennis-Bundesliga
       sehen soll, wenn man auch Großturniere mit internationalen Einzelkönnern
       gucken kann. Das ist etwa so wie beim Tennis – da hat sich auch nie jemand
       für den TC Blau-Weiß Leimen interessiert. Aber für Boris Becker.
       
       [1][Jedenfalls stieß ich kürzlich auf das Youtubevideo eines Matchs, dessen
       einer Spieler mit Borussia-Dortmund-Trikot am Tisch stand, während der
       andere ein Werder-Bremen-Trikot trug.] Gut, dachte ich zuerst, kennt man
       aus’m Park: Da spielen auch mal welche im Messi-Trikot oder im
       CR7-Portugal-Dress mit. Oder waren das als Fußballfans verkleidete
       Tischtennisspieler oder am Ende sogar echte Fußballprofis mit
       Tischtennisschlägern?
       
       Nein, die Wirklichkeit war ganz banal: Hier spielte tatsächlich Borussia
       Dortmund, die Tischtennisabteilung, gegen die vom SV Werder. Sah irgendwie
       bizarr aus. Immerhin, dachte ich, spielt hier nicht der FC Bayern.
       
       Obwohl, vielleicht reicht es bereits, das hinzuschreiben, und [2][Uli
       Hoeneß] wacht schweißgebadet in seinem King-Size-Bett auf, nachdem er Tags
       zuvor im Schlosspark ein paar Teenies in Borussia-Dortmund-Trikots an einer
       Steinplatte hat spielen sehen. Und zack wird Geld investiert und der FC
       Bayern München löst den TTC Grenzau alsbald als Deutscher Rekordmeister im
       Tischtennis ab.
       
       Obwohl, der Rekordmeister bei den Herren ist nicht der TTC Grenzau (wo
       liegt das?), sondern natürlich Borussia Düsseldorf mit sage und schreibe 34
       Titeln. Dieses Jahr hat es mal nicht geklappt, wie wir alle inzwischen
       wissen: [3][Timo Bolls Abschied wurde trotz eines überraschend guten
       Auftritts seines Düsseldorfer Teamkameraden Dang Qiu durch den TTF Liebherr
       (!) Ochsenhausen verhagelt.] Ochsenhausen (und wo liegt das?) gewann in
       einer Halle in Frankfurt am Main das Endspiel mit 3:2 und holte sich damit
       den insgesamt vierten Meistertitel.
       
       Einen Rekordmeister FC Bayern (bisherige Titel: 0) wird Uli Hoeneß, so Gott
       will, nicht mehr erleben. Es sei denn, er schafft es, sich das Erbe des MTV
       München von 1879 finanziell zu sichern; die wurden in den 1950er Jahren
       immerhin siebenmal Deutscher Meister bei den Herren. Aber auch dann müsste
       er nicht nur die dortige Tischtennis-Abteilung übernehmen, sondern immer
       noch mindestens 27 Jahre warten.
       
       Schaut man auf die Liste der Ex-Meister bei den Herren, findet man den aus
       dem Fußball bekannten 1. FC (sic!) Saarbrücken, der sich zur nächsten
       Spielzeit die Dienste des Olympiasiegers und Ex-Weltmeisters Fan Zhendong
       gesichert hat. 2020 holte man den Titel an die Saar. Auch Werder Bremen
       wurde schon Deutscher Meister im Tischtennis, 2013 nämlich, und zweimal
       sogar der VfL Osnabrück, was etwas länger her ist. Titel für Borussia
       Dortmund: bislang null.
       
       Ein Endspiel Borussia Dortmund gegen Werder Bremen wäre 2026 also möglich.
       Doch da sei Fan Zhendong vor.
       
       24 Jun 2025
       
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