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       # taz.de -- Podcast „Irma“: Das Kind aus Srebrenica
       
       > Irma wird als Baby weggegeben, ihr Vater im Genozid von Srebrenica
       > getötet. Ein „Zeit“-Podcast spricht mit Tätern und Überlebenden.
       
   IMG Bild: Fotografien vermisster Personen in der Srebenica Widow's Association, Oktober 2002
       
       Christine Schmitz ist im Juli 1995 in [1][Srebrenica] – als eine der
       letzten Krankenschwestern vor Ort. Inmitten des Chaos drückt ihr ein Mann
       ein kleines Baby in den Arm. Auf einen Zettel schreibt er den Namen des
       Mädchens: Irma. Wenig später wird er von den Truppen der Armee der
       Republika Srpska verschleppt und erschossen – als eines von über 8.000
       Opfern des Völkermords an den Bosniaken in Srebrenica. Der Doku-Podcast
       „Irma. Das Kind aus Srebrenica“ der Zeit widmet sich in fünf Folgen diesen
       Ereignissen.
       
       Im Mittelpunkt der ersten Folge steht Christine Schmitz. Für
       deutschsprachige Hörer:innen ohne Bezug zur Region bietet ihr Blick
       einen niedrigschwelligen Einstieg. Sie erzählt, wie sie als einfache
       Krankenschwester den verantwortlichen [2][General Ratko Mladić] bittet,
       ihre Patienten bei sich behalten zu dürfen – und wie dieser sie behandelt
       wie eine lästige Schmeißfliege.
       
       Die zweite Folge begleitet Irma Hasanović, die als erwachsene Frau nach der
       Krankenschwester sucht, die sie einst in den Armen hielt. Per E-Mail nimmt
       sie Kontakt auf und sucht Antworten auf die Frage, warum sie ohne ihren
       Vater, Nusret Hasanović, aufwachsen musste.
       
       Diese Frage wird im dritten Teil dem ehemaligen niederländischen
       Blauhelmsoldaten Gerry Kremer gestellt, der nur danebenstand, als Irma von
       ihrem Vater getrennt wurde. Es geht um Schuld: Wie konnte dieser Genozid
       vor den Augen der Welt geschehen – und hätten die UN-Soldaten eingreifen
       müssen?
       
       Folge vier dreht sich um die systematischen Erschießungen und das
       Vergraben der Leichen in sekundären Massengräbern, die das Ausmaß des
       Genozids vertuschen sollten. Wir hören den Kronzeugen Dražen Erdemović,
       selbst Teil eines Erschießungskommandos – womöglich jenes, das Nusret
       Hasanović tötete. Zudem wird Serbiens Mitverantwortung und der politische
       Kontext des Genozids beleuchtet. Der letzte Teil widmet sich dem Menschen
       Nusret Hasanović: Seinem Leben und – gestützt auf die Erinnerungen des
       Überlebenden Ahmo Hasić – seinen letzten Tagen.
       
       „Irma. Das Kind aus Srebrenica“ ist ein eindrucksvoll produzierter Podcast
       mit starken Protagonist:innen. Anhand einzelner Schicksale vermittelt er
       eindringlich und ausführlich das Ausmaß des größten Verbrechens in Europa
       seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs.
       
       ## Wichtige Ergänzung vom Deutschlandfunk
       
       Schwäche zeigt der Podcast, wenn Reporter Bastian Berbner seiner
       Co-Reporterin Simone Gaul, Eindrücke von einem Ort der Massenerschießungen
       mit Sätzen wie „Es war so ein Auschwitz-Gefühl, ohne Scheiß“ schildert.
       Diesen Vergleich und die ständige Betonung darauf, wie „krass“ alles sei,
       hätte man besser weggelassen.
       
       Eine wichtige Ergänzung zum Thema bietet der Deutschlandfunk mit
       „Srebrenica“ aus dem Format „Hörspiel“. Auch hier geht es um den
       Überlebenden Ahmo Hasić und den geständigen Täter Dražen Erdemović sowie
       den Blauhelmsoldaten Rob Zomer.
       
       Über knapp eine Stunde kommen die drei selbst zu Wort. Bedeutend ist hier
       der Raum, den man dem Schmerz des Überlebenden Ahmo Hasić lässt, um in
       seinen eigenen Worten das Unvorstellbare und seinen Umgang damit zu
       beschreiben.
       
       Die Ö1-Sendung „30 Jahre Genozid von Srebrenica“ aus der Reihe „Journal
       Panorama“ befasst sich mit der Leugnung des Genozids in Serbien und unter
       bosnischen Serben. Die Stärke der Produktion liegt darin, diese Narrative
       und ihre Hintergründe realistisch darzustellen – ohne Zweifel daran zu
       lassen, dass es sich um Genozidleugnung handelt, die Täter zu Opfern und
       verurteilte Völkermörder zu Helden verklärt. Die Sendung „Die Rolle der
       Kirchen bei Genoziden vom Deutschlandfunk Kultur“ legt den Fokus auf die
       Rolle der serbisch-orthodoxen Kirche bei der Leugnung des Genozids.
       
       In der Deutschlandfunk-Kultur-Reihe „Die Reportage“ erschien eine
       halbstündige Sendung über die Korida – den bosnischen Stierkampf – die mit
       dem Genozid von Srebrenica verknüpft wird – obwohl weder die Korida noch
       die Protagonist:innen einen engen Bezug dazu haben. Die Reportage ist
       gut erzählt, behandelt Srebrenica aber nicht ausführlich. Leider wurde hier
       der Genozid zum Anlass genommen, um Aufmerksamkeit für ein völlig anderes
       Thema zu schaffen.
       
       10 Jul 2025
       
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