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       # taz.de -- Atomprogramm in Iran: Das nukleare Gespenst
       
       > Einst lieferte der Westen Teheran die ersten Atomanlagen. Seitdem muss er
       > mit der Angst vor einer iranischen Atombombe umgehen.
       
   IMG Bild: Die Baustelle des iranischen Atomkraftwerks Buschehr im Süden des Landes, Aufnahme von 1995
       
       Es brauchte schon einen [1][„Mitternachtshammer“ – so der Codename der
       US-Operation] – zur Zerstörung der iranischen Atomanlagen: 14 Tonnen
       schwere, sechs Meter lange präzisionsgelenkte Bomben, die bis zu 60 Meter
       in den Fels eindringen, bevor sie explodieren.
       
       Damit sind die iranischen Nuklearstützpunkte in Fordo, Natans und Isfahan
       dem Erdboden gleichgemacht worden. Aber schon zwei Tage danach sickerten
       Zweifel durch das tägliche Nahost-Nachrichtengewitter. Sind wirklich alle
       Atomanlagen komplett zerstört? Oder wurde das iranische Atomwaffenprogramm
       „nur“ zurückgeworfen? Wurden 400 Kilogramm hoch angereichertes Uran in
       Sicherheit gebracht? Wird der Iran die Uranbombe aufgeben und den
       Plutoniumpfad beschreiten, also waffenfähiges Plutonium aus seinen
       Reaktoren gewinnen?
       
       Zweifel und Spekulationen bleiben. Sie gehören seit den 1950er Jahren zum
       Inventar des iranischen Atomprogramms. Das Gespenst einer iranischen
       Atombombe lässt sich selbst mit martialischen Militärschlägen nicht
       vertreiben. Die Unsicherheit wächst, seit Teheran angekündigt hat, [2][die
       Kooperation mit der Internationalen Atomorganisation (IAEA) zu beenden.]
       Die Inspektoren der Wiener Kontrollbehörde haben vorerst keinen Zutritt
       mehr.
       
       Dass der Iran überhaupt fähig war, ein geheimes militärisches Atomprogramm
       in unterirdischen Festungen voranzutreiben, ist die Folge westlicher
       Unterstützung. USA, Deutschland und Frankreich heißen die drei Gehilfen,
       die Irans Atomprogramm in Gang setzten. Die Gefahr der Proliferation, also
       der unfriedlichen Nutzung der Atomkraft, war im Preis inbegriffen, als
       erste Forschungseinrichtungen errichtet wurden. Später leisteten Russland
       und Pakistan Schützenhilfe.
       
       ## Ziel der rein zivilen Nutzung verfehlt
       
       Auch im Iran zeigten die Atombombe und die Atomenergie ihre enge
       Verwandtschaft. Die propagandistische Trennung von ziviler und
       militärischer Nutzung sollte den Bau und Verkauf von Atomkraftwerken
       voranbringen, doch sie konnte Naturgesetze nicht außer Kraft setzen. Ein
       Missbrauch ist immer möglich. Er gehört zu dieser Technologie wie der Tanz
       der Neutronen.
       
       Irans Herrscher, Schah Reza Pahlavi, hatte sich in den 1950er Jahren von
       der Euphorie des neuen Atomzeitalters anstecken lassen. „Atoms for peace“
       versprachen die USA. Die zivile Nutzung mit ihren unendlichen Möglichkeiten
       sollte eine Art Wiedergutmachung für die Leichenberge in Hiroshima und
       Nagasaki sein. USA und Iran unterzeichneten 1957 einen nuklearen
       Kooperationsvertrag. Washington lieferte dem Verbündeten einen
       Forschungsreaktor, Ausrüstung, Labore und Trainingsprogramme. Der Iran
       wurde atomtauglich gemacht.
       
       Auch Deutschland und Frankreich bemühten sich, Atomtechnologie zu
       verkaufen. „Ein Land, das keine Kernkraftwerke verkauft, wird irgendwann
       keine Staubsauger mehr verkaufen“, hatte in den 1960ern Siegfried Balke,
       Bundesminister für Atomfragen, verkündet. Tatsächlich machten die Deutschen
       im Nuklearwettstreit das Rennen. Die Siemens-Tochter KWU baute 1974 in
       Buschehr das erste von zwei geplanten AKWs.
       
       ## Die deutsche Exportgier taugte Irans Atomprogramm
       
       Mehr noch: „Die Regierung Helmut Schmidt war willens, dem Iran die
       Lieferung zweier Urananreicherungsanlagen zu offerieren“, schreibt der
       Historiker Otfried Nassauer. Iran hatte den Atomwaffensperrvertrag, heute
       bekannt als Nichtverbreitungsvertrag, im Juli 1968 unterzeichnet. Damit war
       die Risikoabwehr formal erledigt worden. Die deutsche Exportgier überwog,
       weil der Iran während der Ölkrise ein wichtiger Partner war.
       
       Nach dem Sturz des Schahs zeigte Ajatollah Chomeini erst wenig Interesse am
       Atomprogramm. Siemens-KWU zog sich vom halbfertigen AKW in Buschehr zurück,
       das in den Jahren 1987 und 1988 vom Irak bombardiert und beschädigt wurde.
       
       Nach dem Ende des Iran-Irak-Kriegs nahm das Atomprogramm wieder Fahrt auf.
       Pakistan und Russland, dessen Firma Rosatom den Atommeiler Buschehr fertig
       baute, unterstützten den Iran. Wer genau was lieferte, war unklar. Dass die
       Zentrifugen zur Urananreicherung aus Pakistan kamen, wurde indes bestätigt.
       
       Es gelang dem Iran, vielfältige nukleare Anlagen aufzubauen. Aber erst als
       2002 der Exilrat National Council of Resistance of Iran enthüllte, dass in
       Arak ein militärisch besonders relevanter Schwerwasserreaktor existiert und
       eine Urananreicherungsanlage in Natans, schreckte der Westen auf. 2009
       bestätigte der Iran Geheimdienstberichte, wonach in Fordo eine zweite
       größere Urananreicherungsanlage existierte.
       
       Alle Einrichtungen dienten nach Lesart Irans ausschließlich der friedlichen
       Nutzung. Doch Fakt ist: In dem ölreichen Land deckt Atomkraft gerade 1,7
       Prozent der Stromversorgung. Strom ist dort billig, Atomkraft
       wirtschaftlich fraglich.
       
       ## Immer wieder durfte die IAEA nicht rein
       
       Seit mehr als 20 Jahren laufen die Verhandlungen mit Teheran. Seitdem
       versucht die IAEA vergeblich, die umstrittenen Atomanlagen zu überwachen.
       Zwar saß Iran am Verhandlungstisch, aber immer wieder wurde
       IAEA-Kontrolleuren der Zugang verwehrt, Überwachungssysteme wurden
       abgebaut. Ab und an waren Teilinspektionen erlaubt. Der Westen verhängte
       vergeblich Sanktionen und wusste gleichzeitig nicht, wie weit der Iran von
       einer nuklearen Massenvernichtungswaffe entfernt war. Tage, Monate, Jahre?
       
       Jetzt geht das Spiel wieder los. Doch der Krieg mit Israel und die
       Bombentrichter des „Mitternachtshammers“ haben die Lage verändert. Irans
       Vertreter gehen geschwächt in die Verhandlungen, die Europäer ringen um
       Einfluss, die USA haben das Drohpotenzial und den Triumph der Bombennacht
       auf ihrer Seite. Schon aus Selbsterhaltungstrieb dürfte Iran keinen
       weiteren Anlass für US-Interventionen bieten. Dafür aber weiter auf Zeit
       spielen, nachdem der Trümmerhaufen – die Überreste des Atomprogramms –
       inspiziert ist.
       
       30 Jun 2025
       
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