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       # taz.de -- Antimilitaristisches Aktionsnetzwerk: Der nächste Veteranentag kommt bestimmt
       
       > Wer sind die jungen Menschen, die mit Adbusting-Aktionen gegen den
       > Veteranentag protestiert haben? Und was hat es mit Sozialer Verteidigung
       > auf sich?
       
   IMG Bild: Adbuster haben Wall-Werbeplakate ausgewechselt und sie mit mit bundeswehrkritischen Plakaten ersetzt, Berlin, Juni 2020
       
       Zu viert stehen sie um die Tischtennisplatte, vor ihnen klemmt ein
       Schraubstock, darin eingespannt ist ein kleines Metallröhrchen. „Meistens
       reicht so ein normaler Sechskant aus dem Baumarkt“, erklärt ein Mann Mitte
       30 mit langen Haaren, Jeans und Hoodie.
       
       An einem Samstag im Mai stehen er und die drei anderen vom
       Antimilitaristischen Aktionsnetzwerk (AA) im Hinterhof eines linken
       Jugendzentrums im Nordosten Berlins. Mit der Flex wird ein kleiner Schlitz
       ins Profil gesägt, fertig ist der Schlüssel.
       
       Mit diesem Schlüssel will die Gruppe, die zur Deutschen
       Friedensgesellschaft (DGF) gehört, jetzt die Stadt und [1][die
       Deutungshoheit zurückerobern], wie sie sagt. Oder – für wen es eine Nummer
       kleiner sein soll – die Werbevitrinen deutscher Städte aufschließen, um die
       Plakate darin – „anzupassen“.
       
       Ad-Busting nennt man das. Außenwerbung wird dabei künstlerisch verfremdet,
       meist versehen mit einer neuen politischen Botschaft. Solange die Plakate
       nicht entwendet und die Werbevitrinen nicht beschädigt werden, ist das
       nicht strafbar.
       
       Dem Aktionsnetzwerk der DGF geht es um einen ganz bestimmten Tag: den 15.
       Juni.
       
       ## Militarismus pur
       
       Ebenjenen 15. Juni hatte der Bundestag letztes Jahr mit den Stimmen von
       Ampel und Union zum jährlichen [2][nationalen Veteranentag] erklärt. Der
       Dienst aktiver und ehemaliger Soldat:innen in der Bundeswehr soll so
       gewürdigt werden, hieß es. Der Entschluss hat eine breite Debatte
       losgetreten.
       
       Ein wichtiges Zeichen der Wertschätzung nennen es die einen und einen
       Schutz gegen die Vereinnahmung der Bundeswehr vonseiten der Rechten. Eine
       Werbung für [3][„Kriegstüchtigkeit“] schreiben die anderen und warnen vor
       Militarismus pur.
       
       Bei Antimilitaristischen Aktionsnetzwerk findet man den Veteranentag
       erwartbarerweise schlecht. „Es gibt sehr viele Menschen, denen man einen
       Tag widmen könnte“, meint auch Mira, die eigentlich anders heißt. Die
       meisten treten wie Mira nur mit Pseudonym auf, auch wenn Ad-Busting nicht
       per se illegal ist, fürchten sie identfizierbar zu sein. „Pfleger:innen zum
       Beispiel könnte man einen Tag widmen. Aber die Bundeswehr mit ihren
       rechtsextremen Skandalen braucht keinen Ehrentag“.
       
       Ihre Kritik an der Bundeswehr will die antimilitarischen Jugendgruppe also
       kreativ ausüben. „Es hat auch dieses Street-Art-mäßige“, sagt Max.
       
       ## Diagnose: Nazi-Prepper-Tag“
       
       Anstatt dass Modelkörper für Discounter Mode und Handyverträge werben,
       sollen ihre Plakate andere Themen besprechen: „Diagnose: Nazi-Prepper-Tag“
       oder „Veteranentag? Bundeswehr? Finde ich scheiße!“ konnte man bereits in
       Werbevitrinen irgendwo in Deutschland sehen.
       
       Zentraler Teil der Ad-Busting-Kampagne zum Veteranentag wird dann die
       Aktion am 15. Juni gewesen sein. Aus „Nationaler Veteranentag“ will die AA
       „Nazi-naher Veteranentag“ machen.
       
       Aus ganz Deutschland, aus Hamburg, Leverkusen, Jena, Stuttgart sind dafür
       rund zwei Dutzend junge Friedensbewegte zwischen 20 und 30 Jahren an diesem
       Wochenende nach Berlin angereist. Sie treffen sich zum Skillsharen, also
       dem Teilen von Fähigkeiten. Dabei geht es zum einen darum, den Protest
       gegen den 15. Juni ganz praktisch zu organisieren – der Sechskant etwa oder
       die rechtliche Vorbereitung auf das AdBusting – aber auch darum, sich
       auszutauschen und neu aufzustellen in der aktivistischen
       antimilitaristischen Antikriegsbewegung.
       
       Denn mit dem, was die Aktivist:innen vertreten, stehen sie gegen den
       Zeitgeist. In Jahren des russischen Angriffskrieges in der Ukraine, des
       Gaza-Krieges und allgemeiner geopolitischer Aufrüstung wollen
       antimilitaristische Argumente [4][gut durchdacht] sein.
       
       ## Abgrenzung und Differenzierung
       
       Auch gegenüber den eigenen Reihen, zur eigenen Mutterorganisation der
       Deutschen Friedensgesellschaft und den Vereinigten KriegsdienstgegnerInnen,
       braucht es mitunter Abgrenzung. In den letzten Jahren fielen diese
       Organisationen nämlich vor allem [5][mit ihrer Russlandfreundlichkeit] auf.
       Damit will die friedensbewegte Jugendorganisation nichts zu tun haben.
       
       Doch wie kann eine progressive, antimilitaristische Position heute
       aussehen? Eine eindeutige Haltung hat das AA nicht. Während manche von
       ihnen jede Form von Krieg und Gewalt ablehnen, sind andere offener für eine
       verantwortungsethische Verteidigung.
       
       Für Max geht es darum, der Gesellschaft Alternativen zu Waffen aufzuzeigen.
       Im Vorfeld von kriegerischen Handlungen also bereits dafür zu sorgen, dass
       diese gar nicht entstehen.
       
       „Wir verurteilen aber eine*n ukrainischen Soldaten*in nicht dafür, dass
       er oder sie sich dafür entschieden hat zu kämpfen“, sagt er. Doch
       gleichzeitig sollten auch die zwangseingezogenen Soldaten auf der anderen
       Seite gesehen werden und insbesondere russische Kriegsdienstverweigerer
       gestärkt werden, in dem ihnen beispielsweise Asyl gewährt wird.
       
       ## Soziale Verteidigung
       
       Mit Blick auf den Veteranentag steht für die AA fest, die Normalisierung
       des deutschen Militärs darf nicht vorangetrieben werden. „Gerade
       Deutschland mit seiner Geschichte sollte einen Anfang machen mit der
       Entmilitarisierung“, meint Mira.
       
       Während dort rechtsextremistische Menschen aktiv seien, möchte sie diese
       Leute nicht unterstützen und nicht ehren, sagt sie. Anstatt in eine Armee
       zu investieren sollte lieber in den Klimaschutz oder das Gesundheitswesen
       investiert werden. „Denn was will ein Putin mit einem überfluteten
       Ahrtal?“, fragt Max.
       
       Er nennt auch ein Konzept, das bereits seit den 1970ern zirkuliert und
       derzeit wieder vermehrt aufkommt: die Soziale Verteidigung. Bei der
       sozialen Verteidigung geht es nicht um die Verteidigung von Territorium
       durch Waffen, sondern vielmehr darum, die Strukturen der Zivilgesellschaft
       durch Streiks, Verweigerung, bewusstes Missverstehen oder Sabotage vor
       Gewalt zu schützen.
       
       Das Konzept orientiert sich an den Grundlagen des zivilen Ungehorsams und
       Strategien des gewaltfreien Widerstands. „Das heißt Betriebe und
       Organisationen leisten Widerstand, die Post, das Krankenhaus, die
       Verwaltung“, erklärt Max. Man würde beispielsweise keine Wohnung an
       Besatzer vermieten oder sie im Krankenhaus behandeln, sie aus den
       zivilgesellschaftlichen Strukturen ausschließen also.
       
       ## Waffe an den Kopf
       
       In der Stadt Cherson in der Ukraine habe das sehr gut funktioniert, sagt
       Max. Bei der ersten Besatzung durch das russische Militär Anfang 2022 wurde
       die Stadt innerhalb weniger Tage eingenommen. „Die Leute dort haben aber
       Demonstrationen abgehalten und Lieder gesungen und ukrainische Fahnen
       geschwenkt, die russischen Soldaten waren davon ganz überrascht“.
       
       Im Gegensatz zu der östlicheren Stadt Mariupol, die monatelang umkämpft
       war, hätte es vergleichsweise sehr wenig Tote gegeben. Für Max ein Beweis
       für den Erfolg der sozialen Verteidigung.
       
       Und was, wenn militarisierte Angreifer eine Waffe an den Kopf halten, weil
       ihnen die Wohnung nicht vermietet wird? Oder, wenn sie, wie jetzt in der
       Ukraine, mit Drohnen und Raketen die zivilgesellschaftlichen Strukturen
       attackieren?
       
       Auf diese Fragen blickt Max etwas ratlos: „Ja, das ist schwierig“, meint
       er. Auch wenn er darauf keine Antwort hat, fest steht für die
       Friedensbewegten: Die Bundeswehr und deren Zelebrierung ist keine Option.
       
       16 Jun 2025
       
       ## LINKS
       
   DIR [1] /Veteranentag-in-Berlin/!6091226
   DIR [2] https://www.veteranentag.gov.de/
   DIR [3] /Militaerhistoriker-ueber-Kriegstuechtigkeit/!6087358
   DIR [4] /Die-Deutschen-und-der-Krieg/!6059911
   DIR [5] /Ostermarsch-2025/!6079296
       
       ## AUTOREN
       
   DIR Amelie Sittenauer
       
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