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       # taz.de -- Online-Gemeinschaft: Wer hat Putzschicht im digitalen Raum?
       
       > Soziale Strukturen funktionieren nur mit persönlichem Einsatz. Das gilt
       > für Kneipen in besetzten Häusern genauso wie im Netz.
       
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       Dass wir durchs Fenster einstiegen, befremdete beim ersten Mal noch ein
       wenig. Die schummrige Beleuchtung der Erdgeschosswohnung aber, die hier zur
       Kneipe umfunktioniert worden war, fand schnell ungeteilte Zustimmung. Die
       preisgünstigen Getränke sowieso. Das Haus war besetzt.
       
       Im für die Nachbarschaft offenen Lokal bullerte winters ein riesiger
       Kachelofen, die Boxen kreischten zu jeder Jahreszeit beide Arten Musik:
       Crust Punk und Grindcore. Oder manchmal [1][ABBA]. Je nachdem, wer den
       Ausschank innehatte. Anders als an den meisten anderen Orten im hippen
       Stadtzentrum, konnten wir hier ohne Geld und Konsumdruck ungestört
       rumsitzen und den unsterblichen Geist der Boheme beschwören. Nur wenn
       Plenum war, verdrückten wir uns, damit wir nicht doch noch zu
       Tresendiensten überredet würden.
       
       Na, das sind uns die Liebsten. Nie aktiv sein wollen, immer nur Gast. Das
       funktioniert schon, solange das Geld locker sitzt und der Wirt deiner
       Stampe kein Nazi ist. Für das eine wie das andere gibt es jedoch keine
       Garantie. Soziale Infrastruktur ist halt [2][ein fragiles Gebilde], das
       besser in solidarischer Gemeinschaft betrieben wird, statt es den Zwängen
       und Zufällen des Markts zu überlassen. Egal ob der Tresen mit realer
       Zapfanlage daherkommt oder ein virtuelles Wohnzimmer ist.
       
       Ja, sorry, es führt kein Weg vorbei an selbst organisierter,
       unkommerzieller Vernetzung. Auch wenn es richtig beobachtet ist, dass die
       Welt sich nicht einfach über ethischen Konsum und sonstiges individuelles
       Wohlverhalten zum Besseren verändert: Ganz ohne persönlichen Einsatz für
       die Utopie funktioniert es eben auch nicht.
       
       ## Die Verachtung der eigenen Nutzer*innen
       
       Im digitalen Raum heißt das zunächst, sich der verwendeten Werkzeuge
       bewusster zu werden. Überhaupt erst einmal zu lernen, wie sie funktionieren
       und wer sie zu welchen Zwecken sonst noch so benutzt. So versucht zum
       Beispiel noch jedes nächste große Netz-Ding Risikokapital einzuwerben, und
       das mit dem Versprechen permanenter Expansion. [3][Die funktioniert aber
       nur über die ganz prinzipielle Verachtung der eigenen Nutzer*innen].
       Ich bin wirklich kein Fan, mag aber Grindcore deutlich lieber als die immer
       gleich sterile Kaufhausbeschallung, die da so aufspielt.
       
       Der besondere Wert eines funktionierenden sozialen Netzwerks besteht doch
       nicht darin, dass wir dort nur bereits Bekanntes wiederfinden. Für Neues
       und Anderes aber müssen wir schon manchmal durch Fenster steigen und,
       besser noch, gelegentlich eine Putzschicht übernehmen. Gemeinsam mit
       anderen. Wenn es auch kein richtiges im falschen Leben geben mag, am
       Erträglichen wenigstens sollten wir uns bisweilen versuchen. Und das kann
       nur abseits der menschenfeindlichen Konsumhölle des
       Überwachungskapitalismus geschehen.
       
       Solche Lokale in Erdgeschosswohnungen gibt es übrigens immer noch. Und wenn
       man die Lautstärke ein wenig runterdreht … Nee, Quatsch, mein Tresen heut,
       und wir wissen alle, was das heißt: „The Winner Takes It All“!
       
       10 Jun 2025
       
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