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       # taz.de -- Queerer Widerstand in Tbilisi: Glitzer gegen Gewalt
       
       > Mit den Anti-LGBTQ-Gesetzen wird Drag in Georgien zur widerständigen
       > Kunstform. Wie Dragqueen Levau dem Klima zwischen Angst und Aufbruch
       > trotzt.
       
   IMG Bild: Dragqueen Levau beim Dragball in Tbilisi, dem wichtigsten Dragevent Georgiens am 7. Juni 2025
       
       New York taz | Drag ist heute so wichtig wie noch nie in Georgien. Dabei
       geholfen hat Dragqueen Levau. In einer der vielen kurvigen und steilen
       [1][Straßen Tbilisis] liegt das Studio Levaus. Es ist voll mit Kostümen,
       Klamotten und Perücken vieler vergangener [2][Dragshows]. Viele davon waren
       Teil der Perfomances, die Drag in Georgien bekannt gemacht haben. Schon
       früh entwarf Levau Kleidung, die Gendergrenzen sprengt. „Dieser Weg hat
       mich zu Drag geführt und dazu, dass ich dieser Kunst komplett verfallen
       bin.“
       
       Der alte Holzboden knarrt und eine kleine schwarze Katze tigert durch das
       kreative Chaos. Auf dem Schrank liegen große, schwarze Latex-Tentakeln.
       Dazwischen versteckt sich ein kleines Bett und ein noch kleinerer
       Schreibtisch, voll mit Notizen und Skizzen für neue, noch ausgefallenere
       Dragoutfits und Performances. „Bei Drag geht es um Verwandlung,
       Transformation – das ist, was ich so liebe.“
       
       Levau ist aufgeregt und zurückhaltend, anders als auf der Bühne. Die
       Figuren, die Levau bei den Shows zum Leben bringt, sind Frauen, die
       besonders schlagkräftig und unabhängig sind. Lara Croft zum Beispiel.
       
       „Bei meinem letzten Auftritt war ich eine Nachfahrin der Medusa. Sie war
       ein Opfer des Patriarchats und ich bin gekommen, um sie zu rächen.“
       
       Levau zeigt auf dem Handy Videos des letzten Dragballs Anfang Juni, die
       wichtigste Veranstaltung für die Dragcommunity [3][in Georgien]. Thema des
       Abends ist: Bösewichte.
       
       Im Insta-Reel trägt Levau eine blonde Perücke und einen hautengen pinken
       Anzug. Darüber schwarz-rote tentakelige Auswüchse. Zum Ende des Auftritts
       holt Levau ein Banner mit „Protect the Dolls“ auf die Bühne. Eine
       Solidaritätsbekundung für die trans* Community Georgiens. Der Dragball
       Anfang Juni wirkt wie eine düstere zeitgenössische Avantgardeshow mit
       dystopischen Endzeitperformances.
       
       Mit der [4][wachsenden Bedrohung] rückt die queere Community enger zusammen
       – alle sind im „Flight- or Fight-Modus“. Seit Dezember 2024 gilt hier ein
       neues Gesetz mit dem offiziellen Namen: „Gesetz über Familienwerte und den
       Schutz von Minderjährigen“. Inoffiziell nennen es alle nur das
       „Anti-LGBTQ*-Gesetz“.
       
       ## Repression kommt näher
       
       Prides, Demonstrationen oder sonstige Versammlungen, sowie
       Geschlechtsangleichungen oder Hormontherapien sind verboten. Dazu kommt,
       dass im Fernsehen oder in den Schulen nicht mehr über queere
       Lebensrealitäten gesprochen werden darf.
       
       Es ist ein Gesetz, dass es so auch in Russland gibt. Dort hat es gleich
       zwei Funktionen für die Regierung: Man gewinnt die Zustimmung der
       Konservativen und kann gleichzeitig politische Gegner:innen diffamieren.
       Die Folgen: Queere Clubs und Bars werden regelmäßig von der Polizei
       gestürmt. In russischen Fernsehshows spricht man über den degenerierten
       Westen und die EU, die die ganze Welt queer machen will.
       
       Zumindest Letzteres passiert auch heute schon in Georgien. Die Frage, wann
       eine der queeren Bars und die Dragshows gestürmt werden, scheint in Tbilisi
       nur noch eine Frage der Zeit zu sein. Viele aus der Szene haben aus Angst
       das Land verlassen.
       
       Geht es nach den rechten Politikern Georgiens, dann gehörten queere
       Identitäten noch nie zum Land. Uta Bekaia weiß, dass das nicht stimmt. Er
       veranstaltet eine der wichtigsten queeren Events überhaupt in Tbilisi, die
       Eau de Cologne im weltberühmten Techno-Club Bassiani. Er gehört zu denen,
       die Drag hier groß gemacht haben. In der Community kennen ihn alle.
       
       „Viele Dragkünstler:innen bringen traditionelle kulturelle Elemente in
       ihre Performances ein.“ Das reicht von Kleidung, Stoffen bis zu
       traditionellen Tänzen, die in der georgischen Kultur tief verankert sind.
       Einer der berühmtesten georgischen Tänze Kintouri stammt von [5][den
       Kinto].
       
       So wurden im alten Georgien Außenseiter:innen genannt, die als
       Händler:innen und Straßenkünstler:innen durch das Land zogen. Unter
       ihnen soll es üblich gewesen sein, homosexuelle Beziehungen zu führen. Es
       gibt sogar Berichte über Crossdressing.
       
       ## Ältere Tradition
       
       In überlieferten Liedern der Kinto heißt es: „Wofür ist mein süßer Arsch
       da, wenn nicht für meinen Bruder?“ oder „Und meine Frau, Annette, ist eine
       Frau bei Nacht – aber früh morgens dann nicht mehr.“
       
       Für Bekaia und die Dragszene sind diese queeren Figuren in der georgischen
       Geschichte unglaublich wichtig: „Für uns ist das etwas ganz Neues,
       Authentizität durch die eigene Kultur zu finden. Wir sind nicht vom Mars
       gekommen, queeres Leben gab es immer schon in Georgien.“ Dieses Leben will
       man verteidigen.
       
       Die Clubs und Bars von Tbilisi waren immer die [6][Safe Spaces], die die
       queere Community brauchte, um sich in Georgien sicher zu fühlen. „Im Moment
       sind die Clubs wie eine Festung“, sagt Bekaia, „Die Georgier:innen
       lieben Techno. Viele, viele Leute sind mit viel Passion dabei. Deshalb sind
       wir da sehr sicher, da traut sich die Regierung noch nicht dran.“
       
       Aber es ändert sich etwas. Bei den Einlasskontrollen nutzen die Clubs sogar
       Gesichtserkennungssoftware. Dass sich etwas ändert, merkt auch die
       Dragcommunity. Laut Bekaia sah es eine Zeitlang so aus, als ob Drag
       Mainstream werden könnte in Georgien. 2023 war Drag sogar Teil der großen
       Tbilisi Fashion Week.
       
       „Heute müssen die Veranstalter:innen der Shows wieder aufpassen, wo
       sie Werbung machen und wie sichtbar sie noch auftreten können. Die
       Dragshows sind sicher, solange sie Underground sind, wenn sie in die
       Öffentlichkeit gehen, dann wird es unsicher“, sagt Bekaia.
       
       Der wichtigste Ort in Tbilisi für die Dragcommunity ist die Success Bar.
       Besitzerin ist Nia. Es ist die älteste LGBTQ*-Bar Georgiens. Hier fand 2016
       auch die erste öffentliche Dragshow überhaupt in Georgien statt. Damals gab
       es vielleicht eine Handvoll Dragqueens, viele performten vorher nur in
       Garagen oder auf Privatpartys. Heute sind es etwa einhundert
       Dragkünstler:innen.
       
       Von außen sieht die Bar unscheinbar und wenig einladend aus. Der Innenraum
       der Success Bar wird von einer dicken eisernen und vergitterten Tür
       gesichert. Wer rein will, muss sich erst durch einen aufschiebbaren
       Sichtschlitz begutachten lassen. Innen soll es dann bald eine ganz andere
       Welt werden.
       
       ## Einigermaßen sicher in Tbilisi
       
       Nia baut die Bar gerade um. Sie braucht mehr Platz für die Dragshows, die
       immer beliebter werden. Noch ist überall Staub – auf dem Boden, den
       Spiegeln. „Viele dachten, dass ich nicht wieder aufmachen würde, wegen dem
       Gesetz“, sagt Nia, „Alle queeren Events und Locations haben sich gefragt,
       ob man weitermachen kann.“
       
       Neben Bar, Bühne und Darkroom gibt es auch einen Notausgang, „falls die
       Homophoben uns attackieren“. Völlig ausgeschlossen ist das nicht. In der
       Vergangenheit kam es vereinzelt zu queerfeindlichen Angriffen. 2021 wollte
       man in Tbilisi eine Pride veranstalten. Es kam zu Ausschreitungen, bei
       denen ein Journalist tödlich verletzt wurde. Hinter den Attacken stecken
       oft ultrakonservative, christliche und vor allem prorussische Gruppen.
       
       Georgien hatte seit dem Zerfall der Sowjetunion und seiner Unabhängigkeit
       1991 viele Fortschritte im Bereich von LGBTQ*-Rechten gemacht.
       Homosexualität wurde entkriminalisiert, Geschlechtsangleichende Operationen
       legalisiert und sogar Diskriminierung aufgrund der Sexualität verboten. Mit
       der erneuten Annäherung an Russland ändert sich das wieder.
       
       Niko lebt erst seit zwei Jahren in Tbilisi. Er ist zwanzig Jahre alt und
       die Success Bar ist sein Lieblingsort. Er gehört zu der Generation von
       Dragkünstler:innen, die ein Tbilisi ohne Drag gar nicht kennen. Als
       Aphrodite hatte er hier sein Debüt. „Ich habe mein altes Ich sterben
       lassen“ zum Song DEATH von Melanie Martinez, erklärt er, „ich trug ein
       Cape, auf dem Homophobia stand, das ich dann abgerissen habe.“
       
       Niko wuchs in Kutaissi auf, einer sehr konservativen Stadt im Nordwesten
       des Landes. „Ich musste sehr viel Scheiße erleben, weil ich aussehe und
       spreche, wie ich eben bin.“ Niko lacht sehr viel und gibt dabei eine
       Zahnlücke preis – ein Andenken eines Polizisten von einer der vielen Demos
       der letzten Jahre.
       
       Als Niko neu in der Szene war, empfand er vieles als oberflächlich und
       sogar toxisch. Doch das hat sich verändert. „Seit dem Gesetz ist etwas
       passiert. Wir denken nicht mehr darüber nach, wer schöner oder besser ist.
       Wir denken darüber nach, wie lange wir das hier noch haben.“ Die Repression
       hat die Community enger zusammengeschweißt.
       
       „Als dieses Gesetz verabschiedet wurde, dachte ich nur: Fuck, jetzt ist
       alles vorbei! Ich habe mich schon in Handschellen gesehen, wie sie mich in
       Heels und komplett in Drag auf die Straße zerren.“ Trotz allem fühlt er
       sich heute sicher in Tbilisi. Er weiß, wie viel Energie die Club- und
       Barbesitzer:innen in seine und die Sicherheit der ganzen Community
       stecken. Die Menschen um ihn herum würden alles für ihn riskieren. Drag hat
       ihm schon so oft das Leben gerettet. Die Success Bar, die Clubs, die ganze
       Szene – alles ist Widerstand.
       
       „Es geht nicht nur um Spaß. Es geht darum, den ganzen Scheiß, den wir
       erleben, auf schöne Weise auszudrücken.“ Wie es weitergeht? Niko weiß es
       nicht. Für den Moment will er einfach nur weiter Drag machen.
       
       28 Jun 2025
       
       ## LINKS
       
   DIR [1] /Proteste-in-Georgien/!6050307
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   DIR [3] /Publizist-Lasha-Bakradze-ueber-Georgien/!6081870
   DIR [4] /Anti-LGBT-Gesetz-in-Georgien/!6015393
   DIR [5] http://universityoftheunderground.org/kintos-comeback/
   DIR [6] https://chaikhana.media/en/stories/1360/safe-space-a-rise-of-drag-ball-culture-in-tbilisi
       
       ## AUTOREN
       
   DIR Henrik Schütz
       
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       Schiffers, über die Auswirkungen des „Agenten-Gesetzes“ und
       Herausforderungen in der Region.
       
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       Francisco wird dagegen D'Arcy Drollinger mit einem Stipendium queere Events
       organisieren.