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       # taz.de -- Vergewaltigungsprozess in Frankreich: Er könnte wieder freikommen
       
       > In Frankreich verhängt ein Gericht 20 Jahre Haft im Fall Le Scouarnec
       > wegen sexueller Gewalt gegen Kinder in 299 Fällen. Viele Opfer sind
       > enttäuscht.
       
   IMG Bild: Die Urteilsverkündung im Falle Le Scouarnec wird von Demos begleitet, mit Bannern wie diesem am 28. Mai in Vannes
       
       Paris taz | Der frühere Chirurg Joël Le Scouarnec ist am Mittwoch vom
       Gericht in Vannes (Bretagne) wegen Vergewaltigungen und sexueller Gewalt
       gegen Kinder in 299 Fällen schuldig erklärt und zu 20 Jahren Haft
       verurteilt worden. [1][Der Prozess hatte wegen der Person des Täters und
       der erschreckenden Zahl seiner minderjährigen Opfer Frankreich aufgewühlt]
       und über Frankeich hinaus Beachtung gefunden.
       
       Das Gericht hat als Zusatzstrafe angeordnet, dass der Verurteilte während
       zwei Dritteln dieser Zeit zum Schutz der Gesellschaft inhaftiert bleiben
       muss und somit nicht vorher (also theoretisch nach rund 13 Jahren
       Haftverbüßung) auf freien Fuß kommen kann.
       
       Dass nicht eine längere Sicherheitsmaßnahme angeordnet wurde, hat einige
       Opfer des vor Gericht geständigen Straftäters schockiert. Sehr enttäuscht
       von der Urteilsverkündung hat Amélie Lévêque reagiert, sie war im Alter von
       9 Jahren von Le Scouarnec sexuell missbraucht worden. Sie hatte neben der
       im Strafgesetz als Höchststrafe möglichen Gefängnisstrafe von 20 Jahren
       auch eine ebensolange Sicherheitsverwahrung erwartet.
       
       „Ich habe das Gefühl, dass ich während sechs Jahren für nichts gekämpft
       habe“, erklärte Lévêque den sehr zahlreich anwesenden Medien. Denn es
       erschrecke und empöre sie zu wissen, dass der heute 74-jährige Le Scouarnec
       eventuell nach diesem Urteil eines Tages nach einer Haftentlassung auf der
       Straße spazieren gehen und womöglich ehemaligen Opfern begegnen könnte. Im
       selben Sinne hat sich die Vorsitzende des Vereins Face à l’inceste, Solène
       Podevin Favre, geäußert. Im Gerichtssaal hatten die Zivilkläger auf die
       Urteilsverkündung mit betroffenem Schweigen, Tränen und einigen Rufen
       „Honte à la justice!“ („Die Justiz muss sich schämen!“) reagiert.
       
       ## Über die Taten Notizbücher angelegt
       
       Francesca Satta, die Anwältin eines Teils der zivilen
       Nebenkläger*innen fordert gestützt auf den Fall Le Scouarnec und die
       enorme Zahl seiner Untaten, dass das mögliche Strafmaß nach oben korrigiert
       werden müsse. Sie erklärte zudem, dass sie keineswegs überzeugt davon sei,
       dass Le Scouarnec „von seinen pädophilen Problematik geheilt“ und heute so
       einsichtig sei, wie er dies zuletzt aufgrund der dem Gericht vorliegenden
       Beweise und Aussagen sagte.
       
       Er hatte selber in Notizbüchern mit Daten und Namen seiner Opfer
       aufgeschrieben, was er im Verlauf seiner Tätigkeit als Chirurg in der
       Pädiatrie in verschiedenen Krankenhäusern getan hat.
       
       Der Verurteilte war beim Prozess geständig. Er hatte am Ende der
       Verhandlungen einige Worte der Reue gefunden. Er hat bereits gesagt, dass
       er keine Berufung einlegen wolle, damit die für seine heute erwachsenen
       Opfer traumatisierenden Anhörungen vor Gericht nicht wiederholt werden
       müssten.
       
       Für viele von ihnen war der Prozess effektiv eine schmerzliche Prüfung, und
       es war kein Trost zu wissen, dass so viele andere ebenfalls von diesem Arzt
       missbraucht worden waren. Der Prozess Le Scouarnec ging allein schon wegen
       der Zahl der Opfer des pädophilen Verbrechers in die Kriminalgeschichte
       ein.
       
       ## Es fehlt eine „nationale Politik der Prävention“
       
       Welche Lehren kann die französische Gesellschaft aus diesem Prozess ziehen,
       und insbesondere das Gesundheitswesen, unter dessen Schutzmantel sich Le
       Scouarnec von 1989 bis 2014 an fast 300 Kindern vergriffen hat, von denen
       einige nach einem chirurgischen Eingriff noch betäubt waren?
       
       Céline Mahuteau war 1991 im Alter von 7 Jahren von Le Scouarnec in einer
       Klinik vergewaltigt worden. Nach diesem Prozess kann sie es nicht
       verstehen, dass die Staatsführung, „die Politik“, einfach schweige. Laut
       der Regionalzeitung La Nouvelle République hat sie dem Staatspräsidenten,
       Emmanuel Macron, einen offenen Brief geschickt, in dem sie ihn daran
       erinnert, dass „alle Kinder des Landes in legitimer Weise erwarten dürften,
       dass der Präsident das Übel an der Wurzel packt“.
       
       Zu diesem Zweck müsse eine „nationale Politik der Prävention“ entwickelt
       werden, außerdem müssten die Berufstätigen im Pflegebereich speziell für
       den Kontakt mit pädophilen Sexualtätern ausgebildet werden. Beim Prozess
       ist bekannt geworden, dass schon relativ früh ein Verdacht gegen Le
       Scouarnec wegen seiner perversen Neigungen aufkam, was ihn aber nicht daran
       hinderte, dank der Protektion gewisser Vorgesetzter seine Karriere als
       geachteter Chirurg fortzusetzen und dabei unzählige weitere Kinder sexuell
       zu missbrauchen.
       
       29 May 2025
       
       ## LINKS
       
   DIR [1] /Prozesse-gegen-Sexualstraftaeter/!6070427
       
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