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       # taz.de -- Bauernaufstände in Oberschwaben: Eine Geschichte der Sieger
       
       > Das katholische Oberschwaben war vor 500 Jahren ein Zentrum der
       > Bauernaufstände. Eine Reise ins prachtvolle Herz der Finsternis.
       
   IMG Bild: Bewaffnete Bauern ziehen in den Kampf: Holzschnitt aus der Zeit des Bauernkriegs 1524/1525
       
       Oberschwaben taz | Oben auf dem Turm der Waldburg wird der Besucher nach
       engem Aufstieg über steile Treppen mit einem weiten Rundblick belohnt: im
       Hintergrund die Bergkette der Alpen, der Bodensee und davor die Hügel der
       nacheiszeitlichen Endmoränenlandschaft. Der Ort Waldburg mit seinen circa
       3.000 Einwohnern liegt im schönen Oberschwaben und hat ein Hotelrestaurant,
       die „Krone“, eine gut besuchte Metzgerei und vom Zahnarzt bis zur
       Physiotherapiepraxis eigentlich auch sonst alles für den täglichen Bedarf.
       
       Im Speisesaal der Krone über der rustikalen Eckbank, gleich neben dem
       weißen Kachelofen, erzählt ein Wandbild vom Aushandeln des Weingartner
       Vertrags im April 1525 zwischen den aufständischen Bauern und dem Truchsess
       von Waldburg, der dazu diente, die Bauern hinzuhalten.
       
       Die Burg derer von Waldburg-Wolfegg – schon von Weitem sichtbar – ist eine
       Bilderbuchburg, gut erhalten und voller Geschichten von Kaisern, Fürsten
       und Rittern. Sie ist ein beliebtes Ausflugsziel mit Restaurant und
       mittelalterlichen Events, wo Ritter und Burgfräulein in voller Ausrüstung
       Party feiern.
       
       Dieses Jahr gibt es ein besonderes Event auf der Burg: 500 Jahre
       Bauernkrieg und die Rolle des Truchsessen Georg von Waldburg in diesem
       Krieg. Bekannt wurde er unter dem Namen „Bauernjörg“, er war wegen seines
       grausamen und erbarmungslosen Durchgreifens gegen die aufständischen Bauern
       gefürchtet.
       
       ## Ausgebeutet durch Adel und Klerus
       
       Im Jahr 1525 zogen in Oberschwaben Bauernhaufen durch das Land, schwach
       organisierte militärische Truppen, die nicht nur aus Bauern, sondern auch
       aus Handwerkern bestanden. Etwa 95 Prozent der Bevölkerung gehörten zu
       diesem Stand. Ausgebeutet von Klerus und Adel forderten sie Gerechtigkeit
       und rächten sich zum Teil auf brutale Weise an ihren Gutsherren, plünderten
       Klöster, Schlösser und Kirchen.
       
       Vor allem in Süddeutschland lebte ein Großteil der Bauern am
       Existenzminimum, die Hälfte von ihnen in Leibeigenschaft. Und die
       katholische Kirche rechtfertigte das System und verdiente mit: Sie
       bereicherte sich über die Abgaben der Leibeigenen hinaus noch mittels des
       Ablasshandels, mit dem sie unter anderem prächtige Kirchen finanzierte.
       
       Christoph Wegele ist der Verwalter auf der Waldburg und führt durch deren
       gut erhaltene Räume. In seiner mittelalterlichen Tracht und der
       offensichtlichen Begeisterung für sein Thema „derer von Waldburg und der
       Bauernkrieg“ wirkt er wie ein letzter Gefolgsmann des Bauernjörg. Er hat
       auch einen Roman dazu verfasst: „Die Rache des Henkers. Ein Tagebuch aus
       dem Bauernkrieg.“
       
       Vor dem Porträt des Bauernjörg, ein Bild aus der Familienchronik, die Georg
       von Waldburg selbst in Auftrag gab, betont Wegele: „Sein oberstes Ziel war
       die Ehre seiner Familie zu mehren.“ Es scheint gelungen: Bis heute besitzen
       die von Waldburg-Wolfegg viel Wald und Immobilien. Wegele beschreibt den
       Truchsess „als mutigen, klugen Strategen“, der mit dem Vertrag von
       Weingarten ein Blutbad verhindert habe. Beide Heere standen sich an Ostern
       1525 gegenüber, wobei das Heer der Fürsten, der Schwäbische Bund, in
       ungünstiger Stellung lag und zu diesem Zeitpunkt den Bauern noch an
       Truppenstärke deutlich unterlegen war. Das erkannte der Bauernjörg,
       Heerführer des Schwäbischen Bundes, und versuchte eine Eskalation zu
       vermeiden.
       
       Die Stadt Weingarten liegt 10 Kilometer von der Waldburg entfernt. Sie hat
       die größte Barockbasilika Deutschlands, ein Highlight der oberschwäbischen
       Barockstraße, und ein ehemaliges Kloster, in dem die Pädagogische
       Hochschule untergebracht ist. Bekannt ist Weingarten für den alljährlichen
       Blutritt, eine große religiöse Reiterprozession. Der Vertrag von Weingarten
       wurde am 17. April 1525 geschlossen. Vertragspartner waren Georg Truchsess
       von Waldburg-Zeil und die Hauptleute des Seehaufens, der aufständischen
       Bauern vom nördlichen Bodenseeufer.
       
       In einem fünf Meter großen Mosaikkreis im Pflaster auf dem Münsterplatz
       unterhalb der Basilika hat die Stadt zur Erinnerung an den Weingartner
       Vertrag vor 500 Jahren folgende Worte aus dem Vertrag einmeißeln lassen:
       „Damit Frieden und Ruhe dauerhaft bewahrt werden, sollen wir …“ In dem
       Mosaikkreis versammeln sich je nach Jahreszeit auch die anderen festlichen
       Symbole der Stadt: hier steht zur Faschingszeit der Narrenbaum, an
       Weihnachten der Lichterbaum.
       
       Martin Oswald, Kunstprofessor an der Pädagogischen Hochschule von
       Weingarten und Mitglied der Denkmaljury, kritisiert wie viele andere, etwa
       der Historiker Elmar Kuhn, diese Form des Erinnerns: „Der Weingartner
       Vertrag ist eigentlich nicht denkmalwürdig, da die Bauern davon nichts
       hatten. Die alten Machtverhältnisse blieben erhalten und wurden besiegelt.“
       Der Schriftzug nehme die Perspektive der Herrschenden und Sieger ein.
       
       Die dramatischen Folgen des Bauernkriegs aus Sicht der bäuerlichen
       Bevölkerung erzählt das Bauernhaus-Museum im ländlichen Wolfegg, wieder 20
       Kilometer entfernt. Schmale, kurvenreiche Straßen führen durch hügelige
       Landschaft dorthin. Auf saftigen Wiesen weiden braune Kühe. Allgäuidylle
       pur.
       
       Auf einem Areal von 10 Hektar zeigt das Museum in zahlreichen,
       originalgetreu eingerichteten historischen Bauernhäusern die ländliche
       Kulturgeschichte des Allgäus. Bis zum 11. November 2026 wird dort auch die
       Sonderausstellung „500 Jahren Bauernkrieg in Oberschwaben“ gezeigt. Auf
       Stelltafeln und anhand ausgewählter Exponate aus dieser Zeit werden die
       Hintergründe und Ereignisse erläutert, Fragen werden beantwortet. Welche
       Rolle etwa spielte die Reformation und das nahe Vorbild der Schweiz?
       
       ## Klima theologischer Erneuerung
       
       Denn die Bauernaufstände finden in einem Klima theologischer Erneuerung
       statt, alte Gewissheiten kommen ins Wanken. Die Theologen Martin Luther
       (der sich auf die Seite der Fürsten gegen die Bauern stellte), Thomas
       Müntzer (der sich in Thüringen an die Spitze des Aufstands setzte) und der
       Schweizer Ulrich Zwingli (der den Forderungen der Bauern Sympathie
       entgegenbrachte) hinterfragen die Auslegung des Wortes Gottes, sie
       kritisieren Kirche und Klerus.
       
       Auch in der benachbarten Schweiz fordern aufständische Bauern in den
       Kantonen Zürich, Bern, Basel, Solothurn, Schaffhausen, St. Gallen und
       Thurgau zwischen 1523 und 1526 die Aufhebung der Leibeigenschaft, die
       Minderung von Abgaben und politische Mitbestimmung. Zwinglis Lehren wollen
       nicht nur die Reformation der Kirche. Sie verfügen auch über
       gesellschaftspolitischen Sprengsatz: Er erhebt das Wort gegen die
       zunehmende Belastung der Bauern durch Zins und Zehnt und verlangt die
       Abschaffung der Leibeigenschaft.
       
       Eine Stelltafel im Bauernmuseum zeigt die Zwölf Artikel, welche die
       süddeutschen Bauern [1][1525 in Memmingen] gegenüber den Fürstentümern des
       Schwäbischen Bunds erhoben. Sie sind das politische Manifest der
       Bauernaufstände. Sie sind auch eine der ersten schriftlichen Forderungen
       nach Menschen- und Freiheitsrechten in Europa. Die Bauern verlangten darin
       die Aufhebung der Leibeigenschaft, die Abschaffung von Frondiensten und
       Abgaben, die Rückkehr zu alten Freiheiten und Rechten (Jagd, Fischfang und
       Holzschlag) sowie die freie Wahl des Pfarrers.
       
       Die damaligen Forderungen seien nicht weniger als erste Schritte hin zu
       einer freien Gesellschaft gewesen – „zu unserem modernen Verständnis von
       Menschenrechten, Demokratie und Wohlstand“, sagte Ministerpäsident Winfried
       Kretschmann (Grüne) im April bei der Eröffnung der Landesausstellung
       „[2][Uffrur! Utopie und Widerstand im Bauernkrieg 1524/25]“ im Kloster Bad
       Schussenried.
       
       Dass man die zentrale Landesausstellung zum 500-jährigen Jubiläum der
       Bauernkriege im Südwesten ins abgelegene Bäderstädtchen zwischen Ulm und
       Ravensburg, knapp 30 Kilometer nördlich von Weingarten, gelegt hat, hat
       auch historische Gründe. Es ist die Gegend, in der sich viele mit den
       Ereignissen von damals identifizieren. Der Ministerpräsident kommt aus der
       Region und hatte sich eine Ausstellung zum Jubiläum gewünscht. Und die
       Geschichte der Bauernkriege wurde eben nicht in den Machtzentren, sondern
       in Orten wie Bad Schussenried, Baltringen oder Weingarten geschrieben.
       Bauernhaufen hatten auch das Kloster in Schussenried, in dem jetzt die
       Landesausstellung zu sehen ist, geplündert.
       
       Bei der Landesausstellung lassen sich bis 5. Oktober 2025 [3][einige
       Protagonisten der Bauernkriege treffen]: Mit Künstlicher Intelligenz
       animierte historische Figuren, die als Avatare immer wieder in den
       Ausstellungsräumen auftauchen und ihre Version der Geschichte erzählen. Der
       Bauernjörg, Götz von Berlichingen, die Bäuerin Margarete Renner oder der
       Kürschnergeselle Sebastian Lotzer. Der war Schreiber des Baltringer Haufens
       und soll maßgeblich für die Zwölf Artikel der Bauern verantwortlich sein.
       
       Die Direktorin des Landesmuseums Württemberg, Christina Haak, führt mit
       durch die Ausstellung. „Es scheint mir wichtig, dass die Ausstellung
       verdeutlicht, dass es kein ungebildeter Haufen war, der sich wehrte,
       sondern die Bauern haben sich Rechtsgelehrte geholt. Geschichte ist
       vielschichtig und spannend“, sagt Haak. Erstaunt ist sie über den
       Widerhall, den die Ausstellung in der Region hat. „Wir hatten überhaupt
       kein Problem, Leute zum Mitmachen zu finden. Es gibt hier ein kulturelles
       Bewusstsein über die Bauernkriege.“ Wahrscheinlich hat das historische
       Ereignis, das so blutig endete, Spuren in der kollektiven Psyche
       hinterlassen.
       
       In Baltringen, gleich in der Nähe von Schussenried, gibt es schon seit 1997
       den Verein „Baltringer Haufen – Freunde der Heimatgeschichte“. Im
       Untergeschoss des Baltringer Rathauses sind seit 1984 zwei Räume der
       „Erinnerungsstätte Baltringer Haufen – Bauernkrieg in Oberschwaben“
       gewidmet. Dort betont man die Bedeutung der Bauernkriege als Vorreiter
       eines republikanischen Staates. Seit diesem März steht im Zentrum
       Baltringens eine vier Meter hohe Statue, auf der zahlreiche Figuren aus den
       Aufständen abgebildet sind. Der Titel: „Oberschwaben erhebt sich –
       Erinnerung an das Streben nach Freiheit, Gleichheit und Gerechtigkeit
       1525.“
       
       Der Aufstand der Bauern – nicht nur in Oberschwaben – wurde vernichtend
       geschlagen. Sie waren am Ende militärisch unterlegen. Das Beistandsbündnis
       des Baltringer-, Allgäuer- und Bodenseehaufens hatte im Moment des
       Erscheinens der Truppen des Schwäbischen Bundes nicht funktioniert.
       Besonders hart wurden die Baltringer Bauern bestraft. Zwar wurde das Dorf
       nicht, wie befohlen, niedergebrannt, doch mussten sie das Doppelte an
       Strafgeld zahlen. Sebastian Lotzer, ihr Schreiber, konnte sich durch die
       Flucht in die Schweiz retten.
       
       Am 12. Mai 1525 wurden die aufständischen Bauern auch bei Böblingen nahe
       Stuttgart innerhalb weniger Stunden geschlagen, am 15. Mai folgte die
       Niederlage im thüringischen Frankenhausen, bei der der Prediger und
       Anführer Thomas Müntzer gefangengenommen wurde. Die fränkischen Bauern, die
       sich zum Hellen Lichten Haufen vereinigt hatten, wurden am 4. Juni bei
       Würzburg niedergemetzelt.
       
       Die Bilanz des Krieges war schrecklich: 75.000 bis 100.000 Menschen starben
       auf Seiten der Bauern für die Idee von Gerechtigkeit.
       
       Ortswechsel. Steinhausen ist ein Ortsteil von Bad Schussenried. Seine
       Dorfkirche ist ein Meisterwerk barocker Baukunst. Das Barock war
       Inszenierung, Täuschung, Illusion. Alle Wände, aber vor allem die
       Kirchendecke sind mit Heiligen, Engeln, Kirchenfürsten und Märtyrern
       bevölkert. Überbordend, überladen, himmelblau, rosarot bunt, dem Himmel
       ganz nah.
       
       Das Barock war die Zeit der Gegenreformation, einer Bewegung in der
       katholischen Kirche, die vor allem vom Jesuitenorden getragen wurde. Mit
       allen Mitteln versuchte die Kirche damals, sich neu aufzustellen und die
       durch die Reformation verloren gegangenen Gebiete und Städte
       zurückzuerobern. So gut wie alles war auf das Jenseits ausgerichtet, um die
       Kämpfe im Diesseits gar nicht erst zu entfachen.
       
       Nach der Niederschlagung der Bauernaufstände konnte die katholische Kirche
       auch in Oberschwaben ihre Herrschaft konsolidieren und die Ausbeutung der
       Bauern fortsetzen. Von der dadurch möglichen Prachtentfaltung zeugt die
       Oberschwäbische Barockstraße, zu der neben der Dorfkirche in Steinhausen
       zahlreiche weitere Kirchen und Klöster gehören. Auch einige Schlösser sind
       darunter – erbaut von den Nachfahren jener Adeligen, die Bauernaufstände
       niedergeschlagen haben.
       
       Zu sehen ist am Ende immer nur die Geschichte der Sieger.
       
       2 Jul 2025
       
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