# taz.de -- Ausbeuten … find’ich gut!
> Von der Quelle bis zu Temu: Die Ausstellung „Dein Paket ist da“ im
> Hamburger Museum der Arbeit beleuchtet die Geschichte des Versandhandels.
> Und der Knochenjobs, die ihn ermöglichen
IMG Bild: Schon in den 1970ern hieß es oft: Erst mal sehen, was Quelle hat, dann die Bestellung ins spinatgrüne Telefon eingeben
Von Falk Schreiber
Um in den dritten Stock des Hamburger Museums der Arbeit zu gelangen,
erklimmt man 70 Stufen – im Anschluss ist man leicht aus der Puste. Der
durchschnittliche Paketzusteller – es sind tatsächlich mehrheitlich Männer
– steigt täglich 1.200 Stufen, verrät die Ausstellung „Dein Paket ist da“,
die die gesamte dritte Museumsetage einnimmt. Außerdem geht er noch bis zu
20.000 Schritte pro Tag. Und er schleppt Pakete, die bis zu 31,5 Kilogramm
wiegen. Wer will, darf ein entsprechendes Gewicht hochheben: Holla! „Pakete
sind natürlich nicht immer so handlich“, wirft Ausstellungskuratorin Sandra
Schürmann ein, „und sie haben auch nicht immer Griffe an den Seiten.“ Ein
Knochenjob.
Die Ausstellung legt einen Fokus auf solche Knochenjob-Verhältnisse. Dass
die Geschichte der Lieferdienste auch eine Geschichte der Ausbeutung (und
nicht zuletzt des gewerkschaftlichen Versagens angesichts undurchschaubarer
Subunternehmer-Strukturen) ist, thematisiert „Dein Paket ist da“ immer
wieder: Es gibt einen Überblick über den Wandel der Paketzusteller-Outfits,
von Uniformen, die früher an Respektspersonen denken ließen, bis zum heute
getragenen Sportiven, das angesichts der schweren Arbeit vor allem
praktisch ist.
Allzu praktisch soll die Bekleidung allerdings auch nicht sein: Ein
Exoskelett könnte helfen, schwere Gewichte zu tragen, meint Kurator Florian
Schütz, eingesetzt werde es allerdings kaum. Was angesichts des hohen
Preises nicht verwundert – der Versicherungswert eines einzigen Exemplars
liege bei 35.000 Euro. Das ist wirtschaftlich kaum zu stemmen.
Lieferdienst, das ist in erster Linie Billigarbeit.
Anlass für „Dein Paket ist da“ ist das 75. Jubiläum des Hamburger
Otto-Versands. Einst Platzhirsch unter den Versandhäusern ist das Hamburger
Unternehmen heute eines unter vielen – und längst nicht das erste, wenn man
an Paketversand denkt. Eine reine Gefälligkeitsschau ist die Ausstellung
dabei nicht geworden, auch wenn Otto ungefähr 20 Prozent des Etats
übernommen hat: Die Schattenseiten des Gewerbes werden deutlich
angesprochen.
Wenn auch für manche Besucher*innen nicht deutlich genug: „Uns wurde
mehrfach vorgeworfen, dass wir Lieferdienste nicht nur negativ sehen“,
meint Kuratorin Schürmann. Tatsächlich ist ihre Perspektive neben der
arbeitspraktischen auch eine kulturgeschichtliche: Was bedeutet
Versandhandel eigentlich für unser Zusammenleben? Wie verändert sich der
gesellschaftliche Austausch, der übers Einkaufen abläuft?
Versandhandel, das hat auch etwas mit Empowerment zu tun. Schürmann
beschreibt, wie schwer es lange Zeit für Anhänger*innen von Subkulturen
war, außerhalb der Metropolen an entsprechende Insignien zu kommen. Punks,
Goths und Clubgänger*innen konnten sich nur über Katalogbestellungen
mit Tonträgern und Mode ausstaffieren (und was für ästhetische Stilblüten
diese Katalogkultur mit sich brachte, das erfährt man beim genüsslichen
Stöbern in den verschlissenen Druckerzeugnissen).
Ein weiteres Beispiel sind Produkte, deren Kauf einem peinlich ist – etwa
Sextoys. Wobei die Ausstellung nicht verschweigt, dass die gewünschte
Anonymität beim Versandhandel ein Trugschluss ist: Zwar sieht der Verkäufer
nicht, was man einkauft, dafür besitzt der Händler im Anschluss die volle
Lieferadresse.
Was Schürmann und Schütz bei diesem vielperspektivischen Zugriff hilft: die
Präsentation. Die ist nämlich nicht traditionell chronologisch, sondern
nimmt die Akteur*innen des Versandhandels in den Blick, die
Konsument*innen, die Paketboten, die Logistik, schließlich die Unternehmen.
Das ermöglicht der Ausstellung, einerseits das wirtschaftliche Genie von
Unternehmen wie Otto, der Pioniere Mey & Endlich (ab 1887) und globaler
Konzerne wie Amazon zu würdigen, andererseits die Nöte der
Arbeiter*innen im Blick zu behalten und schließlich auch die Motivation
der Kund*innen zu berücksichtigen.
Das ist klug konzipiert, vernachlässigt allerdings einen wichtigen Aspekt:
den sinnlichen Genuss, der mit dem Konsum einhergeht. Im Grunde ist die
Ausstellung eine Abfolge von Kapiteln, die mal immersiv erfahrbar, mal
drastisch, mal humorvoll und mal statistisch nüchtern bestimmte
Themenfelder behandeln. Doch auf einer emotionalen Ebene wird man selten
gepackt.
Immerhin, zum Einstieg gibt es den künstlerischen Zugriff „All Now, All
Free!“ von Michael Heindl: ein Kunstwerk, das ausschließlich mit
geliefertem Material hergestellt wurde. Selbst die Kamera, mit der Heindl
seine Kunstproduktion filmte, kam per Lieferdienst. Wobei der Künstler von
seinem Rückgaberecht Gebrauch machte und die Objekte allesamt wieder
zurückschickte. Übrig bleibt eine Pappkartonskulptur. Die ist so schön, so
lustig, so berührend, man spürt plötzlich, dass in der grenzenlosen Abfolge
des Bestellens, Unboxings und Retournierens ein Reiz steckt, der sich mit
dem Zahlenwerk von Handelsbilanzen und Arbeitszeitmodellen kaum erfassen
lässt. 1.200 Stufen, 20.000 Schritte.
26 May 2025
## AUTOREN
DIR Falk Schreiber
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