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       # taz.de -- Krieg in der Ukraine: Wie Russland Jugendliche für den Terror gewinnt
       
       > Über Telegram werden ukrainische Jugendliche rekrutiert, um
       > Terroranschläge zu verüben. Für die jungen Täter geht der Auftrag oftmals
       > tödlich aus.
       
   IMG Bild: Nicht immer ist klar, wer ein Selbstmordattentat verübt hat, wie etwa in Kyjiw im Sommer 2023
       
       Luzk taz | Die westukrainische Stadt Iwano-Frankiwsk liegt weit entfernt
       von der Front, doch eine Explosion im Frühjahr zeigt, wie weit der Einfluss
       des russischen Aggressors reichen kann.
       
       Im obersten Stockwerk eines Hochhauses bricht nach einer Explosion Mitte
       März ein Feuer aus. Kurz darauf gehen zwei Jugendliche durch einen Torbogen
       in Richtung Bahnhof, es kommt erneut zu einer Explosion. Einer der beiden,
       17 Jahre alt, ist auf der Stelle tot. Sein 15-jähriger Kumpel verliert
       beide Beine.
       
       Auf dem Messengerdienst Telegram hätten Russen Personen, die Explosionen im
       Zentrum von Iwano-Frankiwsk organisieren würden, mehrere tausend Dollar
       versprochen. Die beiden Jugendlichen hätten dem Angebot geglaubt, den
       Sprengstoff nach Anweisungen aus sozialen Netzwerken hergestellt und ihn
       als Thermoskannen getarnt.
       
       Der russische Geheimdienst habe per Fernsteuerung die Bombe, die sich bei
       den Jugendlichen befand, als auch eine zweite, die die Jugendlichen in der
       Wohnung ließen, gezündet. In den Fall sollen auch zwei 15-jährige Mädchen
       verwickelt sein, die an der Vorbereitung des Terroranschlags beteiligt
       gewesen sein könnten.
       
       ## „Gekaufte Ukrainer“
       
       Wie die Ereignisse der vergangenen Monate zeigen, ist dieses Vorgehen
       mittlerweile gängige russische Praxis. Zunächst hatten Russen Ukrainer
       „gekauft“, um Autos anzuzünden. In den vergangenen sechs Monaten sind sie
       zu Terroranschlägen und der Liquidierung der Täter übergegangen.
       
       Immer öfter kommt es zu Explosionen, wenn sich Ukrainer Menschenmengen oder
       wichtigen Gebäuden nähern, zum Beispiel Büros von Rekrutierungszentren oder
       Strafverfolgungsbehörden. Im westukrainischen Ternopil wurde eine
       14-Jährige festgenommen, die ebenfalls von Russen für einen Anschlag
       angeworben worden war.
       
       Zuvor hatten sie das Smartphone des Mädchens gehackt und sie mit Fotos
       erpresst. Das Mädchen erklärte sich schließlich bereit, Sprengstoff
       herzustellen, den sie unter einem Auto in der Nähe eines
       Polizeiverwaltungsgebäudes platzierte. Die Russen hatten geplant, den
       Sprengstoff neben der Schülerin zu zünden.
       
       In Tschernihiw versuchten Russen, ein 15-jähriges Mädchen zu einem
       Selbstmordattentat zu überzeugen. Sie zwangen sie, Sprengstoff zur Polizei
       zu bringen. Die Schülerin entging dem Tod nur, weil die Spionageabwehr des
       ukrainischen Geheimdienstes (SBU) vorab von den Anschlagsplänen Kenntnis
       erhalten und die Bombe unschädlich gemacht hatte.
       
       ## Bürgermeister verspricht Präventionsarbeit
       
       Nicht nur Jugendliche, sondern auch Erwachsene lassen sich auf dubiose
       Vorschläge ein, die in Terroraktionen enden.
       
       Nach den Explosionen in Iwano-Frankiwsk versprachen der Bürgermeister der
       Stadt, Ruslan Martsinkiw, und die örtliche Polizei, „die Präventionsarbeit“
       unter den jungen Leuten zu verbessern und den Menschen noch einmal zu
       erklären, dass der Feind in der Nähe sei und sie wachsam sein müssten.
       „Egal wie schwierig es ist und wie wenig Zeit Sie auch haben, sprechen Sie
       mit Ihren Kindern“, sagt der Politikwissenschaftler Serhiy Shturkhetskyy
       aus Riwne.
       
       Er nennt drei Mythen, mit denen Russen ukrainische Jugendliche zu
       Terroranschlägen verleiteten: „Mir wird nichts passieren“, „Alles ist
       geheim, niemand wird mich finden“ und „Sie werden mich bezahlen, das Geld
       wird kommen.“
       
       Nach jeder Explosion werden die ukrainischen Geheimdienste nicht müde,
       diese Mythen zu widerlegen. Sie sagen, dass die Bewegungen des Geldes
       leicht zu verfolgen sei, aber meistens bezahlten die Russen die Täter von
       Terroranschlägen nicht. Stattdessen würden sie die Jugendlichen einfach
       töten, indem sie mit einem Anruf auf dem Mobiltelefon einen Sprengsatz aus
       der Ferne zündeten.
       
       ## Diskussion um Blockade von Telegram
       
       Die Zusammenarbeit mit dem Feind sei nicht nur ein Verbrechen, sondern
       berge auch die Gefahr, Opfer der eigenen Auftraggeber zu werden. Rekrutiert
       werden die Jugendlichen über soziale Netzwerke und Instant Messenger. Laut
       Jaroslaw Jurtschyschyn, Vorsitzender des Ausschusses für Meinungsfreiheit
       des ukrainischen Parlaments, machten die jüngsten Explosionen erneut die
       Notwendigkeit deutlich, Telegram in der Ukraine zu blockieren. Die
       Diskussion darüber dauere seit Beginn des Krieges an.
       
       Juri Juzitsch, Leiter bei der ukrainischen Pfadfinderorganisation „Plast“,
       weist auf ein globaleres Problem hin: In der Ukraine gebe es jetzt kaum
       Zeit, sich um Kinder zu kümmern.
       
       In Russland hingegen seien in den vergangenen zehn Jahren systematisch mehr
       als ein Dutzend nationale Jugendbewegungen mit einer jährlichen
       Finanzierung von Hunderten Millionen Dollar aufgebaut worden. Laut Juzitsch
       seien in der Ukraine mehr als 95 Prozent der Jugendlichen sich selbst
       überlassen. Dieses ideologische Vakuum lasse sich leicht durch Moskauer
       Narrative und Geld füllen. „Sie betrügen auf Tiktok, sie rekrutieren auf
       Telegram“, sagt Juzitsch.
       
       Ein sofortiges Verbot dieser beiden sozialen Netzwerke in der Ukraine könne
       die Rekrutierung allein nicht stoppen. Es müsse überdies darum gehen,
       ukrainische Heranwachsende für große Jugendnetzwerke zu gewinnen. Anders
       sei ihre Isolation nicht zu überwinden. „Im Krieg sei es schwierig, alles
       abzudecken“, sagt Juzitsch. „Wie wir jedoch sehen, ist Gleichgültigkeit
       gegenüber Kindern im wahrsten Sinne des Wortes tödlich.“
       
       Aus dem Russischen [1][Barbara Oertel]
       
       1 Jun 2025
       
       ## LINKS
       
   DIR [1] /Barbara-Oertel/!a1/
       
       ## AUTOREN
       
   DIR Juri Konkewitsch
       
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