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       # taz.de -- CDU und Linkspartei: Die Befreiung vom Hufeisen
       
       > Der Unvereinbarkeitsbeschluss der Union, nicht mit den Linken
       > zusammenarbeiten, wurde bislang blumig ausgelegt. Höchste Zeit, dass sich
       > CDU und CSU vom Hufeisen befreien.
       
   IMG Bild: Heidi Reichinnek (die Linke) gratuliert Friedrich Merz (CDU) zur Wahl zum Bundeskanzler, Berlin, 06.05.2025
       
       Der Beschluss ist eigentlich recht dürr. Im Protokoll des CDU-Parteitags
       von Anfang Dezember 2018 steht [1][im Kapitel „Sonstige Beschlüsse“]: „Die
       CDU Deutschlands lehnt Koalitionen und ähnliche Formen der Zusammenarbeit
       sowohl mit der Linkspartei als auch mit der Alternative für Deutschland
       ab.“
       
       Blumig dagegen war seither die Auslegung. Unter „ähnliche Formen der
       Zusammenarbeit“ fasst man bei der CDU vieles – nicht aber, gemeinsam mit
       der Linksfraktion eine Geschäftsordnung so zu ändern, dass die Wahl eines
       Bundeskanzlers im zweiten Wahlgang selbigen Tags noch möglich ist. So
       geschehen am 6. Mai, und es hat dann ja auch alles im Sinne der CDU und
       ihres Bundeskanzlers geklappt.
       
       Die Führungs-Linken, die das Votum ermöglichten, haben sich auf ihrem
       Parteitag in derselben Woche dagegen ganz schön Kritik anhören müssen, was
       ihnen denn einfalle, Friedrich Merz die Rampe so passgerecht hinzulegen,
       statt ihm wenigstens die Blamage eines zweiten Wahlgangs erst einige Tage
       später zu gönnen.
       
       Einen Mitte-Rutsch und die „Gefahr der Establishmentisierung“ [2][sah
       außerdem das Jacobin-Magazin]. Allerdings hatte auch die Linkspartei einen
       Zeitplan, den sie gern einhalten wollte: Schließlich ist so ein Parteitag
       teuer, und er hätte geschoben werden müssen, wenn der zweite Wahlgang just
       auf denselben Termin gefallen wäre.
       
       ## Ausschließen wäre blöd
       
       Möglicherweise aber haben sich die Linken mit der Geschäftsordnungs-Aktion
       wenigstens einen Anspruch darauf erstimmt, die Reform der Schuldenbremse
       mit vorzubereiten, die dieses Jahr ansteht. Zur Abstimmung darüber würden
       sie wegen der nötigen Zweidrittelmehrheit ohnehin gebraucht. Sie von
       Vorarbeiten auszuschließen, wäre schon deshalb blöd.
       
       Blöd war es aber [3][auch von mir, zu glauben], die CDU hätte mit der
       Kanzlerwahl ihr Linken-Ächtungs-Gebot von 2018 endlich abgeräumt. Zwar
       sagte der frisch ernannte Kanzleramtschef Thorsten Frei (CDU) am Tag nach
       der Merz-Wahl [4][im Deutschlandfunk]: „Wir werden uns mit der Frage
       auseinandersetzen müssen, wie wir in den aktuellen Mehrheitsverhältnissen
       im Bundestag damit umgehen werden“ – also, mit dem Kooperationsverbot.
       
       Doch dafür wurde er erheblich gerüffelt, und Merz schlug gleich darauf
       wieder auf das alte, längst schon scheppernde Trömmelchen. „Wenn Sie die
       Linke zur politischen Mitte zählen, nur weil sie einem
       Geschäftsordnungsantrag zustimmt, könnten Sie die AfD auch dazuzählen“,
       [5][sagte er im Zeit-Interview].
       
       Es sieht also aus, als bekäme die CDU frühestens auf ihrem nächsten
       Parteitag Gelegenheit, sich eines Besseren zu besinnen und sich das
       Hufeisen vom Hals zu laden. Ob der Schuldenbremsen-Umbau so lange warten
       kann?
       
       Nicht zuletzt harren in Karlsruhe ein paar pensionierungswillige
       VerfassungsrichterInnen der Ablösung. Sollen ihre NachfolgerInnen, wie
       eigentlich vorgesehen, vom Bundestag bestimmt werden, bräuchte es – genau:
       die Stimmen der Linksfraktion. Ein Richter mit CDU-Ticket wartet jetzt
       schon so lange, dass das Gericht beschlossen hat, sich selbst auf die Suche
       nach neuem Personal zu machen, [6][wie diese Woche bekannt wurde].
       
       Möglicherweise stimuliert das die ideologischen Umrüstungen bei der CDU ein
       wenig. Denn zwar braucht sie Gegner rechts wie links, um die Mitte allein
       für sich selbst zu reklamieren. Doch endet der symbolpolitische Spaß meist,
       wenn es um Personalfragen geht. Denn mangels eigener Inhalte und Ideen ist
       das ja der Endzweck aller Unions-Politik: Hauptsache, die eigenen Leute
       sind am Ruder.
       
       Das Verrückteste an der Sache ist, dass genau dies ihrer Wählerschaft noch
       immer gereicht hat.
       
       23 May 2025
       
       ## LINKS
       
   DIR [1] https://www.frauenunion.de/sites/www.frauenunion.de/files/beschluesse/sonstige_beschluesse_final.pdf
   DIR [2] https://jacobin.de/artikel/die-linke-linkspartei-merz-kanzlerwahl-unvereinbarkeitsbeschluss-cdu-union
   DIR [3] /Stolperstart-der-schwarz-roten-Koalition/!6084177
   DIR [4] https://www.deutschlandfunk.de/fehlstart-der-kanzlerschaft-merz-interview-mit-thorsten-frei-mdb-cdu-100.html
   DIR [5] https://www.zeit.de/2025/20/friedrich-merz-bundeskanzler-donald-trump-ukraine-krieg-russland/seite-4
   DIR [6] https://www.spiegel.de/politik/deutschland/bundesverfassungsgericht-plenum-nominiert-eigene-kandidaten-fuer-nachfolge-von-richter-josef-christ-a-1028adc1-a07e-4aae-b99c-7780cf46f253
       
       ## AUTOREN
       
   DIR Ulrike Winkelmann
       
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