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       # taz.de -- Gesunkenes Flüchtlingsboot: Strafverfahren gegen Mitglieder der griechischen Küstenwache
       
       > 2023 kenterte ein Boot vor der Küste Griechenlands, rund 600 Geflüchtete
       > starben. Die Staatsanwältin erhebt schwere Vorwürfe gegen die
       > Küstenwache.
       
   IMG Bild: Überlebende des Schiffsunglücks von Pylos fordern Gerechtigkeit, 16. März 2024, Athen, Griechenland
       
       Athen taz | Es ist ein Durchbruch in der rechtlichen Aufarbeitung des
       katastrophalen Schiffbruchs im Juni 2023 vor der südwestgriechischen
       Küstenstadt Pylos, bei dem mutmaßlich rund 600 Geflüchtete ertranken: Gegen
       17 Mitglieder der griechischen Küstenwache ist ein Strafverfahren eröffnet
       worden.
       
       Die zuständige Staatsanwältin am Seegericht Piräus leitete nach Abschluss
       der Vorermittlungen nun das Verfahren gegen den Kapitän und die Besatzung
       des Schiffes LS 920 der griechischen Küstenwache, den Ex-Chef der
       Küstenwache, den Leiter der griechischen Einsatzzentrale für die Suche und
       Seenotrettung (EKSED) sowie gegen zwei diensthabende Offiziere ein. Dies
       gaben sechs NGOs, die Überlebende und Angehörige von Opfern der Katastrophe
       juristisch vertreten, in einer gemeinsamen Stellungnahme bekannt.
       
       Vorgeworfen werden dem Kapitän die Verursachung eines Schiffbruchs sowie
       der gefährliche Eingriff in den Schiffsverkehr, die eine Gefahr für das
       menschliche Leben darstellten und den Tod einer großen Anzahl von Menschen
       zur Folge hatten, sowie unterlassene Hilfeleistung. Die Besatzung der „LS
       920“ wird wegen einfacher Mittäterschaft angeklagt.
       
       Der Ex-Chef der Küstenwache, der EKSED-Leiter und die zwei diensthabenden
       Offiziere haben sich dafür zu verantworten, andere Personen einer
       lebensgefährlichen Situation ausgesetzt zu haben. Demgegenüber wurden die
       Vorermittlungen gegen vier weitere Offiziere der griechischen Küstenwache
       eingestellt.
       
       Dass nach Abschluss der Vorermittlungen ein Strafverfahren eröffnet wird,
       heißt noch nicht, dass es sofort zum Prozess kommt. Zuerst hat die
       Staatsanwaltschaft nach Abschluss der im Fall Pylos nun einsetzenden
       Hauptuntersuchung zu entscheiden, ob die 17 Mitglieder der Küstenwache vor
       Gericht zu stellen sind oder nicht.
       
       ## Gekentert auf offener See
       
       Am 10. Juni 2023 war der heillos überfüllte Fischkutter „Adriana“ mit wohl
       bis zu rund 750 Menschen an Bord vom ostlibyschen Tobruk in See gestochen.
       Das Ziel: Italien. [1][Das Boot kenterte] am 14. Juni, mitten in der Nacht,
       auf offener See, 47 Seemeilen vor Pylos. Gerettet wurden nur 104 Menschen,
       die vom Außendeck ins Meer springen konnten. Für das Gros der Passagiere
       kam jede Hilfe zu spät, 82 Leichen wurden geborgen.
       
       Neun Ägypter wurden von den griechischen Behörden verdächtigt, als
       Schlepper fungiert zu haben. Nach ihrer über elf Monate dauernden U-Haft
       befand das Berufungsgericht in der südgriechischen Stadt Kalamata am 21.
       Mai 2024, dass es in der Strafsache nicht zuständig sei.
       
       Schon früh richtete sich der Blick auf das Seegericht in Piräus. Mehrere
       Dutzend Personen hatten dort Strafanzeige gestellt. Die griechischen
       Behörden hätten den [2][Massentod vor Pylos] nicht nur verhindern können,
       sondern das Unglück sogar verursacht. Die „LS 920“ habe sich der „Adriana“
       zwar genähert, aber keine Hilfeleistung erbracht, was sie ob der
       offenkundig gefährlichen Lage auf dem Kutter hätte tun müssen. Schließlich
       hätten die Küstenwächter versucht, die „Adriana“ mit einem Seil
       abzuschleppen, bevor der Kutter sank.
       
       Klar ist jetzt: Laut der Anklageschrift drohen den Küstenwächtern
       langjährige Haftstrafen wegen Kapitalverbrechen. Dass ausgerechnet die
       griechische Küstenwache beim Thema Flüchtlinge derart [3][von der hiesigen
       Justiz unter Druck gesetzt wird], ist ein einmaliger Vorgang und zugleich
       ein Meilenstein in der rechtlichen Aufarbeitung einer unfassbaren Tragödie.
       „Das ist ein bedeutender Schritt zur Rechtfertigung der Opfer und
       Gerechtigkeit“, erklärten die Anwälte der Überlebenden und Familien der
       Opfer.
       
       25 May 2025
       
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