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       # taz.de -- Präsidentschaftswahl in Rumänien: Hauptsache, nicht er
       
       > Rumänien wählt am Sonntag seinen Präsidenten. Der extrem rechte
       > Kandidat George Simion hat gute Chancen. Einblicke in ein Land am
       > Scheideweg.
       
   IMG Bild: Eine Demo in Bukarest anlässlich des Europatags am 9.Mai. 70 Prozent Zustimmung zur EU gibt es in Rumänien
       
       ## 1. Auf dem Landmarkt
       
       Bukarest und Călugăreni Clotilde Armand lächelt charmant über den Ärger
       hinweg. „Ich werde Simion wählen“, ruft ein Mann ihr hinterher, ein anderer
       murmelt Beschimpfungen und wendet sich ab. Für Armand ist der Landmarkt von
       Călugăreni, knapp eine Autostunde südlich von Rumäniens Hauptstadt
       Bukarest, kein Heimspiel. Inmitten der Stände mit Gemüse, Hühnerkäfigen und
       Emailletöpfen bemüht sie sich um Wahlkampf. Es geht um viel: um Rumäniens
       Zukunft und vielleicht sogar um die Zukunft Europas.
       
       Es ist Sonntagfrüh, genau eine Woche vor der zweiten Runde der
       Präsidentschaftswahl. Die Politikerin Armand wirbt für den proeuropäischen
       Kandidaten Nicușor Dan. In der ländlich geprägten Region der Großen
       Walachei ist das nicht einfach. [1][Die Mehrheit unterstützt hier den
       rechtsextremen George Simion]. Armand zielt auf die Unentschlossenen. „Wir
       müssen Präsenz zeigen“, sagt sie.
       
       Auf dem Markt gibt es alles: gebrauchte Radios, neue Kettensägen, Honig,
       Kohlrabi, Setzlinge, Bettwäsche, Pferdegeschirr, Kaninchen und weiße Tauben
       in Drahtkäfigen. Ein Mann mit sonnengegerbtem Gesicht führt ein Blechgerät
       vor, das Zaunpfähle leichter in den Boden rammt. Über allem wabern
       Rauchschwaden von Grillständen, auf denen Männer mit dicken Oberarmen
       Bratwürstchen und Mici umdrehen, die rumänischen Hackfleischröllchen.
       
       Armand schiebt sich mit zwei Dutzend Helferinnen und Helfern durch die
       Reihen zwischen den Ständen. Die meisten kommen wie sie von der
       neoliberalen Partei USR. Manche tragen weiße Kappen, einige dazu noch
       Leibchen, auf denen sie für die Präsidentschaft Nicușors werben. Nicușor,
       das heißt „kleiner Nick“ und viele nennen ihn dieser Tage nur bei diesem
       Vornamen. Im Vorbeigehen drückt die Truppe jedem, der sich nicht wehrt,
       einen Faltflyer in die Hand. „Ein Präsident für alle Rumänen“, heißt es
       darin. „Wir sehen uns am 18. Mai bei der Abstimmung.“
       
       Viele Rumäninnen und Rumänen blicken dem Sonntag mit Sorge entgegen. Das
       Land ist von politischen Krisen geschüttelt. Im November hatte der
       rechtsextreme Verschwörungsideologe Călin Georgescu die
       Präsidentschaftswahl gewonnen. Wegen Unregelmäßigkeiten bei der
       Wahlkampffinanzierung und Verdacht auf russische Einflussnahme annullierten
       die Behörden die Wahl und schlossen Georgescu aus.
       
       In der nun wiederholten Wahl holte in der ersten Runde am 4. Mai der
       rechtsextreme George Simion von der Partei AUR [2][mit 41 Prozent die
       deutliche Mehrheit der Stimmen]. Er [3][steht zu Georgescu] und kündigte
       an, ihn im Fall eines Sieges zum Ministerpräsidenten zu ernennen. Denn die
       aktuelle Regierungskoalition ist zerbrochen. Einen Tag nach der ersten
       Wahlrunde erklärte der sozialdemokratische Ministerpräsident Marcel Ciolacu
       wegen des schlechten Abschneidens des Kandidaten seiner Partei den
       Rücktritt.
       
       Zweitplatzierter wurde statt eines Sozialdemokraten [4][mit 21 Prozent der
       parteilose Nicușor Dan]. Der Bürgermeister von Bukarest gründete einst die
       neoliberale USR, die mehr Rechtsstaatlichkeit und Korruptionsbekämpfung
       fordert und rechts der Mitte steht. Dan verließ die Partei 2017, nachdem
       sie sich gegen ein homophobes Referendum stellte, das die Ehe als Beziehung
       aus Mann und Frau in die Verfassung meißeln wollte.
       
       Trotzdem gilt er nun auch für Linke und Progressive als letzte Hoffnung.
       
       Dan und Simion treten am 18. Mai in der Stichwahl gegeneinander an.
       Umfragen sehen Simion vorn. In Rumänien bestimmt der Präsident die Außen-
       und Sicherheitspolitik. Gewinnt Simion, fürchten viele eine Abkehr vom
       Westen. Nach Viktor Orbán in Ungarn und Robert Fico in der Slowakei droht
       mit ihm Rumänien zu einem weiteren Land zu werden, das die Unterstützung
       der Ukraine infrage stellt, mit dem Nato-Bündnis fremdelt und statt einer
       föderalistischen EU ein nationalistisches [5][„Europa souveräner
       Vaterländer“] anstrebt.
       
       An den Marktständen von Călugăreni scheinen Brüssel, Washington und Moskau
       weit weg zu sein. „Die Busse fahren nicht“, klagt ein Händler, als Armand
       an seinen Stand tritt. Außenpolitik spielt auch auf dem Wahlflyer für
       Nicușor Dan keine Rolle. Sehr wohl aber, dass er seit über 20 Jahren gegen
       Korruption kämpfe. „Ich wurde in einem Viertel am Rande einer Kleinstadt in
       eine Familie einfacher Leute hineingeboren“, stellt er sich vor. Von seiner
       [6][Promotion in Mathematik an der Sorbonne in Paris] liest man nichts.
       
       Schon im ersten Anlauf der Präsidentschaftswahl ging es mehr um Frust als
       um konkrete politische Vorhaben. Die Wahlen galten als Abstrafung der
       etablierten Regierungsparteien, die pseudosozialdemokratische PSD und die
       nationalliberale PNL, die für viele eine korrupte Machtelite sind.
       
       Simion, ein 38-jähriger ehemaliger Fußballhooligan, der Trump und Milei
       seine Vorbilder nennt, [7][beleidigt politische Gegner, schimpft über
       „politisches Parasitentum“ und „Globalisten“, eine antisemitische Chiffre.]
       Der 55-jährige Dan mit seinem nüchternen technischen Stil hat es dagegen
       schwer.
       
       Auch Armand wirkt auf dem Markt nicht wie ein Fisch im Wasser. Sie sticht
       heraus. Die 51-Jährige ist einen halben Kopf größer als die meisten hier,
       trägt ein rotes Oberteil und Dr.-Martens-Stiefel. In Rumänien ist sie keine
       Unbekannte: Die französisch-rumänische Unternehmerin zog für die USR 2019
       ins Europaparlament, bevor sie 2020 Bürgermeisterin des reichen Bezirks
       Sektor 1 von Bukarest wurde.
       
       Ihre Amtszeit war von Skandälchen geprägt. Alle Seiten erhoben irgendwann
       Vorwürfe der Wahlmanipulation, [8][ein Gebührenstreit mit dem
       Abfallunternehmen] führte zu einem Müllchaos. Im Jahr 2024 warf die
       Staatsanwaltschaft ihr Vorteilsnahme vor, weil sie sich selbst zur Leiterin
       eines EU-geförderten Antikorruptionsprojekts ernannte und Zulagen
       kassierte. Armand erklärt, alles sei rechtens gewesen und der ganze Prozess
       politisch motiviert. Für den rechtsextremen Simion reichte das, um sie in
       einem TV-Duell mit Dan namentlich zu erwähnen und zu versuchen, ihn damit
       zu beschädigen.
       
       „Clotilde Armand“ flüstert eine Frau auf dem Markt, als sie an ihr
       vorbeigeht, „Clotilde Armand“, brummt auch ein Mann, der Säcke mit Getreide
       aus seinem Kofferraum anbietet. Längst nicht alle reagieren missmutig. Ein
       Verkäufer lädt sie ein, Schafskäse zu probieren, und schält mit einem
       Messer eine Kante aus einem Käselaib. Ein kurzer Plausch, ein Lächeln,
       Armand kauft noch einen Salat und zieht weiter. Ein Mann in schwarzem
       Trainingsanzug bittet sie um ein Selfie. Fast wirkt es, als wäre sie in
       eigener Sache unterwegs. Dass sie eigens aus der Hauptstadt in die Provinz
       gereist ist, findet Anerkennung.
       
       ## 2. Auf dem Boulevard
       
       Die soziale Schere zwischen der Millionenmetropole und dem Land ist enorm.
       In Bukarest locken französische Patisserien mit Tarte au citron und
       kostenlosem WLAN, während in Călugăreni und anderswo Pferdewagen zum
       Straßenbild gehören. 32 Prozent der Bevölkerung lebt an der Armutsgrenze,
       ein Viertel hat kein fließendes Wasser im Haus. Am schlechtesten geht es
       den Roma.
       
       Gleichzeitig hat sich Rumänien im Zuge der EU-Mitgliedschaft seit 2007
       stark entwickelt, sowohl wirtschaftlich als auch in Sachen bürgerlicher
       Freiheiten.
       
       Am Freitag versammelten sich im Zentrum von Bukarest Zehntausende auf dem
       Platz nahe der Universität. Sie fürchten um die Errungenschaften der
       letzten Jahrzehnte. Mit Europa- und rumänischen Fahnen zogen sie zum
       Regierungsgebäude. Offiziell fand die Demo anlässlich des „Europatags“
       statt, doch allen war klar, worum es eigentlich ging.
       
       In Umfragen zeigt sich Rumänien mit rund 70 Prozent Zustimmung zur EU als
       eines der europafreundlichsten Länder. Doch bei der Präsidentschaftswahl
       spiegelt sich das nicht wider – womöglich auch, weil die
       sozialdemokratische PSD sich weigert, ihren langjährigen Kritiker Nicușor
       Dan offiziell zu unterstützen. Einige in der Partei erwägen wohl hinter
       vorgehaltener Hand eine mögliche Zusammenarbeit mit Simions Partei AUR.
       
       Dass die Großdemonstration in Bukarest tatsächlich kein Konsensevent war,
       zeigte sich vorher schon in den sozialen Medien. „Es gibt nur einen Weg:
       Europa zerstören, um nicht der Vasall von äußeren Mächten zu sein“,
       schreibt ein Mann unter der Ankündigung für die Demo. Andere sprechen von
       Gehirnwäsche durch die Medien und beschimpfen die Veranstalter in
       antisemitischer Konnotation als „Sorosisten“ oder „Diener giftiger Eliten“.
       Europa sei eine Geißel und alles habe im Jahr 2015 mit der Flüchtlingskrise
       begonnen.
       
       Als die Demo startet, rufen die Leute: „Rumänien wählt, Europa zählt“ und
       „Bukarest ist nicht Budapest“. Die Sympathien sind klar: „Nicușor, Nicușor“
       hallt es zwischen den ergrauten Prachtbauten des zentralen Boulevards
       Nicolae Bălcescu.
       
       Ein Mann in Sportschuhen und blauer Funktionsjacke schwenkt eine
       Nato-Flagge. Was er davon hält, dass Simion meint, Rumänien solle „neutral“
       sein? „Er ist ein Extremist“, sagt er. „Ein Misogynist, ein Rassist, ein
       Faschist.“ Der Mann hört gar nicht mehr auf. Für die Demo sei er extra
       angereist, erzählt er.
       
       Auch ein junges Pärchen ist gekommen. Eine der Frauen trägt grün gefärbte
       Haare, ihre Partnerin Piercings in Nase und Ohren. „Selbstverständlich ist
       Nicușor Dan die bessere Alternative“, sagt die Frau mit den Piercings.
       „Besser als dieser Clown Simion.“ So sei eben die Lage. „Wir sind in
       Rumänien gerade ein Haufen kopfloser Hühner, die durch die Gegend rennen.“
       
       Als der Protestzug nach etwa einer Stunde das Regierungsgebäude am Piața
       Victoriei erreicht, werden die Tausenden Demonstrierenden mit Musik
       begrüßt. „Es war einmal in Rumänien, ein großer Haufen Schurken“, schallt
       es aus den Lautsprechern einer überdachten Bühne. Beim Refrain singen viele
       mit: „Lieber tot als Kommunist.“ Das Lied heißt „Imnul golanilor“, Hymne
       der Strolche. Es ist eine bekannte antikommunistische Komposition.
       
       Nach der Demo werden deswegen einige kritische Stimmen laut. Adina
       Marincea, Wissenschaftlerin am Elie Wiesel National Institute zur
       Erforschung des Holocausts in Rumänien, erklärte auf Facebook, die Hymne
       habe auf einer Demo gegen die extreme Rechte nichts zu suchen. Über 30
       Jahre lang habe man sich in Rumänien ausschließlich um die Kritik am
       kommunistischen Regime gekümmert und dabei die Gefahr der extremen Rechten
       missachtet. Gerade die rechtsextreme AUR und dessen Anführer Simion seien
       gewalttätige Antikommunisten und träten gegen liberale Werte und einen
       vermeintlichen „Neomarxismus“ an.
       
       Auch die Journalistin und Theaterkuratorin Iulia Popovici kritisierte
       einige Reden, die antikommunistischen“ Kämpfern gehuldigt hätten. Simion
       spreche von Volk, Nationalstolz, Gott und der traditionellen Familie –
       nicht von Mehrwert oder der Vereinigung der Proletarier. „Der Kommunismus
       ist jetzt nicht die Bedrohung“, schreibt Popovici. Die Gefahr sei, dass
       Rumänien ab dem 19. Mai einen faschistischen Präsidenten habe.
       
       ## 3. Vor der Stele
       
       Wer Rumäniens besondere Erinnerungskultur verstehen will, die auch als
       ideologischer Hintergrund der aktuellen Wahl zugrunde liegt, sollte mit
       Mihai Demetriade sprechen. Der Historiker wartet am Freitagvormittag in
       einem Wohnviertel im zweiten Bukarester Sektor auf einem vielleicht zehn
       Meter breiten Grünstreifen, der zwei Fahrbahnen trennt. In einem hellrosa
       Baumwollhemd steht er vor einer Betonstele und schüttelt den Kopf.
       
       Demetriade ist Mitarbeiter der Forschungsdirektion des C.N.S.A.S., des
       Nationalen Rats für das Studium der Archive der Securitate, das mit der
       Aufarbeitung der Verbrechen der Geheimpolizei unter dem stalinistischen
       Diktator [9][Nicolae Ceaușescu] befasst ist. Die Institution ist das
       rumänische Pendant zur deutschen Stasiunterlagenbehörde.
       
       Der Historiker will beweisen, dass sich manche gesellschaftlichen
       Großkonflikte eben auch auf einer Verkehrsinsel zeigen. Die Umgebung wirkt
       eigentlich harmlos: historische Architektur, schattige Alleen, eine Oase
       zwischen den Autokolonnen der breiten Boulevards.
       
       Doch der Betonsockel, der Demetriade empört, hat es in sich. Oben prangt
       darauf eine Bronze des Kopfes von Mircea Vulcănescu, darunter eine
       Inschrift: „Schriftsteller, Ökonom, Philosoph, der grundlegend über das
       Sprechen und die spirituelle Identität des Rumänischen nachgedacht hat;
       hingerichtet in den Kerkern von Aiud.“
       
       „Das Wichtigste fehlt“, sagt Demetriade. Vulcănescu war von 1941 bis 1944
       Unterstaatssekretär im Finanzministerium des faschistischen Diktators Ion
       Antonescu. Dessen Regime war mit den Nazis verbündet und verübte einen
       eigenen Holocaust an Juden und Roma. Vulcănescu ist ein verurteilter
       Kriegsverbrecher und war aktiv daran beteiligt, den Judenhass in Gesetze
       und Verordnungen zu gießen. „Er war ein Nationalist und Antisemit“, sagt
       Demetriade.
       
       Das Denkmal verschweigt diese Fakten. Was man indirekt erfährt, ist die
       Spaltung der Gesellschaft und den Zustand der Vergangenheitsaufarbeitung –
       zumindest wenn man Demetriade zuhört. Denn längst [10][gab es
       zivilgesellschaftliche Initiativen], die Stele von Vulcănescu aus dem Park
       zu entfernen [11][und eine nach Vulcănescu benannte Straße umzutaufen]. Das
       [12][forderte etwa das Elie-Wiesel-Institut in Rumänien] bereits im Jahr
       2014. Doch bis heute geschah nichts.
       
       Eigentlich ist es aber noch schlimmer. Denn der Schrein für Vulcănescu ist
       nicht alt. Die Stadtverwaltung des Bezirks Sektor 2 ließ ihn 2009 errichten
       – trotz eines Gesetzes von 2002, das die Verherrlichung von Völkermördern
       und Kriegsverbrechern verbietet. Im selben Jahr wurden auch Büsten zweier
       weiterer faschistischer Intellektueller aufgestellt. „Aus nationalistischen
       Motiven“, erklärt Demetriade.
       
       Nach dem Krieg fehlte in Rumänien ein echter Entfaschisierungsprozess, sagt
       der Historiker. „Das führte zur unkritischen Rehabilitierung der Komplizen
       der Diktatur von Ion Antonescu und der rumänischen Akteure, die am
       Holocaust beteiligt waren.“ Nach 1990 sei der Nationalismus in Form eines
       antikommunistischen Nationalismus wieder aufgelebt.
       
       „Im Zusammenhang mit den Präsidentschaftswahlen ist dieses Thema aktueller,
       als uns lieb ist“, sagt der Historiker. „Das Fehlen einer kritischen
       Erinnerung und der Mangel an Empathie gegenüber den Opfern des,anderen
       Totalitarismus', also des faschistischen, in dem Rumänien Akteur und
       Regisseur und nicht Opfer war, prägen den historischen Moment des Jahres
       2025.“ George Simion setze die antisemitische Rhetorik und die
       Verherrlichung von Ion Antonescu und anderen Kriegsverbrechern fort.
       
       Aber der Historiker macht auch Nicușor Dan Vorwürfe. Er spricht von einer
       „strategischen Unklarheit“ des Bürgermeisters in Fragen des Kultes um
       Kriegsverbrecher in Bukarest, von „Untätigkeit“ und „Schweigen“.
       
       Mihai Demetriade hinterfragt auch [13][Dans Rolle bei der geplanten
       Einrichtung] eines Museums für den Holocaust und die Geschichte der Juden
       Rumäniens. Das wurde 2019 beschlossen. Bis heute ist es nicht eröffnet. Das
       Fehlen eines wohlwollenden und proaktiven Engagements von Nicușor Dan nennt
       Demetriade „besorgniserregend“.
       
       Ob er Dan dennoch Simion vorziehen würde? Die Frage erübrigt sich.
       
       ## 4. Im NGO-Büro
       
       Wie schlimm ein Sieg Simions auch innenpolitisch wäre, wissen wohl wenige
       in Rumänien besser als Vlad Viski. Anfang der Woche sitzt er in seinem Büro
       in einem unscheinbaren Wohnhaus im Zentrum von Bukarest. Viski,
       promovierter Politikwissenschaftler, leitet die rumänische
       LGBTQI-Organisation MosaiQ. Im Erdgeschoss betreibt die NGO ein
       Begegnungszentrum, mit Studententreffpunkt, kleiner Bibliothek und
       Kleiderbörse. Überall dekorieren Regenbogenflaggen die Räume, auch die
       blau-weiß-pinke Transfahne ist dabei und eine Version mit dem Wagenrad der
       Roma-Community.
       
       An den Wänden hängen Plakate einer Kampagne aus dem Jahr 2018: MosaiQ und
       andere queere Organisationen riefen damals zum Boykott des
       Verfassungsreferendums auf, das die Homoeehe verbieten wollte. Eben jenes
       Referendum, für dessen Durchführung sich Nicușor Dan aussprach – genauso
       wie Clotilde Armand. Viski sieht die Gegenkampagne seiner NGO als Erfolg,
       denn das Referendum scheiterte am nötigen Quorum. Dennoch ist die
       gleichgeschlechtliche Partnerschaft bis heute in Rumänien nicht gesetzlich
       verankert.
       
       Auf ein Plakat, das im Treppenhaus hängt, macht Viski besonders aufmerksam.
       Es ist die erste Ausgabe des Magazins Gay 45. Dessen Redaktion sitzt heute
       in Wien, gegründet aber wurde es als eine der ersten queeren Publikationen
       Osteuropas in Rumänien. Die Titelseite der Erstausgabe zeigt das Foto von
       Bill Clinton (dem „liberalsten amerikanischen Präsidenten“) und als Datum
       den 1. April 1993 – eine Vorsichtsmaßnahme: Queere Inhalte waren damals
       noch verboten, die Herausgeber wollten sich die Ausrede offenhalten, dass
       alles nur Satire sei.
       
       Es sind jene Zeiten, die Viski heute wieder fürchtet. Für den Fall, dass
       Simion die Präsidentschaftswahl gewinnt, kann er ein Horrorszenario
       abspulen: Simion könnte versuchen, Călin Georgescu als Premierminister
       vorzuschlagen. Wenn das dreimal scheitert, wäre der Weg frei für
       vorgezogene Neuwahlen. „Ein Präsident im Amt gewinnt immer an Popularität,
       was dessen Partei AUR die absolute Mehrheit verschaffen könnte“, so Viski.
       
       Die Rechtsextremisten könnten dann alle öffentlichen Institutionen
       umkrempeln. „Und dann verlieren wir wirklich alles.“ Die Nationalbank, das
       Nationale Komitee zur Bekämpfung von Diskriminierung, die Behörden zur
       Kontrolle und Regulation der alten und neuen Medien, sie alle könnten
       unterwandert werden. „Schon ohne Parlamentsmehrheit kann der neue Präsident
       einen neuen Richter für das Verfassungsgericht vorschlagen“, sagt Viski.
       „Für uns wäre all das ein Desaster.“ AUR habe bereits jetzt vorgeschlagen,
       gegen sogenannte homosexuelle Propaganda vorzugehen. „Sie könnten die Pride
       Parade verbieten, wie in Ungarn, sie könnten NGOs wie uns dazu zwingen,
       sich als „ausländische Agenten“ zu registrieren, wie in der Slowakei“, sagt
       Viski.
       
       Er bleibt sachlich dabei, zählt das alles einfach so auf.
       
       Und Nicușor Dan?
       
       Viski holt etwas aus. Spricht von der Partei PiS in Polen und Orbáns Partei
       Fidesz in Ungarn. „Diese Regime haben das Zentrum so stark nach rechts
       verschoben, dass die einzige ernstzunehmende verbliebene Opposition auch
       nur noch rechte Parteien sind“, sagt er. So sei es auch in Rumänien nach
       der ersten annullierten Wahlrunde gelaufen. Immerhin: Bei seinem großen
       öffentlichen Wahlkampfauftritt in der Hauptstadt am Wochenende habe Nicușor
       Dans Team auch bekannte Aktivisten der Roma-Community auf die Bühne geholt.
       Er zeigte sich zumindest auch offen dafür, dass es eine Debatte über zivile
       homosexuelle Partnerschaften geben könnte. Dan komme selbst aus der
       Zivilgesellschaft.
       
       „Nicușor Dan würde den Status quo erhalten“, sagt Viski. „Das ist es, um
       was es gerade noch geht.“
       
       17 May 2025
       
       ## LINKS
       
   DIR [1] https://prezenta.roaep.ro/prezidentiale04052025/pv/romania/results/
   DIR [2] https://prezenta.roaep.ro/prezidentiale04052025/pv/romania/results/
   DIR [3] https://www.dw.com/ro/interviu-spotmediaro-george-simion-s-a-schimbat-radical-o-marionet%C4%83-controlat%C4%83-rece-%C8%99i-f%C4%83r%C4%83-scrupule-din-umbr%C4%83-de-georgescu/a-72433122
   DIR [4] https://www.reuters.com/world/europe/romanian-hard-right-frontrunner-simion-leads-opinion-poll-before-vote-run-off-2025-05-07/?utm_source=chatgpt.com
   DIR [5] /Orban-Kickl-Meloni-Fico-und-Le-Pen/!6038301
   DIR [6] https://www.ft.com/content/160dd559-1eb1-4d4c-8917-ba775171d5f2
   DIR [7] https://www.libertatea.ro/stiri/nicusor-dan-george-simion-comunicare-publica-stil-adversari-social-media-5298773
   DIR [8] https://romania.europalibera.org/a/patru-razboaie-clotilde-armand-gunoaiele-pnl-procuror-usr-plus/31292066.html
   DIR [9] https://de.wikipedia.org/wiki/Nicolae_Ceau%C8%99escu
   DIR [10] https://revista22.ro/eseu/alexandru-florian/mircea-vulc259nescu-351i-memoria-public259
   DIR [11] https://www.rfi.fr/ro/rom%C3%A2nia/20250303-institutul-elie-wiesel-solicit%C4%83-primarilor-bucure%C8%99tiului-%C8%99i-clujului-schimbarea-denumirilor-a-dou%C4%83-str%C4%83zi-cu-nume-de-criminali-de-r%C4%83zboi-condamna%C8%9Bi
   DIR [12] https://www.rfi.fr/ro/rom%C3%A2nia/20250303-institutul-elie-wiesel-solicit%C4%83-primarilor-bucure%C8%99tiului-%C8%99i-clujului-schimbarea-denumirilor-a-dou%C4%83-str%C4%83zi-cu-nume-de-criminali-de-r%C4%83zboi-condamna%C8%9Bi
   DIR [13] /Geschichtsaufarbeitung-in-Rumaenien/!5628779
       
       ## AUTOREN
       
   DIR Jean-Philipp Baeck
       
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       ## ARTIKEL ZUM THEMA
       
   DIR Präsidentenwahl in Rumänien: Nächste Niederlage für rechtsextremen Kandidaten Simion
       
       Der unterlegene rechtsextreme Präsidentschaftskandidaten wollte eine
       Annullierung der Stichwahl. Das Verfassungsgericht lehnt den Antrag nun ab.
       
   DIR Wahl in Rumänien: Erleichterung in Bukarest
       
       Bei der Präsidentenwahl in Rumänien setzt sich der Proeuropäer Nicuşor Dan
       durch. Doch die rechte Gefahr ist damit noch nicht gebannt.
       
   DIR Präsidentenwahl in Rumänien: Sieg für Pro-Europäer Nicușor Dan
       
       Die Pro-Europäer in Rumänien können aufatmen – und die EU gleich mit. Der
       kremlfreundliche Rechtspopulist Simion unterlag.
       
   DIR Proteste in der Slowakei: Mit Musik und Trachten gegen die Zerstörung der Kultur
       
       Regelmäßig protestieren Slowaken gegen die Kulturpolitik ihrer Regierung.
       Zuletzt in Bratislava.
       
   DIR Polnische Präsidentschaftswahl: Auf dem Spiel steht Polens Zukunft
       
       Der Ausgang der Wahl entscheidet darüber, ob die Demokratie in Polen wieder
       aufgebaut oder Reformgesetze der Mitte-links-Regierung blockiert werden.
       
   DIR Rumänien vor Politikwechsel: Eine Schockwelle jagt die nächste
       
       Der Rechtsradikale George Simion könnte Rumäniens nächster Präsident
       werden. Er kündigt eine konservative Revolution an – und Europa wird
       nervös.
       
   DIR Präsidentschaftswahl in Rumänien: Rumänisches Maga-Programm
       
       Bei der Wahl erringt der rechte Kandidat George Simion die meisten Stimmen.
       Gewinnt er auch die Stichwahl, ist das auch für Europa eine Katastrophe.