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       # taz.de -- Blockade der Hilfslieferungen in Gaza: Israel hat jede rote Linie überschritten – und jetzt?
       
       > Die Unterstützung der israelischen Kriegsführung ist längst nicht mehr zu
       > rechtfertigen. Merz wird es dennoch tun – und stellt damit eine Sache
       > klar.
       
   IMG Bild: Kämpfen ums Überleben: Palästinenser inmitten der Trümmer der durch israelische Angriffe zerstörten Gebäude, 14.2.2025
       
       Es wird immer schwerer, Kommentare zu Gaza zu schreiben. Nicht etwa, weil
       das, was dort passiert, an Bedeutung verloren hätte oder weniger Grund zur
       Empörung böte. Jedes verlorene Menschenleben bleibt wichtig; jedes Kind,
       das mit Angst, [1][Hunger und Durst] einschläft; jede Frau, die ohne die
       nötige medizinische Versorgung [2][entbinden muss]; jeder Mann, der [3][mit
       bloßen Händen] Leichen aus den Trümmern eines bombardierten Hauses zieht;
       jede Geisel, die [4][in Hamas-Gefangenschaft] um ihr Leben bangt.
       
       Und dennoch ist das Schreiben darüber mühsamer geworden: Denn alles
       Relevante wurde längst gesagt. Die Fakten sind bekannt. Die Situation hat
       sich trotzdem verschlimmert, und die nächste Bundesregierung wird daran
       nichts ändern. Nicht weil sie nicht kann, sondern weil sie nicht will.
       
       Man könnte trotzdem noch einmal über die mehr als 52.000 getöteten Menschen
       in Gaza sprechen, von denen laut den Vereinten Nationen (UN) rund 70
       Prozent Frauen und Kinder sind. Man könnte noch einmal sagen, dass Israels
       seit 60 Tagen andauernde Totalblockade von Hilfslieferungen, [5][um die
       Bevölkerung auszuhungern], ein eindeutiges Kriegsverbrechen ist; dass jedes
       einzelne [6][Krankenhaus in Gaza] bombardiert wurden und Israel bis heute
       [7][keine unabhänig verifizierbaren Beweise dafür geliefert hat], dass sich
       dort tatsächlich Hamas-Zentralen befanden. Man könnte daran erinnern, dass
       zahlreiche internationale Mediziner*innen übereinstimmend von
       [8][Schusswunden in Kinderköpfen] berichten.
       
       Man könnte noch einmal sagen: Nichts rechtfertigt dieses Vorgehen oder
       dessen Unterstützung. Nicht die Kriegsverbrechen der Hamas [9][vom und seit
       dem 7. Oktober] und nicht unsere eigene genozidale Geschichte.
       
       ## Israels Regierung will Gaza-Streifen entvölkern
       
       Die israelische Regierung macht sich nicht einmal mehr die Mühe, ihre
       Absichten in Gaza zu verschleiern. So betonte der israelische Premier
       Benjamin Netanjahu, Israel werde „in jedem Fall den Gazastreifen
       militärisch kontrollieren“. Finanzminister Bezalel Smotrich fantasiert
       nicht nur darüber, Gazas Bevölkerung zu vertreiben: „Wenn wir jeden Tag
       5.000 rausholen, dauert es ein Jahr.“ Er kündigte auch [10][eine neue
       Behörde an], die diesen Plan umsetzen soll.
       
       Laut Smotrichs Berechnungen würden [11][1,8 von 2,1 Millionen Menschen den
       Gazastreifen verlassen], wenn man es ihnen ermöglichte. Wenn der gesamte
       Gazastreifen nach Fortsetzung der Offensive wie das Flüchtlingslager
       Dschabaliya aussähe, würden die Menschen keinen Grund mehr haben, in Gaza
       zu bleiben, befand der ultrarechte Minister.
       
       Der Plan ist also, den Palästinenser*innen ihre Lebensgrundlage zu
       nehmen, damit sie kapitulieren und gehen. Hier von „freiwilliger Migration“
       zu sprechen, ist vollkommen grotesk. Wenn eine Regierung gezielt
       Bedingungen schafft, die das Überleben einer ethnischen Gruppe in einem
       Gebiet unmöglich machen, erfüllt das den Tatbestand einer ethnischen
       Säuberung.
       
       Sowohl moralisch als auch völkerrechtlich ist längst klar, wie Deutschland
       handeln muss. Da der Internationale Gerichtshof (IGH) [12][einen Völkermord
       für plausibel hält], dürfen keine Waffen geliefert werden: um einen Genozid
       zu verhindern und so die Staatenverpflichtung aus der
       UN-Völkermordkonvention zu erfüllen. Und laut [13][Gutachten des IGH] muss
       jegliche Unterstützung für Israel ausgesetzt werden, die die illegale
       Besatzung der palästinensischen Gebiete aufrechterhält.
       
       Doch Recht und Moral werden für die kommende Bundesregierung eine noch
       kleinere Rolle spielen als für die Ampel. Auch wenn es viel zu spät und zu
       wenig war: Die grüne Außenministerin Annalena Baerbock entfernte sich
       immerhin im Laufe der Zeit etwas von der starren Kanzlerlinie.
       
       Zusammen mit ihrem Parteikollegen und Wirtschaftsminister Robert Habeck
       soll sie sogar für das zeitweise andauernde Aussetzen von
       Kriegswaffenexporten nach Israel [14][verantwortlich gewesen sein]. Sie
       bestreiten das zwar, fest steht aber: Eine Zeit lang wurden fast keine
       Kriegswaffen geliefert. Mit Friedrich Merz als Kanzler und Johann Wadephul
       als Außenminister (beide CDU) wird es das nicht geben.
       
       Zwar gibt sich Wadephul in seiner Rhetorik etwas gemäßigter als Merz. Er
       will weiter Waffen an Israel liefern, betont jedoch die Bedeutung des
       internationalen Rechts, von dem sich Merz mit seiner Netanjahu-Einladung
       trotz des [15][Haftbefehls des Internationalen Strafgerichtshofs] längst
       verabschiedet hat. Auch das sind nur leere Worte. Das einzige Druckmittel,
       das Deutschland hat, um Israel zu einem Ende der Kriegsverbrechen in Gaza
       und der Einhaltung des internationalen Rechts zu bewegen, wäre ein
       Waffenembargo.
       
       Das ließe sich sogar umsetzen, ohne den so oft beschworenen Grundsatz der
       Staatsräson – die deutsche Verantwortung für Israels Sicherheit –
       aufzugeben. Man müsste nur unmissverständlich klarstellen: Die Sicherheit
       Israels unterstützen wir mit allen Mitteln – sobald sich dessen Regierung
       an das Völkerrecht hält.
       
       Doch stattdessen lautet die Botschaft: „Mach einfach weiter so, Bibi!“
       Genau hier zeigt sich, was sich seit 18 Monaten immer deutlicher
       abzeichnet: Die Rhetorik der Staatsräson hatte nie etwas [16][mit Recht
       oder Moral zu tun]. Sie diente vor allem einem Zweck – zu rechtfertigen,
       was sich nicht rechtfertigen lässt.
       
       2 May 2025
       
       ## LINKS
       
   DIR [1] /Hunger-in-Gaza/!6082392
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   DIR [5] /Hunger-in-Gaza/!6082392
   DIR [6] /Wieder-Raketen-auf-Gaza/!6078954
   DIR [7] https://www.schantall-und-scharia.de/wenn-journalisten-krankenhaeuser-sturmreif-schreiben/
   DIR [8] https://www.spiegel.de/ausland/krieg-in-gaza-wir-sehen-auch-kinder-mit-schusswunden-von-bewaffneten-drohnen-a-8603bf8f-4d1c-4ec4-ae78-7e16b9b52c6c
   DIR [9] /7-Oktober---ein-Jahr-danach/!6034819
   DIR [10] https://www.timesofisrael.com/smotrich-government-establishing-migration-administration-for-gaza-exodus/
   DIR [11] https://www.timesofisrael.com/liveblog_entry/smotrich-1-8-million-gazans-should-be-encouraged-to-emigrate-to-change-facts-on-the-ground-after-war/
   DIR [12] /Internationaler-Gerichtshof/!5985388
   DIR [13] /Gutachten-zum-Westjordanland/!6024766
   DIR [14] https://www.zeit.de/politik/deutschland/2024-10/bundessicherheitsrat-israel-waffenlieferung-menschenrechte-robert-habeck
   DIR [15] /IStGH-erlaesst-Haftbefehl-gegen-Netanjahu/!6048927
   DIR [16] https://www.nd-aktuell.de/artikel/1181285.staatsraeson-deutsche-israelpolitik-von-moral-kann-kaum-die-rede-sein.html
       
       ## AUTOREN
       
   DIR Pauline Jäckels
       
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