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       # taz.de -- Jérôme Boateng und Till Lindemann: Verbrüderung gegen MeToo
       
       > Der Fußballer Jérôme Boateng und der Sänger Till Lindemann senden
       > vergiftete Ostergrüße. Sie inszenieren sich als Opfer der
       > Berichterstattung.
       
   IMG Bild: Ostergrüße mit Beigeschmack: Boateng und Lindemann lassen sich gemeinsam fotografieren
       
       Ein überraschendes Duo sendete am Wochenende österliche Grüße:
       Rammstein-Frontmann Till Lindemann und Fußballer Jérôme Boateng grinsen bei
       Kerzenlicht freundlich in die Kamera. Auf dem gemeinsamen Foto auf
       Instagram liegt vor ihnen im Bild eine scheinbar zufällig platzierte
       Zeitung mit der Schlagzeile „Von Lindemann bis Boateng: ‚Schuldig!‘“
       
       Wie ein spontaner Schnappschuss soll es wirken, allerdings ist es ein
       inszeniertes Bild, das vor allem eines tut: Die beiden Männer lenken die
       Aufmerksamkeit auf sich und inszenieren sich als Opfer von Vorverurteilung.
       Beide wurden in der Vergangenheit der sexualisierten Gewalt gegen Frauen
       beschuldigt. [1][Gegen Boateng gab es mehrere Gerichtsverfahren wegen
       Körperverletzung, Nötigung und Verleumdung gegenüber Ex-Partnerinnen.]
       
       [2][Auch gegenüber Lindemann wurden im Sommer 2023 schwere Vorwürfe
       erhoben.] Mehrere Frauen berichteten über ein System, bei dem junge Frauen
       gezielt ausgewählt wurden, um auf spezielle Aftershowpartys nach
       Rammstein-Konzerten zu gehen. [3][Die Ermittlungen aufgrund der Vorwürfe
       der Sexualdelikte und die Abgabe von Betäubungsmitteln stellte die
       Staatsanwaltschaft Berlin im August 2023 aufgrund mangelnder Beweise ein.]
       
       ## Das Problem ist größer als die beiden
       
       In dem auf dem Bild zu sehenden [4][N-tv-Artikel] kritisiert die Autorin
       die Berichterstattung um Missbrauchsvorwürfe und meint, es ginge den Medien
       um Aufmerksamkeit und Profit statt um wirkliche Aufklärung der Fälle.
       Medien würden die MeToo-Bewegung als Geschäftsmodell missbrauchen. Eine
       Verdachtsberichterstattung sei nur dann legitim, wenn es Beweise für die
       Vorwürfe gebe. Sonst würde die Berichterstattung sowohl dem Vertrauen des
       Journalismus schaden als auch den Ruf der vermeintlichen Täter schädigen.
       
       Doch ganz recht hat sie damit nicht, die Unschuldsvermutung ist natürlich
       ein wichtiger Bestandteil eines demokratischen Rechtssystems. Allerdings
       spielt die Verdachtsberichterstattung eine große Rolle bei der Aufarbeitung
       von Straftaten, die juristisch meistens nicht nachweisbar sind. Trotzdem
       nutzen solche Artikel Männer wie Boateng und Lindemann für ihre Vorteile.
       Das Ganze scheint eine inszenierte Verbrüderung gegen die Anschuldigungen
       zu sein. Denn es gibt gar keine Print-Ausgabe des Fernsehnachrichtensenders
       N-tv. Der Artikel scheint nur für das Foto in Zeitungsform gedruckt worden
       zu sein.
       
       Lindemann und Boateng inszenieren sich mithilfe des Artikels, der die
       Berichterstattung über Vorwürfe der sexualisierten Gewalt konkret an ihren
       Fällen kritisiert, als Opfer der Vorverurteilung und des Unrechts. Dabei
       ist das Problem viel größer als sie: denn sexualisierte Gewalt hat System.
       [5][Jede dritte Frau in Deutschland ist betroffen.] Den Frauen wird oft
       nicht geglaubt, und aufgrund der Stigmatisierung und der Täter-Opfer-Umkehr
       trauen sich viele Opfer von sexualisierter Gewalt nicht, die jeweiligen
       Täter:innen anzuzeigen.
       
       Nur etwa 10 Prozent aller Taten werden angezeigt, ein Bruchteil davon
       verurteilt. Die Dunkelziffer ist hoch. [6][Entgegen dem Stereotyp, ein
       sexualisierter Übergriff sei ausgedacht, um Aufmerksamkeit zu erhalten,
       liegt der Anteil an Falschbehauptungen bei Vorwürfen der sexualisierten
       Gewalt nicht höher als bei anderen Straftaten.]
       
       Insgesamt herrscht weltweit eine große Diskrepanz zwischen der Häufigkeit
       von sexualisierten Übergriffen und deren Aufklärung sowie Verurteilung. So
       fragt man sich am Ende: Welche Karrieren und wessen Ruf wurde denn wirklich
       nachhaltig von den Vorwürfen geschädigt? Die Karrieren der mutmaßlichen
       Täter sind es offensichtlich nicht. Boateng spielt weiterhin Fußball,
       Lindemann gibt weiterhin Konzerte. Letzterer spielt sogar mit den
       Vorwürfen, beispielsweise durch explizite Darstellungen von Gewalt an
       Frauen in Musikvideos. Das Foto ist eine typische Demonstration von
       männlicher Macht. Ein geschädigter Ruf sieht anders aus.
       
       22 Apr 2025
       
       ## LINKS
       
   DIR [1] /Tod-des-Models-Kasia-Lenhardt/!5746382
   DIR [2] /!5939283&s=till+lindemann&SuchRahmen=Print/
   DIR [3] https://www.ndr.de/kultur/musik/Staatsanwaltschaft-Berlin-stellt-Verfahren-gegen-Till-Lindemann-ein,lindemann376.html
   DIR [4] https://www.n-tv.de/leute/Von-Lindemann-bis-Boateng-Schuldig--article25662033.html
   DIR [5] https://www.bmfsfj.de/bmfsfj/themen/gleichstellung/frauen-vor-gewalt-schuetzen/haeusliche-gewalt/formen-der-gewalt-erkennen-80642
   DIR [6] https://www.derstandard.at/story/3000000264816/scharfe-kritik-an-aussagen-falschbeschuldigungen-bei-sexualdelikten-seien-ein-trend?ref=article&fbclid=IwY2xjawJ0VYdleHRuA2FlbQIxMQABHvH7DCFJnQdkvZK2rOsxMORTi9yty4o_SDSOhDZsiMszvHNuKmOEvFefN_kD_aem_rhzhv7gn0rG21Hx0JtS4Mg
       
       ## AUTOREN
       
   DIR Leyla Roos
       
       ## TAGS
       
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