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       # taz.de -- Brandschatzung und Massenflucht in Sudan: „Zamzam wird jetzt systematisch zerstört“
       
       > Sudans größtes Kriegsvertriebenenlager in Darfur ist an die RSF-Miliz
       > gefallen. Das Schicksal Hunderttausender entkräfteter Menschen ist
       > unbekannt.
       
   IMG Bild: Satellitenaufnahme aus Zamzam mit brennenden Häusern am 11. April, zu Beginn des RSF-Angriffs
       
       Berlin taz | Pünktlich zum zweiten Jahrestag des Kriegsausbruchs zwischen
       Sudans Regierungsarmee (SAF) und der paramilitärischen Miliz Rapid Support
       Forces (RSF) erreicht der Krieg um die Macht in Sudan einen neuen grausigen
       Tiefpunkt. [1][Zamzam], das mutmaßlich größte Kriegsvertriebenenlager
       Sudans mit je nach Schätzung 800.000 bis 1,5 Millionen Einwohnern, ist von
       der RSF erobert worden und wird jetzt nach Einschätzung von Beobachtern
       großflächig zerstört. Das Schicksal zahlreicher Bewohner ist unbekannt.
       
       „Zamzam wird jetzt systematisch durch Feuer zerstört, mittels absichtlicher
       Brandstiftung durch RSF-Truppen“, heißt es in einem am Montag
       veröffentlichten [2][Bericht des Humanitarian Research Lab] an der
       US-Universität Yale, einer Expertengruppe zur Erforschung von Verbrechen in
       Kriegsgebieten weltweit. Auf der Grundlage der Auswertung von
       Satellitenaufnahmen aus dem Zeitraum 11. bis 14. April kommen die Forscher
       zu dem Schluss, dass eine Fläche von 1.183 Quadratkilometern in Brand
       gesteckt worden ist, darunter der wichtigste Markt von Zamzam. Mutmaßlich
       mehrere Hunderttausend Menschen seien in die Flucht getrieben worden.
       
       „Glaubwürdige Berichte von vor Ort zeigen, dass viele Zivilisten bei der
       Flucht aus dem Camp gestorben sind“, heißt es weiter. Da zahlreiche
       Fliehende an Hunger, Entkräftung und Wassermangel „tot umgefallen“ seien,
       „muss davon ausgegangen werden, dass eine in die Tausende gehende
       unbekannte Anzahl der Zivilbevölkerung von Zamzam, vor allem Kinder und
       Ältere, die seit fast einem Jahr unter einer Hungersnot leben, zu schwach
       zum Fliehen waren.“
       
       Da zahlreiche Videoaufnahmen aus Zamzam – viele solcher Aufnahmen hat die
       RSF selbst verbreitet, um ihren Erfolg zu beweisen – „summarische
       Hinrichtungen von Zivilisten durch die RSF“ belegten, müsse jetzt für die
       verbleibende Bevölkerung vom Schlimmsten ausgegangen werden: „Folter,
       konfliktbezogene sexualisierte Gewalt und Massaker“.
       
       ## Hungersnot am Rande einer belagerten Stadt
       
       Zamzam ist eines von drei großen Lagern für Binnenvertriebene am Rande von
       El Fasher, der Hauptstadt von Norddarfur und die einzige der fünf
       Provinzhauptstädte Darfurs, die immer noch nicht von der RSF kontrolliert
       wird. Die RSF belagert El Fasher fast seit Kriegsbeginn. Die Stadt und die
       Camps am Stadtrand haben sich in dieser Zeit mit Geflohenen aus von der RSF
       eroberten Gebieten in Darfur gefüllt. Die RSF-Miliz ist aus der arabischen
       Reitermiliz Janjaweed hervorgegangen, die vor zwanzig Jahren auf Befehl der
       damaligen Militärdiktatur systematische Massaker in Darfur beging, die der
       Internationale Strafgerichtshof später [3][als Völkermord wertete].
       
       Im August 2024 war Zamzam der erste Ort in Sudan, in dem das
       UN-Hungerexpertengremium IPC [4][eine Hungersnot ausrief], die höchste und
       weltweit nur selten festgestellte von fünf Stufen der
       Ernährungsunsicherheit. Inzwischen gilt diese Einstufung auch für weitere
       Orte in der Umgebung und droht [5][nach IPC-Einschätzung] unmittelbar auch
       für El Fasher insgesamt. Kaum jemand in der Stadt oder den Lagern verfügt
       über Geld, Lebensmittel kommen nur selten an und sind horrend teuer:
       umgerechnet 18 Euro für ein Kilo Linsen, 1,50 Euro für eine einzige
       Zwiebel, [6][berichtete jüngst] der unabhängige sudanesische Radiosender
       Radio Dabanga.
       
       Auch medizinische Versorgung ist kaum noch möglich. Die letzte noch
       funktionsfähige Klinik in Zamzam wurde von der RSF am vergangenen Freitag
       zerstört, als die Miliz ihre Großoffensive auf das Camp startete.
       Stundenlang wurden auch der Markt und die angrenzenden Wohnviertel
       beschossen. Am Sonntag verkündete die RSF, sie habe Zamzam nunmehr
       „befreit“ und stationiere ihre Kämpfer, „um Zivilisten und humanitäres
       Gesundheitspersonal zu schützen“. Gleichzeitig war auf Videoaufnahmen zu
       sehen, wie RSF-Kämpfer am Boden liegende Menschen erschießen.
       
       ## Die RSF will Darfur vollständig erobern
       
       Erst Ende März war die RSF vollständig aus Sudans Hauptstadt Khartum
       vertrieben worden, die seit Kriegsbeginn umkämpft gewesen war. Die Miliz
       zieht sich nun nach Darfur zurück. Um dort uneingeschränkt zu herrschen,
       muss sie El Fasher und seine Vertriebenenlager unter Kontrolle bringen.
       Anfang April setzten massive Bombardierungen ein – nach dem Sturm auf
       Zamzam wird nun ein Großangriff auf El Fasher selbst befürchtet.
       
       Eine unbekannte Anzahl entkräfteter Menschen ist nun aus Zamzam auf der
       Flucht. [7][Das Hilfswerk Ärzte ohne Grenzen berichtete am Montag], in
       Tawila, 80 Kilometer westlich von El Fasher, habe man am Samstag und
       Sonntag „mehr als 10.000“ Geflohene aus Zamzam eintreffen sehen. „Sie kamen
       in einem fortgeschrittenen Zustand von Dehydrierung, Erschöpfung und Stress
       an. Sie haben nur die Kleidung, die sie tragen, nichts zu essen und zu
       trinken.“
       
       Was mit den Zurückgebliebenen geschieht, lässt sich anhand der
       Satellitenbilder und Videoaufnahmen nur erahnen. Mindestens 500 Menschen
       seien gezielt getötet worden, Hunderte verschleppt oder gefangen,
       [8][erklärte die Lagerleitung von Zamzam] in der Nacht zum Dienstag. Die
       RSF habe das Camp „mit den modernsten Waffen, Drohnen und Artillerie großer
       Reichweite“ gestürmt und an der Bevölkerung „Massentötungen, öffentliche
       Vergewaltigungen vor den Augen der Familienangehörigen, systematische
       Entführungen und das komplette Niederbrennen von Behausungen“ begangen.
       
       Man richte einen Aufruf „an das stolze sudanesische Volk, an das
       menschliche Weltgewissen und an alle nationalen und internationalen
       Kräfte“, so die Erklärung weiter: „Was in Zamzam geschehen ist, ist nicht
       nur eine humanitäre Tragödie. Es ist ein Schandfleck auf dem Gewissen der
       Menschheit, ein systematischer Akt des Völkermords, der sofortiges und
       dringliches Eingreifen von jedem lebenden Bewusstsein der Welt erfordert“.
       
       15 Apr 2025
       
       ## LINKS
       
   DIR [1] https://en.wikipedia.org/wiki/Zamzam_Refugee_Camp
   DIR [2] https://x.com/HRL_YaleSPH/status/1911864585633603797
   DIR [3] https://www.icc-cpi.int/darfur
   DIR [4] /Hoechste-Stufe-erreicht/!6025393
   DIR [5] https://www.ipcinfo.org/ipc-country-analysis/details-map/en/c/1159433/
   DIR [6] https://www.dabangasudan.org/en/all-news/article/renewed-deadly-rsf-shelling-strikes-north-darfur-camp
   DIR [7] https://www.doctorswithoutborders.ca/sudan-deadly-attack-on-zamzam-camp-with-survivors-arriving-to-tawila/
   DIR [8] https://x.com/ElbashirIdris_/status/1911922753348784564
       
       ## AUTOREN
       
   DIR Dominic Johnson
       
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