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       # taz.de -- Neuer Film von Paolo Sorrentino: Die Blicke der anderen
       
       > Paolo Sorrentino erzählt in seinem neuem Film „Parthenope“ von den
       > Wirkungen der Schönheit seiner Protagonistin. Schauplatz ist wieder
       > einmal Neapel.
       
   IMG Bild: Alles easy mit Parthenope (Celeste Dalla Porta), ihrem Bruder Raimondo (Daniele Rienzo) und Jugendfreund Sandrino (Dario Aita)
       
       Auf den ersten Blick stellt man sich Schönheit als etwas vor, das das Leben
       bereichert. Aber man erfasst auch schnell, dass diese Bereicherung einen
       Preis hat. Die Besessenheit von Schönheit kann ablenken, irritieren, in die
       Irre führen. Macht die Schönheit einer Stadt ihre Bewohner glücklich? Macht
       die Schönheit einer Frau ihre Verehrer glücklich? Und was macht sie selbst,
       die Schönheit, glücklich?
       
       „Parthenope“ ist ein eigenartiges Biest von einem Film. Wie man es vom
       Regisseur von „La grande bellezza“, [1][„The Young Pope“] und [2][„Die Hand
       Gottes“] schon kennt, gleicht er visuell einem Festmahl: Fast jede einzelne
       der Aufnahmen ist von ausgesuchter Raffinesse. Der Blick der Kamera, egal
       ob er sich den luftigen Interieurs einer neapolitanischen Villa, dem
       düsteren Gepränge einer Kirche oder der transparenten Weite eines
       Meerblicks zuwendet, kommt stets mit dem Gestus daher, dem Publikum einen
       Schatz zu präsentieren.
       
       Aber bei all dem Hang zur Ästhetik eignet dem Film auch etwas Vorläufiges
       und Collagenhaftes: Die einzelnen Episoden, die er erzählt, wirken
       zerrissen, wenn nicht gar unzusammenhängend. Sein laszives Tempo schlägt
       manchmal in Trägheit um, anderes wirkt übereilt. Alles ist immer ein
       bisschen zu üppig.
       
       Wie bei Fellini 
       
       Es beginnt mit Szenen wie aus dem Fellini-Methoden-Buch. Man schreibt das
       Jahr 1950. Ein alter dicker Mann mit schwarzer Sonnenbrille und weißem
       Leinenanzug steht neben einer Goldkutsche auf einer Art Floß vor seiner
       Villa am Golf von Neapel. Er habe die Kutsche aus Versailles überführt,
       erklärt er einem staunenden kleinen Jungen.
       
       Dessen Mutter ist hochschwanger und bringt bald in den flachen Wellen der
       kleinen, privaten Bucht am Fuße dieser Villa eine Tochter zur Welt. Aus den
       Fenstern und Balkonen klatschen Menschen in altertümlicher Kostümierung
       dazu Beifall.
       
       Der schmächtige Vater, der abseits der Geburtshelfer ebenfalls im Wasser
       steht, fragt den dicken Mann im weißen Anzug nach dem richtigen Namen für
       das Mädchen. Und der weist mit dem Arm zur Stadt Neapel hin und ruft:
       „Parthenope! Wir nennen sie Parthenope!“
       
       [3][Die Stadt Neapel] und die Sirene Parthenope sind mythologisch
       miteinander verbunden: Als letztere sich aus Verzweiflung darüber, Odysseus
       nicht betören zu können mit ihrem Gesang – er hat sich bekanntlich an den
       Schiffsmast binden lassen –, ins Meer stürzte, sei ihr Körper da
       aufgetaucht, wo heute Neapel liegt.
       
       Überall Verehrer 
       
       Weiter geht es ins Jahr 1968 und Sorrentino präsentiert seine Parthenope
       (Celeste Dalla Porta in ihrer ersten großen Kinorolle) als junge Frau, die
       mit ihrer Schönheit alle Blicke gleichsam magnetisch auf sich zieht. Fast
       komödiantisch setzt er das in Szene: Da ist das Straßencafé, in dem sich
       ihr ein Ballett aus Köpfen zuwendet.
       
       Da ist das Ruderboot, in dem die ganze Besatzung aus Männern in
       Sportkleidern wie in Ehrfurcht erstarrt, als sie die schöne Frau auf ihrem
       Balkon erblickt. Sogar aus der Luft lässt man sie nicht in Ruhe: Dort
       kreist ein besonders obsessiver Verehrer im Hubschrauber, der wieder und
       wieder einen Emissär schickt, der Parthenope um eine Rendezvous bittet.
       
       Eigentlich würde man angesichts dieser Hauptfigur einen Film über Liebe und
       Leidenschaft erwarten. Aber Sorrentino geht es erstaunlich wenig um
       Gefühlsgeschichte. Er interessiert sich weniger für das Innenleben seiner
       Hauptfigur als für Wechselwirkung, die ihre Schönheit auf ihre Umgebung
       hat.
       
       Moderne Freizügigkeit 
       
       Dabei gesteht er ihr durchaus Charakter zu. Er zeigt sich nicht nur in
       einem selbstbestimmten Umgang mit ihren Verehrern, von denen sie die einen
       ohne viel Umschweife ablehnt, andere aber mit sehr moderner Freizügigkeit
       annimmt. Sie nutze ihre Schönheit gar nicht richtig aus, wirft ihr im Lauf
       des Films mal jemand vor.
       
       Und in der Tat, als sie nach einem Unglücksfall in der Familie ihr Studium
       abbricht und sich bei einer alten Diva (Isabella Ferrari) für eine
       Schauspielerinnen-Karriere unterweisen lässt, entdeckt sie die engen
       Grenzen, die diesem „Ausnutzen von Schönheit“ gesteckt sind. Die Diva
       selbst verhüllt ihr Gesicht Tag und Nacht – sie will es niemandem mehr
       zeigen, aus Angst, man halte sie dann nicht mehr für begehrenswert.
       
       Begegnungen wie diese verleihen dem Film die Anmutung einer Pikareske,
       eines „Schelmenromans“, mit Parthenope als erfahrungshungriger, naiver
       Protagonistin, die die Widersprüchlichkeiten des Lebens in verschiedensten
       kulturellen und sozialen Schichten kennenlernt.
       
       An der Seite eines Mafioso-Liebhabers wohnt sie dem öffentlichen Vollzug
       einer Hochzeitsnacht bei, mit dem zwei verfeindete Clans ihre Aussöhnung
       besiegeln wollen. Später recherchiert sie für ihre Doktorarbeit zum
       Blutwunder von Neapel, lässt sich auf die Verführungskünste des eitlen
       Kathedralen-Priesters ein und weckt durch ihren eigenen Organismus das Blut
       aus der Erstarrung.
       
       Studium der Anthropologie 
       
       Denn was Sorrentinos Film außerdem noch von anderen Filmen über schöne
       Frauen unterscheidet, ist die Tatsache, dass Parthenope ihr Studium an der
       Universität durchaus ernst nimmt. Ihr Fach ist die Anthropologie. Die
       schöne junge Frau wird die Musterstudentin eines kauzigen Professors
       (Silvio Orlando), der seinen Studenten den Toilettengang mit den Worten
       untersagt, sie sollten an der Universität stets „gepinkelt und geschissen“
       erscheinen.
       
       Aber nie kommt es zu einer erotischen Annäherung zwischen ihnen: „Sie sind
       mir ähnlich“, sagt der hässliche kleine Mann zu seiner modellhaft schönen
       Studentin schließlich. Was er damit meint, gehört zu den Mysterien dieses
       Films. Die Lust dazu, darüber nachzudenken, dürfte entscheidend dafür sein,
       ob einem der Film gefällt.
       
       Sorrentino präsentiert seine Passion für neapolitanische Stadtgeschichte
       und die Erfahrungen von Jugend und Vergänglichkeit hier etwas weniger
       stringent als noch in seinem stark autobiografisch geprägten „Die Hand
       Gottes“ (2021). Fast scheint es so, als würde sich sein eigener Blick
       angesichts der Schönheit seiner Hauptdarstellerin verkrümmen und verzerren.
       
       Aber letztlich bezwingt er den Fluch, indem er die Blicke der anderen auf
       Parthenope bloßstellt. Dabei entstehen Vignetten, die manchmal wie
       Werbefotografie daherkommen, aber dank ihrer sorgfältigen Ausstattung mit
       Epochen-Details in Kleidern, Frisuren und Körperhaltungen eine große
       atmosphärische Dichte annehmen. Sie sind gesättigt von Melancholie –
       Melancholie nicht als gefällige, bittersüße Geschmackszutat, sondern als
       Ausdruck einer tiefsitzenden, existenziellen Verzweiflung.
       
       Spezieller Sog des Films 
       
       Wer sich auf den Strom der Bilder Sorrentinos einlassen kann, wird dennoch
       den speziellen Sog erleben, den seine wilde Mischung aus Anekdote, Mythos
       und Biografie erzeugt. Den historischen Cholera-Ausbruch, den Neapel 1973
       noch erlebte, bebildert er durch einen Straßenreinigungswagen, der mit
       seinen beweglichen Spritzen einem antiken Fabelwesen gleicht und sich dem
       Trauerzug entgegenstellt, in dem Parthenopes Bruder nach seinem Selbstmord
       zu Grabe getragen wird. Später sieht man in Zeitlupe protestierende
       Studierende, die mit Molotowcocktails eine Polizisten-Schranke angreifen,
       ohne weitere historische Einordnung.
       
       Parthenope selbst verlässt schließlich ihr geliebtes Neapel für eine
       akademische Karriere in Norditalien. Im Epilog wird sie von der
       großartigen, 78-jährigen [4][Stefania Sandrelli] verkörpert, die nach ihrer
       Emeritierung als Besucherin zurückkehrt. Vor ihrem wehmütigen Auge
       entfaltet sich das neapolitanische Stadtspektakel mit johlenden Fußballfans
       und flanierenden Passanten wie eh und je. Und tatsächlich ist es schade,
       dass der Film dann vorbei ist.
       
       8 Apr 2025
       
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