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       # taz.de -- Tagebuch aus Kasachstan: Lachen hilft. Immer
       
       > In Kasachstan steht ein Satiriker vor Gericht. Unser Autor fragt sich,
       > wann auch das Lachen verboten wird, dieses befreiende Lachen über gute
       > Witze.
       
   IMG Bild: Wladimir Putin und einer seiner Bewunderer: Kasachstans Präsident Kassym-Jomart Tokajew, Dezember 2024
       
       In Kasachstan wird der Journalist Temirlan Yensebek derzeit strafrechtlich
       verfolgt. Sein Haus wurde durchsucht, er wurde verhaftet und wartet nun auf
       seinen Prozess. Der Grund ist eine Veröffentlichung, in der der kasachische
       Journalist die russische Propagandistin [1][Tina Kandelaki] verspottet.
       
       In meiner Stadt Almaty gehen die Menschen auf die Straße, um gegen
       Yensebeks Verhaftung zu protestieren, aber sie werden selbst von der
       Polizei festgenommen.
       
       Vor diesem Hintergrund erscheint die Verfolgung des kasachischen
       Journalisten nicht nur als Abrechnung mit Kritik und Humor, sondern auch
       als Versuch der kasachischen Behörden, sich mit Russland besonders gut zu
       stellen. [2][Kasachstan] hat die russische Aggression gegen die Ukraine nie
       verurteilt, und Wladimir Putin ist nach wie vor gern gesehener Gast beim
       kasachischen Präsidenten [3][Kassim-Schomart Tokajew]. Die russische
       Propaganda ist sehr mächtig, und die kasachischen Behörden unterstützen
       sie.
       
       Temirlan Yensebek, der für das Satiremagazin [4][QazNews24] arbeitet und
       nun auf seinen Prozess wartet, saß im Januar 2025 wegen Aufstachelung zum
       Hass hinter Gittern. Zu diesem Zeitpunkt hatte seine Publikation bereits
       seit mehreren Jahren fiktive Nachrichten auf [5][Instagram] gepostet, die
       sich über kasachische Beamte, die Polizei, den Präsidenten Tokajew und
       dessen enge Beziehung zu Putin lustig machten.
       
       ## Eine schlimme Bedrohung namens Humor
       
       Als Wladimir Putin im November 2024 einmal mehr Kasachstan besuchte,
       begrüßte ihn am Flughafen ein riesiges elektronisches Banner mit der
       Aufschrift „Willkommen, Eure Exzellenz!“ Unmittelbar danach veröffentlichte
       QazNews24 eine Meldung mit einem fiktiven Zitat Tokajews: „Wladimir Putin
       ist ein ausgezeichneter Präsident. Er übertrifft mich in allem“ – und
       führte damit das Lächerliche und Absurde der Situation vor.
       
       Dies ist nur ein Beispiel dafür, wie QazNews24 sich über die Maßnahmen der
       kasachischen Behörden lustig macht. Zugleich haben die Autoren nie
       versucht, die Menschen durch Fälschungen in die Irre zu führen. Immer
       verwiesen sie darauf, dass alle ihre Veröffentlichungen Satire sind. Über
       72.000 Menschen haben die Seite inzwischen auf Instagram abonniert.
       
       [6][Satire] ist eine Form des öffentlichen Dialogs und eine Möglichkeit,
       die Absurdität dessen, was geschieht, zu reflektieren. Doch wahrscheinlich
       sind die kasachischen Behörden derart verunsichert, dass sie Satire als
       schlimme Bedrohung empfinden.
       
       Es ist nicht das erste Mal, dass die kasachischen Behörden Anstoß an
       denjenigen nehmen, die sich über sie lustig machen. Im vergangenen Sommer
       wurden die Stand-up-Comedians Nuraskhan Baskojaev und Alexander Merkul 15
       Tage in Administrativhaft genommen, weil sie bei ihren Auftritten
       „unflätige Sprache“ verwendet hätten. Nun ist unflätige Sprache in der
       Comedy nichts Ungewöhnliches. Aber es macht halt nicht jeder Comedian Witze
       über Beamte und Korruption, und genau das taten Baskozhayev und Merkul oft.
       
       Schon jetzt ist es in Kasachstan aufgrund der Zensur und des Drucks der
       Sicherheitsdienste schwierig, Kritik an der Regierung zu üben oder über die
       Opposition zu schreiben. Wenn man sich all dies ansieht, fragt man sich,
       wann in Kasachstan der Punkt erreicht sein wird, an dem Menschen nicht nur
       dafür verurteilt werden, dass sie Witze machen, sondern auch dafür, dass
       sie über Witze lachen. Wann wird unser Lachen als Akt des zivilen
       Ungehorsams angesehen werden?
       
       [7][Nikita Danilin], Jahrgang 1996, ist ein Journalist aus Almaty
       (Kasachstan). Er war Teilnehmer eines Osteuropa-Workshops der [8][taz
       Panter Stiftung]. 
       
       Aus dem Russischen von [9][Tigran Petrosyan]. Finanziert wird das Projekt
       von der [10][taz Panter Stiftung].
       
       21 Mar 2025
       
       ## LINKS
       
   DIR [1] /Moskaus-bekannteste-TV-Moderatorin/!5172861
   DIR [2] /Kasachstan/!t5017657
   DIR [3] /Qassym-Schomart-Tokajew/!t5601447
   DIR [4] https://cpj.org/tags/qaznews24/
   DIR [5] https://www.instagram.com/qaznews24/reels/
   DIR [6] /Satire/!t5009869
   DIR [7] /Archiv/!s=&Autor=Nikita+Danilin/
   DIR [8] /taz-Panter-Stiftung/!v=e4eb8635-98d1-4a5d-b035-a82efb835967/
   DIR [9] /!a22524/
   DIR [10] /Panter-Stiftung/Spenden/!v=95da8ffb-144e-4a3b-9701-e9efc5512444/%20
       
       ## AUTOREN
       
   DIR Nikita Danilin
       
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