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       # taz.de -- Die Wahrheit: Arno Schmidts „Herr der Ringe“
       
       > Neue Kinderbücher und mehr – die aktuelle und wahre Vorschau auf die
       > Leipziger Buchmesse 2025 und darüber hinaus. Jetzt auch mit KI.
       
   IMG Bild: Bibi Blocksberg – als KI-Version jetzt auch auf der Leipziger Buchmesse!
       
       Groß war der Aufschrei, als vor einigen Monaten ein Buchcover mithilfe
       einer künstlichen Intelligenz gestaltet worden war. Prompt distanzierte
       sich der nicht genannt werden wollende Verlag davon und versprach, nie
       wieder Ähnliches zu machen. Ein Vorgang, über den Amanda Ingelmann, Chefin
       des neuen aiaiai-Verlags nur ihren pumucklesken Rotschopf schütteln kann.
       
       „Das ist natürlich Kinderkram“, lacht Ingelmann glockenhell, auf das Thema
       angesprochen. „Wir möchten bei diesem Kinderspiel ‚Wer hat Angst vor der
       bösen KI‘ nicht mitspielen“, sagt sie. „Weglaufen gilt nicht. Echte
       Kinderbuchverlage weinen nicht.“ Nicht ohne Stolz hält sie den ersten Band
       der Klassiker-Reihe hoch, die ihr aiaiai-Verlag auf der Leipziger Buchmesse
       vorstellt.
       
       „Wir wollen die alten, rechtefreien Kinderbücher für ein junges
       Zielpublikum auf den neuesten Stand bringen. Wem etwa der ‚Kleine Prinz‘
       sprachlich zu kitschig ist, die Story aber gefällt, der kann zu unserer
       neuen Fassung greifen – sprachlich spannender und queerfeindlicher im Stile
       von ‚Harry Potter‘-Autorin J. K. Rowling. Oder ‚Die Abenteuer von Tom
       Sawyer und Huckleberry Finn‘ – ohne Gewalt und Rassismus, aber auch ohne
       People of Color, sprachlich wie ‚Pu der Bär‘“.
       
       Doch die klassischen Kinderbücher zu modernen Werken umschreiben zu lassen,
       ist aufwendig. Auch wenn die Story feststeht, braucht es Autoren, die das
       Ganze schreiben müssen. Dazu kommt eine gründliche Analyse des Schreibstils
       des jeweiligen Zielautors: Cornelia Funke klingt anders als Michael Ende,
       Mark-Uwe Kling anders als Max Kruse. Gehen Sprachwissenschaftler ans Werk,
       kostet das viel Geld, das durch den Verkauf womöglich gar nicht mehr
       reinkommt. KIs können diesen Prozess deutlich gründlicher und preiswerter
       erledigen und vor allem schneller.
       
       „Wir nutzen hier zunächst die lizenzfreien Texte“, erklärt Ingelmann, „und
       machen daraus aktuelle, wunderschöne KI-Bücher, nicht nur die Cover, auch
       die Inhalte. Wir bringen die KI sozusagen zurück in die K-Inderliteratur.“
       Wem das nicht genügt, für den bietet der aaiaiai-Verlag ab Herbst die
       Crossover-Reihe an. Was wäre wenn Pippi Langstrumpf gemeinsam mit Bibi
       Blocksberg auf dem Pferdehof von Frau Martin, an die sie ihr Pferd Kleiner
       Onkel verkaufen musste, um ihr Haus zu reparieren, ganz viele langweilige
       Abenteuer erlebt? Wenn Winnetou den Schlümpfen gegen den bösen Gargamel
       hilft? Wenn die Biene Maja mit Frank Schätzings Schwarm gegen die
       Umweltverschmutzung der Meere kämpft?
       
       „Oder“, sagt Amanda Ingelmann, „Harry Potter als kleiner Prinz, der nicht
       zaubern kann, und Pinocchio als Kapitän Ahab mit zwei Holzbeinen.“ Den
       Kombinationen sind hier keine Grenzen gesetzt, zumal der Verlag das Angebot
       auf Autoren der Weltliteratur erweitern will. „Stellen Sie sich nur vor:
       Ihr Lieblingskinderbuch, ‚verfasst‘ von ihrem Lieblingsautor oder ihrer
       Lieblingsautorin, zum Beispiel ‚Die unendliche Geschichte‘ von Thomas Mann,
       ‚Katze mit Hut‘ von Franz Kafka, ‚Der Herr der Ringe‘ von Arno Schmidt.“
       
       Die Kinderbücher sind selbstverständlich erst der Anfang. Zur Frankfurter
       Buchmesse bietet der aiaiai-Verlag Lieblingsbücher zum Selbermachen an: Der
       Kunde sucht sich einen Buchtitel aus, zum Beispiel „Die Blechtrommel“ von
       Günter Grass. Dazu kann er den Stil und den Ton jedes anderen Autors
       wählen, etwa Wolfgang Hohlbein oder Dirk Roßmann. Der Text kann außerdem
       auf Wunsch automatisch um bis zu 50 Prozent gekürzt werden.
       
       Das Resultat ist dann als Printausgabe im Hardcover oder in der
       Taschenbuchversion oder als E-Book bestellbar. Mit Illustrationen, etwa im
       Stil von Dürer, Picasso oder Yves Klein, oder als Hörbuch, gelesen von
       verstorbenen Lieblings-Schauspielerinnen und -Schauspielern. Das Ganze gibt
       es auf Knopfdruck, online oder am Buchhändler-Terminal.
       
       „Und es gibt noch Werke bedeutender Schriftsteller, die zu Lebzeiten nie
       fertig geworden sind“, berichtet Verlagschefin Amanda Ingelmann begeistert.
       „Es gibt Notizen von Ingeborg Bachmann für zwei Romane, die sie leider
       nicht mehr geschafft hat. Diese Notizen und eine gründliche Sprachanalyse –
       schwupps –, schon werden 2026 und 2027 die letzten posthumen Romane von ihr
       erscheinen. Und wir suchen bereits nach weiterem Material. ‚Aiaiai – Wir
       haben wirklich jedes Buch‘.“
       
       „Wirklich jedes Buch?“, fragen wir kritisch. „Auch „‚Mein Kampf‘“? –
       „Natürlich.“ Sie hält ein Exemplar hoch, das sie zufällig dabei hat. „Wir
       haben dieses unlesbare Mammutwerk zu einem leicht konsumierbaren und
       unterhaltsamen kleinen Büchlein verdichtet. Locker, aber dennoch spannend
       erzählt im Stil des großartigen Sebastian Fitzek. Gibt’s auch als Hörbuch
       mit der Stimme von Dieter Nuhr.“ Ob die auch KI-generiert sei, wollen wir
       wissen. „Nein, das hat er selbst gelesen.“ Amanda Ingelmann kichert, ihre
       samshaften Sommersprossen leuchten. „In seiner beliebten, leicht
       verschmitzten Art.“
       
       26 Mar 2025
       
       ## AUTOREN
       
   DIR Michael-André Werner
       
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