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       # taz.de -- Autobahn durch den Amazonas-Regenwald: Die Fremdempörung
       
       > Für die Klimakonferenz baut Brasilien eine Autobahn durch den Regenwald.
       > Wer sich jetzt aufregt, sollte fragen: Was ist mit den Autobahnen
       > hierzulande?
       
   IMG Bild: Die A14 in Brandenburg endet in einem Getreidefeld. Noch
       
       Stell dir vor, es ist Klimakonferenz – und dafür wird der Regenwald
       gerodet. Das geschieht gerade [1][in Brasilien], wo der nächste Klimagipfel
       stattfindet: Die Regierung hat nach Belém geladen, mitten in den tropischen
       Amazonas. Um zu jener Konferenz zu gelangen, die das Klima schützen soll,
       wird für die Teilnehmenden jetzt der Kohlenstoffspeicher Regenwald gerodet,
       um eine Autobahn zu bauen. Ist das nicht ein Skandal?
       
       Getreu der UN-Arithmetik wandern die Klimakonferenzen über den Planeten:
       Nach einem Industrieland aus Westeuropa oder Nordamerika richtet ein Staat
       aus Mittel- oder Südamerika den Klimagipfel aus, dann geht es nach Afrika,
       gefolgt von Asien, bevor ein osteuropäischer oder Nachfolgestaat der
       Sowjetunion Gipfelgastgeber wird. Im Westen beginnt der Zyklus dann von
       neuem (Glasgow war nach der Coronapandemie 2021 für die
       Mittel-/Südamerikaner eingesprungen).
       
       Das ist insofern von Bedeutung, als die Gastgeber immer eine eigene Note in
       die Verhandlungen einbringen. In Südostasien beispielsweise wird der Fokus
       stark auf den Meeresspiegelanstieg gesetzt, in Afrika spielen
       Anpassungsstrategien eine große Rolle, in Westeuropa stehen Reduktion und
       Regelwerk hoch im Kurs, beispielsweise die Frage, welche Berichtspflichten
       die Staaten haben, damit Klimaschutz vergleichbar wird zwischen Bhutan,
       Bulgarien, Barbados oder der Bundesrepublik.
       
       ## Präsident will illegale Abholzung beenden
       
       Die nächste Klimakonferenz findet nach dem Willen Brasiliens nicht von
       Ungefähr mitten im Amazonas statt: Die Abholzung der Tropenwälder steuert
       immer noch weltweit etwa 20 Prozent der von Menschen verursachten
       Treibhausgase bei, sie sorgt für den Rückgang der Artenvielfalt und der
       Biokapazität – also der Fähigkeit der Natur, Sauerstoff zu produzieren,
       Holz, Trinkwasser, Fisch oder Humus.
       
       Die brasilianische Regierung macht das mit der Wahl des Tagungsortes zum
       Thema, bei seinem Amtsantritt 2023 versprach Brasiliens Präsident [2][Lula
       da Silva], die illegale Abholzung des Regenwaldes bis 2030 zu stoppen. Und
       dafür lässt er jetzt den Regenwald roden? Um eine Autobahn zu bauen?
       
       Falls Sie jetzt Schnappatmung bekommen: Für eine Fußballweltmeisterschaft
       werden neue Fußballstadien gebaut. Für den hingebungsvolleren Kulturgenuss
       wird das Buchheim-Museum am Starnberger See erweitert, wurde die
       Elbphilharmonie gebaut. Für die [3][Elektromobilität à la „Elon Musk made
       in Germany“] wurde in Brandenburg der Wald gerodet. Für den [4][Windpark im
       niedersächsischen Landkreis Lüneburg] sollen zehn Fußballfelder Wald
       fallen. Für die neue Schule auf der Werneuchener Wiese in Berlin wurden 26
       Eschen gefällt – um einen Radweg anzulegen.
       
       ## Zuerst Autobahn zuhause verhindern
       
       Regenwald fällen, um auf die Abholzung des Regenwaldes hinzuweisen:
       Natürlich ist das kein glückliches Zeichen. 50.000 Teilnehmer werden zur
       COP30, zur 30. Vertragsstaatenkonferenz der UN-Klimarahmenkonvention,
       erwartet. Belém fehlt dafür die Kapazität, weshalb die Regierung erwägt,
       Kreuzfahrtschiffe in die Bucht von Marajó zu entsenden, um
       Übernachtungskapazitäten zu erhöhen. Und: Ja, es gibt einen Flughafen nahe
       Belém, Straßen zur Millionenmetropole sind aber rar.
       
       Was sicherlich nicht rechtfertigt, extra [5][für die Klimakonferenz] eine
       neue Autobahn zu bauen. Das ist eine Fortsetzung des „alten Lebens“, jenes,
       das uns überhaupt erst das Klimaproblem eingebrockt hat. Sich darüber
       aufzuregen, ist aber „altes Leben“ mit anderen Mitteln: In Deutschland
       beginnt in diesem Jahr der Weiterbau der Autobahn A14 bei Stendal, auch die
       A20 bei Bad Segeberg, die A44 in Hessen oder die A45 im Sauerland sollen
       weitergebaut werden.
       
       Wer sich über eine neu gebaute Autobahn im Regenwald aufregen will, sollte
       zuerst die Autobahn vor der eigenen Haustüre verhindern. Das wäre jener
       praktizierte Klimaschutz, den alle von den Klimakonferenzen immer erwarten.
       Die können aber immer nur so weit vorankommen, wie der langsamste
       Mitgliedsstaat gestattet. Deshalb braucht es Vorreiter, keine
       Fremdaufreger!
       
       18 Mar 2025
       
       ## LINKS
       
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