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       # taz.de -- Weltweit größte Zoohandlung schließt: Faultierjunge und Feuerfische
       
       > Die Insolvenz von „Zoo Zajac“ stehe für das Scheitern des Ruhrgebiets,
       > findet ein Kunde. Was hat das Tierfachgeschäft ausgemacht? Eine Suche.
       
   IMG Bild: Beim Schlussverkauf von Zoo Zajac: Fisch in der Tüte
       
       Duisburg taz | In einem kleinen Aquarium links unten in der dritten Reihe
       schwimmt ein einzelner grau-weißer Spatelwels. Der sieht aus wie ein dicker
       Stock, damit er sich im Amazonas, wo er herkommt, gut zwischen den Wurzeln
       im Wasser verstecken kann, erklärt ein Mitarbeiter.
       
       Hier gibt es nichts zum Verstecken, nicht mal eine Pflanze befindet sich in
       dem Becken. Je länger man den Fisch anschaut, desto hässlicher wird er. Die
       blasse Farbe, die lange Nase, der wurstförmige Körper. Dass er keine
       schimmernden Regenbogenflossen hat, ist wahrscheinlich der Grund, warum er
       noch hier ist.
       
       Beliebte Fische wie Guppys wurden bereits verkauft, viele Becken sind schon
       leer, das Wasser ist abgepumpt. Die Fische, darunter ein großes
       Piranhabecken, und ein paar Korallen sind überhaupt die letzten sichtbaren
       Tiere auf dem Gelände der laut Guinness Buch der Rekorde größten
       Zoohandlung der Welt in einem Industriegebiet von Duisburg.
       
       Zoo Zajac musste Anfang des Jahres nach rund 50-jährigem Bestehen Insolvenz
       anmelden, 150 Mitarbeitenden wurde auf einen Schlag gekündigt. Überraschend
       sei das nicht gekommen, sagt Herr Gensch, ein Mitarbeiter in sportlichem
       T-Shirt mit V-Auschnitt und Jeans, der bei der Info am Eingang des Ladens
       sitzt. Das Ende sei langsam gekommen und habe spätestens vor zwei Jahren
       begonnen.
       
       Damals verlor die Zoohandlung ihre größte Kultfigur: Norbert Zajac,
       Besitzer und Marke der Zoohandlung, war eine Institution. Der Mann mit
       stechend blauen Augen, prallrotem Gesicht und einer Vorliebe für gebatikte
       T-Shirts mit Tieraufdruck, die über dem kugeligen Bauch etwas spannten,
       kommt irgendwie in allen Geschichten vor, die Kund:innen und
       Mitarbeitende erzählen.
       
       Weil Norbert Zajac sich gekümmert habe, weil er mit seinem kleinen
       Elektroroller durch die Ladenzeilen fuhr und Kund:innen zu Hause
       besuchte, und weil er ein von den Eltern verstoßenes Faultierjunges mit der
       Flasche aufzog, heißt es; und weil er Dinge sagte wie: „Ah ja, dann muss
       ich dat wohl mal delegieren.“ 2022, mit 67 Jahren, ist er plötzlich
       verstorben.
       
       ## Auch Wildtiere dabei
       
       Mit 12.000 Quadratmetern und zeitweise 200.000 Tieren, darunter Spinnen,
       Schlangen, Erdmännchen, Capybaras und kleine Krokodile, schaffte er es,
       eine Welt aufzubauen, die sowohl für exzentrische Tierliebhaber:innen
       als auch für Familien, die sich nur ein kleines Kaninchen kaufen wollten,
       anziehend war. Mit der Schließung ginge daher ein wichtiger Begegnungsort
       zugrunde, beklagen viele Kund:innen, wenn man sie an diesem Mittwoch, zwei
       Tage vor dem endgültigen Schließen, fragt.
       
       Auf der anderen Seite stehen Tierschutzorganisationen wie Peta, die das
       Ende des Geschäfts begrüßen. Durch die Schließung werde „jahrelanges
       Tierleid beendet“, sagt Jana Hoger von Peta. Eine private Haltung von
       Wildtieren ist für Peta grundsätzlich nicht mit einer artgerechten Haltung
       der Tiere vereinbar.
       
       [1][In der Vergangenheit sorgte auch der Welpenverkauf bei Zoo Zajac für
       Kritik], der 2023 schließlich eingestellt wurde. „Die Tierheime sind immer
       überlastet. Und die meisten Tiere dort kommen aus Zoohandlungen, weil Leute
       hingehen, und ohne sich viele Gedanken zu machen, wie lang so ein Tier
       lebt, eines kaufen“, sagt Hoger.
       
       „So ein Geschäft gibt es sonst nirgends mehr“, sagt ein älterer Herr, der
       heute mit seiner Frau da ist. Er überlegt, ob es nicht mal wieder Zeit für
       ein Aquarium wäre. „Ist ja auch schön für die Enkelkinder.“ Das Paar hält
       sich fast den ganzen Nachmittag im Laden auf, mal halten sie ein
       Futterzusatzmittel, mal einen Wasserfilter prüfend in den Händen. Vierzig
       Jahre seien sie Norbert Zajac treu geblieben.
       
       ## Typisch Ruhrgebiet
       
       Mark Fröder, ein 45-jähriger Stammkunde, sieht sich um. Seit zwanzig Jahren
       kaufte er hier Tiere und Zubehör für sein Aquarium. Heute nimmt er nur noch
       Kleinigkeiten mit. Ein grünes Gewächs, auf dessen Verpackung „0,0 Euro“
       steht. Er fragt eine Verkäuferin: „Wie soll dat denn an der Kasse
       eingescannt werden?“, und bedankt sich noch einmal für den freundlichen
       Service der vergangen zwei Jahrzehnte.
       
       Für ihn ist die Insolvenz von Zoo Zajac „Teil des Scheiterns des
       Ruhrgebiets“, erzählt er. Nirgendwo anders sehe man einen solchen Rückgang
       wie hier, und er verweist auf die [2][drohende Schließung des Fordwerkes in
       Köln].
       
       Herr Dhamasena, der extra aus Bottrop gekommen ist, steht vor einer Art
       Sandkasten ohne Sand und zeigt seiner kleinen Tochter ein Förmchen.
       Eigentlich wollten sie Tiere anschauen. „Jetzt sind wir etwas verwundert,
       dass alles weg ist“, sagt er. Seine Tochter hätte gerne Ameisen oder Warane
       gesehen, Tiere, die sie aus Sri Lanka kennt. „Na gut, warum Leute die in
       ihrem Wohnzimmer haben wollen, verstehe ich auch nicht“, fügt er hinzu.
       Eine ehemalige Praktikantin der Zoohandlung kommt nur noch einmal vorbei,
       um „nach dem Rechten zu sehen“, wie sie sagt. Vor allem für die
       Mitarbeitenden findet sie es sehr traurig.
       
       Es wirkt, als wollten alle noch einmal Erinnerungen sammeln, auch an den
       ehemaligen Inhaber Norbert Zajac. Manche der Mitarbeiter:innen tragen
       Westen mit der Aufschrift „Norberts Welt – Treffpunkt der Tierfreunde“. Zum
       Verkauf stehen kleine 15 cm große Stoffpuppen, die ihn darstellen sollen:
       Die großen blauen Augen sind gut getroffen, auch das Shirt mit Fischmotiv –
       nur der kugelförmige Bauch fehlt. Dass Zajac sich diesen Merch zu Lebzeiten
       ausgedacht hat, sagt eigentlich schon viel über ihn aus.
       
       Auch die Wegweiser im Laden stehen als Andenken zum Verkauf. Ein letzter
       Rest Ruhrpotthumor zeigt sich in den Beschriftungen im Laden: „Liebe Krebs-
       und Garnelenfreunde“ oder ein Kühlschrank für Hundefutter mit der
       Aufschrift „Fleischeslust“, sonst ist nicht mehr viel da.
       
       ## Erfolgreich auf Social Media
       
       Wer den einstigen Spirit verstehen will, kann sich heute noch den
       Youtube-Kanal mit immerhin 296.000 Abonnent:innen anschauen. Auch diesen
       hat Norbert Zajac erfolgreich gemacht. Er ist auf Stippvisite bei
       Kund:innen zu sehen, wo er Heuschrecken an die in seinem Laden erworbenen
       Reptilien verfüttert, oder bei der Vorstellung seiner Ware.
       
       Ein Video mit dem Titel: „[3][ROTFEUERFISCH tötet Norbert Zajac 3 Mal!“],
       in dem er, passend im Fisch-T-Shirt gekleidet, erklärt, dass er von dem
       giftigen Fisch gestochen wurde und infolgedessen im Krankenhaus mehrfach
       einen Herzstillstand erlitt, hat 3,3 Millionen Aufrufe. Nach Zajacs Tod
       sind die Videos nicht mehr so erfolgreich, aber sie bleiben witzig, lassen
       Versprecher und lockere Witze der Mitarbeitenden drin.
       
       Diese familiäre Atmosphäre beschreiben einige Mitarbeitenden auch im
       täglichen Arbeitsklima. Ein Rentner, der sich bei Zoo Zajac etwas
       hinzuverdient hat, sagt, er habe in seinen rund 55 Jahren Arbeitserfahrung
       nie einen besseren Job als hier gehabt. „Wegen des Geldes kam hier niemand
       hin, aber die Leute sind nicht gehässig, alle werden akzeptiert, wie sie
       sind.“ Er ist sich sicher, dass alle sofort wiederkämen, hieße es, dass es
       nächste Woche doch weitergeht.
       
       Nach der Schließung sind die Mitarbeitenden beim Griechen verabredet, das
       soll aber kein Abschied sein, betont eine Mitarbeiterin, denn sie wären
       sowieso regelmäßig mal alle zusammen essen gewesen. Doch die Realität ist
       auch, dass viele ihren Arbeitsplatz verlieren. Zum Glück hätten einige
       bereits neue Jobs etwa in der Logistik oder im Baumarkt gefunden, sagt
       Gensch. „Doch nicht alle haben das Glück.“
       
       Der Zoo Zajac ist fast Geschichte. Nur noch ein paar Tage, dann bleiben von
       der einst größten Zoohandlung der Welt nur noch algige Fischbecken und
       leere Regalreihen. Der Spatelwels dreht noch ein paar Kreise, bald muss er
       abgeholt werden. Wohin er kommt, ist unklar. Laut der
       Insolvenzverwaltungsfirma Anchor sind „alle Tiere bereits vermittelt, kein
       Tier bleibt übrig“. Laut einem Sprecher des Zoos in Duisburg gibt es
       aktuell keinen Austausch zwischen dem Zoo Zajac und dem Zoo Duisburg wegen
       einer Übernahme von Restbeständen.
       
       13 Mar 2025
       
       ## LINKS
       
   DIR [1] /Welpenverkauf-in-der-Zoohandlung/!5102657
   DIR [2] /Details-zum-Stellenabbau/!6048533
   DIR [3] https://www.youtube.com/watch?v=BabKvFo7GRo
       
       ## AUTOREN
       
   DIR Ann-Kathrin Leclere
       
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