# taz.de -- Performative Politik: Selektive Gedenkarbeit
> Nicht alle sind für den Staat eines Gedenkens würdig. Was ist mit denen,
> die durch ihn getötet wurden? Das fragen Betroffenenverbände bei einer
> Kundgebung.
IMG Bild: Zum Gedenken an den 20. Todestag des Asylbewerbers Oury Jalloh, der bei einem Feuer in einer Polizeizelle starb
Berlin taz | Wen sollte der Staat als Opfer von Terrorismus anerkennen?
Diese Frage ist Auslöser für viel Wut und Enttäuschung bei
Betroffenenverbänden. Ihre Wut bringen sie in Form einer Kundgebung zum
Ausdruck. Das bundesweite Solidaritätsnetzwerk für Betroffene rechter,
rassistischer und antisemitischer Gewalt, welches aus verschiedenen
Initiativen besteht, hat am Dienstagmittag auf der Berliner Jungfernbrücke
diese „Ergänzungskundgebung“ mit circa 30 Teilnehmenden organisiert.
Sie sehen ihre Aktion deshalb als ergänzend an, weil im Gebäude nebenan die
[1][offizielle Gedenkstunde des Bundesopferbeauftragten für die Opfer von
Terrorismus] stattfindet, auf der sie nicht alle eingeladen sind. „Die
Einladungspolitik ist sehr intransparent. Es werden nicht alle
Hinterbliebenen und Angehörige von Opfern eingeladen“, so Yamin Hamid,
[2][Projektkoordinator:in von Tekiez] zur taz.
Tekiez, so heißt der neu eingerichtete Gedenkort in Halle, der vor dem
Anschlag im Oktober 2019 der Imbiss namens „Kiez-Döner“ war. „Es ist nicht
klar, warum mache eingeladen werden und manche nicht“, kritisiert Hamid.
Auffällig sei allerdings, dass besonders Opfer rechter Gewalt und
diejenigen, die durch Polizeigewalt ums Leben kamen, von der
Gedenkveranstaltung ausgeschlossen wurden, so heißt es auf der Kundgebung.
Auf welche Definition von terroristisch wird sich bezogen, fragen die
Organisator:innen? Viele der Angehörigen und Überlebenden aus dem
Netzwerk fühlten sich von der offiziellen Gedenkveranstaltung
ausgeschlossen. Die meisten seien nicht einmal eingeladen worden, teilweise
sei ihnen die Teilnahme sogar aktiv verwehrt worden.
## „Wer soll aus dem kollektiven Gedächtnis gelöscht werden?“
Es gibt nur ein Transparent. Auf dem stehen bereits alle Forderungen des
Netzwerks: die Gleichstellung und Anerkennung aller Opfer von Terrorismus,
orientiert an den Maßstäben und Bedürfnissen der Betroffenen und
Angehörigen.
Passend zu dieser Forderung spricht Saliou Jalloh, der Bruder des in einer
[3][Dessauer Polizeizelle verbrannten Asylbewerbers Oury Jalloh], auf der
Kundgebung und fragt: „Wessen Namen werden hier genannt? Wessen Tod wird
hier überhaupt anerkannt? Und wer soll aus dem kollektiven Gedächtnis
gelöscht werden?“ Diese Aussage trifft den Kern des Anliegens der
Veranstalter:innen.
Eine Erklärung, warum die Einladungen so selektiv sind, taucht ebenfalls in
dem Redebeitrag von Jalloh auf: „Die Regierung erinnert an die Opfer
rechten Terrors. Doch was ist eigentlich mit denen, die durch den Staat
getötet wurden? Was ist mit denen, die durch Polizeigewalt auf den Straßen,
in Polizeizellen oder im Gefängnis sterben?“
Hier nennt Yamin Hamid das Beispiel von Burak Bektaş, um zu verdeutlichen,
wie der Staat Aufklärungsarbeit verschleppt oder nicht angeht. [4][Im Fall
von Bektaş,] der in der Nacht vom 4. auf den 5. April in Neukölln von einem
Unbekannten erschossen wurde, liegt mutmaßlich ein rechtes Motiv vor. Daher
fordern sie die [5][Aufklärung und Konsequenzen bei jeder Art von rechter
Gewalt.]
## Umfassende Hilfe und Aufklärung gefordert
Darüber hinaus die Bereitstellung von unbürokratischen, schnellen und
kontinuierlichen finanziellen Mitteln durch den Staat und seine
Institutionen für psychologische Hilfe. Ebenfalls wollen sie die
Entschädigung und Unterstützung der Betroffenen ohne langwierige und
demütigende Verfahren.
11 Mar 2025
## LINKS
DIR [1] https://www.bundesrat.de/SharedDocs/termine/DE/praesident/2025/2025-03-11-gedenktag.html
DIR [2] https://www.amadeu-antonio-stiftung.de/tekiez-in-halle-es-muss-weitergehen-auch-wenn-es-schwer-ist-89643/
DIR [3] /Tod-in-Dessauer-Polizeizelle/!6053758
DIR [4] /Tatmotiv-Rassismus/!5999329
DIR [5] /Mord-an-Burak-Bekta/!6069241
## AUTOREN
DIR Raweel Nasir
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DIR Opfer rechter Gewalt
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DIR Nationalsozialistischer Untergrund (NSU)
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