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       # taz.de -- Abkommen zwischen Israel und Hamas: Letzte Ausfahrt vor der Hölle
       
       > Das Abkommen zwischen Israel und Hamas hat bislang gehalten – trotz
       > gegenseitiger Vorwürfe des Bruchs. Nun könnte es zerbrechen
       
   IMG Bild: Wo ist Alon Ohel? Proteste für die Freilassung der in Gaza verbliebenen israelischen Geiseln, Tel Aviv, 10.2.2025
       
       Knapp drei Wochen vor Beginn der zweiten Phase droht die fragile Waffenruhe
       im Gazastreifen zu zerbrechen. Nach einer mehrstündigen Sitzung des
       israelischen Sicherheitskabinetts ließ Regierungschef Benjamin Netanjahu am
       Dienstagabend eine Mitteilung veröffentlichen, in der er der Hamas mit
       einer Fortsetzung des Gazakriegs drohte. Die IDF werde die Kämpfe „bis zur
       endgültigen Niederlage der Hamas“ wieder aufnehmen, wenn die Hamas die
       Geiseln nicht bis Samstagnachmittag zurückgebe.
       
       Zuvor hatte [1][die Hamas gedroht], die Freilassung weiterer Geiseln
       auszusetzen, und mutmaßliche Verstöße Israels gegen die Waffenruhe
       angeführt. Israels Verteidigungsminister Israel Katz hatte die Armee in
       Alarmbereitschaft versetzt und angeordnet, sich „auf jedes Szenario in
       Gaza“ vorzubereiten.
       
       US-Präsident Donald Trump setzte der Hamas bereits am Montagabend ein
       Ultimatum, das es in sich hatte: Wenn nicht alle Geiseln bis kommenden
       Samstag um 12 Uhr freigelassen würden, würde die Waffenruhe beendet werden
       und „die Hölle losbrechen“.
       
       Die Maximalforderung Trumps mag eine harte Verhandlungsführung sein, doch
       der Einsatz ist enorm: Zerbricht die seit Mitte Januar gültige Waffenruhe,
       droht eine Fortsetzung des Krieges und damit des Leids im Gazastreifen.
       Diesmal aber unter den Vorzeichen einer Vertreibung der zwei Millionen
       palästinensischen Bewohner, wie es Trump und die israelische Führung seit
       Tagen vorschlagen.
       
       Die Hamas ruderte noch am Montagabend zurück und versicherte auf Telegram,
       die Türe für eine Freilassung am Samstag „bleibt offen“. Man habe den
       Vermittlern Zeit gegeben, Israel „zur Erfüllung seiner Verpflichtungen zu
       drängen“. Doch was werfen sich Israel und die Hamas überhaupt vor? Und
       wieso setzen beide Seiten die Waffenruhe gerade jetzt aufs Spiel?
       
       ## Vorwürfe von beiden Seiten
       
       Laut Hamas soll Israel die Rückkehr der Palästinenser in den Norden
       verzögert, weiterhin Menschen aus der Luft und durch Scharfschützen getötet
       und die Lieferung von Hilfsgütern in den Küstenstreifen verzögert haben.
       Israel hingegen wirft der Organisation vor, mehrfach Listen von Geiseln
       nicht rechtzeitig übermittelt zu haben und deren [2][Freilassung für
       Propaganda-Inszenierungen] zu missbrauchen. Zudem hat [3][der schlechte
       Gesundheitszustand] der am vergangenen Samstag freigelassenen drei
       männlichen Geiseln viele in Israel schockiert.
       
       Trotzdem hielt die Waffenruhe. So verzögerte die israelische Armee Ende
       Januar ihren [4][Rückzug aus dem Netzarim-Korridor] zwar, nachdem die Hamas
       entgegen der Vereinbarung die Zivilistin Arbel Yehud zurückgehalten und mit
       der Freilassung von Soldatinnen begonnen hatte. Doch 48 Stunden später zog
       sie sich zurück. Seitdem sind laut Angaben des UN-Nothilfebüros OCHA mehr
       als eine halbe Million Menschen in den Norden Gazas zurückgekehrt.
       
       Auch die Hilfslieferungen in den Küstenstreifen sind in den Wochen seit dem
       Inkrafttreten der Waffenruhe massiv gestiegen. Laut OCHA sinken die Preise
       für Nahrungsmittel merklich, liegen aber noch immer deutlich über
       Vorkriegsniveau. UN-Nothilfekoordinator Tom Fletcher gab am Sonntag
       Teilentwarnung: Die Gefahr einer Hungersnot sei gesunken, könne aber bei
       weiteren Kämpfen schnell zurückkehren.
       
       Mehrfach hat die Hamas die israelische Armee beschuldigt, trotz der
       Waffenruhe Menschen getötet zu haben. Die Vereinten Nationen meldeten in
       den vergangenen Wochen wiederholt erschossene Zivilisten. Die israelische
       Armee sprach in Stellungnahmen von „Warnschüssen“ oder „Schüssen zur
       Beseitigung von Bedrohungen“ auf Menschen, die sich Soldaten genähert
       hätten.
       
       ## Hamas ist noch da
       
       In Israel haben die Inszenierungen der Freilassung und zuletzt der Zustand
       der Geiseln für Empörung gesorgt. Teils wurden die Entführten in
       chaotischen Szenen durch Menschenansammlungen in Gaza geführt. Teils
       mussten sie sich in Propagandashows bei ihren Entführern bedanken. Die
       Präsenz der Hamas-Kämpfer in den Straßen ist für viele Israelis zudem ein
       Beweis, dass die Gruppe weiterhin eine Bedrohung darstellt.
       
       Bisher kamen 21 Geiseln frei, ebenso 566 palästinensische Gefangene. In
       Israel sind laut Umfragen rund 70 Prozent für eine Fortsetzung des Deals.
       Die Hamas verkauft das Abkommen ihrerseits als Sieg. Nun aber könnte die
       Vereinbarung zusammenbrechen. In israelischen Medien äußern Kommentatoren
       die Befürchtung, die Hamas halte die nächsten Geiseln zurück, weil sie in
       noch schlimmerem Zustand sein könnten als die drei Männer am Wochenende.
       
       Andererseits zögerte die israelische Regierung bereits zuvor mit der
       Fortsetzung der Gespräche zum vereinbarten Termin vergangene Woche: Bisher
       wurde lediglich eine Delegation ohne ein Mandat für Verhandlungen nach Doha
       entsandt. Die Hamas besteht auf einem endgültigen Ende der Kämpfe in der
       zweiten Phase. Netanjahu und mehrere seiner Minister lehnen das ab.
       
       Für die israelische Koalition, in der sich viele offen für eine Besetzung
       des Gazastreifens aussprechen, dürfte die vergangene Woche ohnehin die
       Vorzeichen verändert haben. Denn Trump beharrt trotz weltweiter Kritik auf
       dem Plan, die Bevölkerung des Gazastreifens ohne ein Recht auf Rückkehr zu
       vertreiben. Netanjahu begrüßte dieses Vorhaben am Montag vor dem
       israelischen Parlament und sprach von einer „revolutionären Vision“. In
       einem Interview mit dem US-Sender Fox News hatte er zuvor gesagt. „Wir
       werden diesen Job erledigen.“
       
       ## Keine Zurück
       
       Für die Hamasführung dürfte sich damit die Frage stellen: Wozu noch
       Gespräche über eine zweite Phase führen? Laut Netanjahu soll nach der
       ethnischen Säuberung des Gazastreifens eine Rückkehr „deradikalisierter“
       Palästinenser erlaubt sein. In Gaza dürfte dem niemand Glauben schenken:
       Die Mehrheit der Menschen dort sind Nachkommen von 1948 aus dem heutigen
       Israel Vertriebenen. Trump schloss eine Rückkehr zudem ganz aus.
       
       Der Hamas-Sprecher Hazem Qasem sagte dem saudi-arabischen TV-Sender al
       Hadath: „Wir sind offen für Ideen für eine neue palästinensische
       Regierungsform in Gaza, nicht aber für Deportationen.“
       
       11 Feb 2025
       
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       ## AUTOREN
       
   DIR Felix Wellisch
       
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