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       # taz.de -- Pädophilie und Protestantismus: Diskursgemeinschaft der Täter
       
       > Eine Studie erhellt die Verbindungen von Missbrauchstätern wie Gerold
       > Becker und Helmut Kentler zum deutschen Protestantismus.
       
   IMG Bild: Drängende Fragen der Zeit bearbeiten: Impression vom 21. Deutschen Evangelischen Kirchentag in Düsseldorf 1985
       
       Sie besetzten im Nachkriegsdeutschland Schlüsselstellen in Bildung,
       Wissenschaft und Kultur und führten als linksintellektuelles Establishment
       maßgeblich die Bildungsreform der 1960er Jahre an: Die sogenannte
       „protestantische Mafia“ bestand aus Männern wie Hellmut Becker, Ernst
       Heinrich von Weizsäcker und Georg Picht. Heute kennt man eher ihre Kinder,
       leibliche wie die Weizsäcker-Söhne Carl Friedrich und Richard, oder
       politische Ziehkinder wie der Bildungsexperte Hartmut von Hentig und dessen
       Lebensgefährten Gerold Becker. Becker (1936-2010), Leiter der
       Odenwaldschule, wurde um 2010 als Missbrauchstäter entlarvt, später auch
       der Hannoveraner Helmut Kentler (1928-2008), der den Missbrauch von Jungen
       zum pädagogischen Prinzip erhob.
       
       Sowohl Kentler als auch Becker waren in der Evangelischen Kirche und in der
       kirchlichen Jugendarbeit aktiv. Eine neue Untersuchung beleuchtet nun die
       Verantwortung des protestantischen Milieus: Uwe Kaminsky,
       Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Kirchengeschichte der
       Universität Greifswald, bildet in seiner Studie das langjährige Engagement
       von Becker, Hentig und Kentler im Rahmen des Deutschen Evangelischen
       Kirchentags ab. Kaminsky studierte neben Akten aus dem Evangelischen
       Zentralarchiv in Berlin unter anderem auch den Nachlass von [1][Gerold
       Becker] und dessen kirchliche Personalakten.
       
       Skizziert werden die Lebenswege dieser Schlüsselpersonen und ihre
       Einbettung in eine protestantische „Diskursgemeinschaft“, die ab den
       1960erJahren auf den von Laien getragenen Kirchentagen beträchtlichen
       Einfluss genoss: Man stritt über brennende Zeitfragen wie den kirchlichen
       Umgang mit Homosexuellen, die vom Tabu zunehmend zum Objekt
       paternalistischer Seelsorge wurden – gegen den erbitterten Widerstand
       evangelikal-konservativer Kräfte.
       
       Interessant ist, wie Uwe Kaminsky die diskursive Doppelstrategie Gerold
       Beckers herausarbeitet: Während der in Göttingen lehrende Pädagoge sich in
       Vorträgen und Gremien des Kirchentags moderat gab (seine intime Beziehung
       zu Hartmut von Hentig machte er nie öffentlich), offenbarte er in einem
       Brief an den fortschrittlich gesinnten Sexualwissenschaftler Willhart
       Schlegel seine Sichtweise auf Sexualität: Becker beklagt die
       gesellschaftliche und strafrechtliche Kriminalisierung von „Sexualspielen“
       zwischen Erwachsenen und Kindern, bei denen Kinder oft die „Anstifter“
       seien. Juristische Straflosigkeit hält er für wünschenswert, aber
       undurchsetzbar, und deutet an, dass ihm auch die damals aufkommende
       „Beat-Bewegung“ in der Befreiung der Sexualität nicht weit genug geht.
       
       Drei Jahre nach diesem Brief, den Kaminsky als „Schlüsseltext“ für Gerold
       Beckers pädosexuelle Neigung ansieht, wechselte dieser als Leiter an die
       hessische Odenwaldschule. Er hatte, überlegt der Autor, möglicherweise auch
       als Missbrauchstäter ein künftiges Betätigungsfeld vor Augen. Erst in den
       1990ern engagierte Becker sich wieder stärker beim Kirchentag und wurde
       sogar Präsidiumsmitglied, ebenso wie Hartmut von Hentig. Die von beiden in
       diversen Kirchentagsforen propagierten Erziehungsideale mit dem zentralen
       Verhältnis zwischen Meister und Schüler muten vor den später bekannt
       gewordenen Taten Beckers wie ein Menetekel an. Auch das ständig bemühte
       Argument der Überwindung von repressiver „schwarzer“ Pädagogik
       „relativierte nicht selten eigene Grenzüberschreitungen“, wie Kaminsky
       feststellt.
       
       Den Umgang des Kirchentags mit den Vorwürfen gegen Becker ab 1990
       kennzeichnet Kaminsky knapp mit mangelnder Wahrnehmung, wenn nicht gar
       Ignoranz. Bis zu Beckers Tod 2010 distanzierte sich bis auf einen
       Gesamtschulleiter aus dem Ruhrgebiet niemand aus den Gremien und dem Umfeld
       des Kirchentags deutlich von dem Missbrauchstäter, der in der kirchlichen
       „Bündischen Akademie“ weiter Vorträge hielt.
       
       Ein Bekannter vom Kirchentag bot dem unter Druck geratenen Gerold Becker
       seine Hilfe als Gerichtsgutachter an: [2][Helmut Kentler], der erstmals
       1979 als Vertreter der Arbeitsgemeinschaft „Homosexuelle und Kirche (HuK)“
       auf den Kirchentag in Nürnberg eingeladen wurde – wogegen Vertreter aus
       Bayern wegen seiner „perversen Thesen zur Sexualaufklärung“ scharf
       protestierten. Die Konservativen hatten, bei aller Undifferenziertheit
       ihrer Kritik, durchaus einen Punkt, meint Kaminsky. So fragte Gerhard
       Naujokat, Generalsekretär des Berliner „Weißen Kreuzes“: „Wann wird Kentler
       (….) Sexualität von Kindern und mit Kindern für harmlos und gleichwertig
       erklären (…)?“
       
       ## Das „Kentler-Experiment“ war bekannt
       
       Das hatte Kentler da allerdings bereits: In einem Interview für
       „Psychologie heute“ 1979, nachgedruckt im „HuK-Info“, leugnete der
       Sexualpädagoge, dass sexueller Missbrauch im Kindesalter Spätfolgen habe
       und verwies auf eigene Erfahrungen mit der Unterbringung von
       „hospitalismuskranken Jungen“ bei pädosexuellen Pflegevätern – damit ist
       der heute unter dem Begriff „Kentler-Experiment“ bekannte
       Pflegekinderskandal aus Westberlin gemeint. Dass Kentler vorsichtig genug
       war, pädophiliefreundliche Positionen nicht offensiv auf dem Kirchentag zu
       vertreten, dürfte ihm seine Mitwirkung als Vortragender bis mindestens 1993
       gesichert haben.
       
       Auch wenn der Evangelische Kirchentag bis heute nicht thematisiert hat,
       dass in seinem Präsidium Missbrauchstäter waren: Kaminsky sieht in ihm nur
       einen „Ermöglichungskontext“, aber kein aktives Vertuschungsnetzwerk. Und
       auch keine Beweise für ein Täternetzwerk quer durch die Republik, wie es
       Hildesheimer Forscher:innen in einem [3][Bericht über Helmut Kentler]
       skizzierten. Kaminsky stellt bilanzierend „Interesselosigkeit an einer
       Aufklärung“ fest, was angesichts der 2024 erschienenen
       EKD-Missbrauchsstudie ein Armutszeugnis ist für die sich gern dialogfähig
       gebenden prostestantischen Kreise.
       
       1 Feb 2025
       
       ## LINKS
       
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       ## AUTOREN
       
   DIR Nina Apin
       
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