# taz.de -- Polizeigewalt auf Zypern: Zyperns Polizei vertuscht Tötung von Pakistaner
> Laut ballistischem Test ist ein Pakistaner mit einer Polizeiwaffe getötet
> worden. Niemand wurde festgenommen oder suspendiert. Viele Fragen
> bleiben.
IMG Bild: Die zypriotische Polizei ist bekannt dafür, kriminelle Handlungen von Polizisten ungestraft zu lassen
Athen taz | Der Anblick war verstörend: Die halbnackte Leiche wurde am
Dreikönigstag auf einem offenen Parkplatz in Nikosia aufgefunden. Der
Gerichtsmediziner, der die Leiche untersuchte, schloss anfangs ein
Fremdverschulden aus. Und dies, obgleich die Leiche des 25-jährigen
Pakistaners ein Einschussloch im rechten Schulterblatt aufwies. Fünf Tage
später musste die zypriotische Polizei zugeben, dass ein Polizist den
Pakistaner erschossen hatte. Zuvor hatte die Polizei versucht, die Tötung
zu vertuschen.
Was war passiert? Polizeibeamte trafen am Dreikönigstag in der Region
Potamia vor den Toren Nikosias auf Männer in Autos, die sie für Schleuser
von Flüchtlingen und Migranten hielten. Die Beamten hätten nach eigener
Aussage geglaubt, dass diese auf der [1][faktisch geteilten Insel Zypern]
unbewachte Übergänge [2][vom Inselnorden in den Inselsüden] nutzten. Die
Beamten hätten versucht, sie daran zu hindern. Ein Auto sei plötzlich auf
sie zugefahren. Dies habe sie dazu gezwungen, zur Einschüchterung auf die
Reifen und in die Luft zu schießen. Die mutmaßlichen Schleuser entkamen mit
ihren Autos.
Einige Stunden später wurde der 25-jährige Pakistaner tot und halbnackt auf
einem als Parkplatz genutzten Feld in Nikosia weit entfernt vom Ort der
Schießerei gefunden. Der Gerichtsmediziner, der die Autopsie durchführte,
erklärte zunächst, es bestehe keinerlei Verdacht auf ein Verbrechen. Ein
Loch im Schulterblatt des Opfers sei auf eine zufällige Verletzung durch
einen kleinen Stein zurückzuführen, der in die Wunde eingedrungen sei.
Die Polizei führte keine weiteren Ermittlungen durch. Der Ort in Nikosia,
an dem die Leiche gefunden wurde, wurde nicht bewacht, um Beweise zu
sichern. Tests auf Spuren einer möglichen Beteiligung anderer Personen
wurden nicht durchgeführt. Den Fall bearbeitete eine örtliche
Polizeistation, nicht die Kriminalpolizei.
## Verbrechen von Polizisten bleiben in der Regel straflos
Nach vier Tagen wurde eine Autopsie durchgeführt. Derselbe
Gerichtsmediziner, der zunächst ein Verbrechen ausgeschlossen hatte, gab
bekannt, dass der Pakistaner durch eine Kugel gestorben sei. Eine
Verbindung zu der Schießerei an der Grenze zwischen dem [3][Inselnorden und
Inselsüden] wurde jedoch weiter tunlichst vermieden.
Doch die Nachrichtenseite Cyprus Times enthüllte, dass die Kugel im Körper
des Pakistaners vom Kaliber 9 mm war. Genau dieses Kaliber hat die von der
zypriotischen Polizei verwendete Munition. Die einzige Schießerei, in die
die Polizei verwickelt war, fand just an jenem Tag, an dem die Leiche
gefunden wurde, in Potamia statt. Ein daraufhin durchgeführter
ballistischer Test – an Tag fünf nach dem Leichenfund – ergab: Die Kugel,
die den 25-jährigen Pakistaner tötete, stammte aus der Waffe eines
Polizisten.
Bis dato ist in der Sache kein Polizist verhaftet oder vom Dienst
suspendiert worden. Mittlerweile kursiert der Verdacht, dass die Polizei
den Tathergang vertuscht. Unklarheit herrscht weiterhin darüber, wie die
Leiche vom Ort der Schießerei zu dem Ort gebracht wurde, an dem sie
gefunden wurde.
Die zypriotische Polizei ist bekannt dafür, kriminelle Handlungen von
Polizisten ungestraft zu lassen. Vor Kurzem wurde ein Wachtmeister
suspendiert, nachdem Europol die zypriotischen Behörden darauf hingewiesen
hatte, dass dieser nachweislich mit Personen des organisierten Verbrechens
zusammenarbeitet. Obgleich die Ermittlungen in diesem Fall noch andauern,
durfte der besagte Polizist wieder in den Dienst zurückkehren.
Ferner soll ein hochrangiger Polizist strafrechtlich relevante Handlungen
begangen haben. Doch die zypriotische Generalstaatsanwalt verhinderte seine
strafrechtliche Verfolgung mit dem Hinweis auf „Gründe des öffentlichen
Interesses“. Unterdessen ist der Beamte ein Kandidat für die Beförderung zu
Zyperns stellvertretendem Polizeipräsidenten.
13 Jan 2025
## LINKS
DIR [1] /50-Jahre-Zypern-Teilung/!6043102
DIR [2] /Eintritt-in-Verteidigungsbuendnis/!6054673
DIR [3] /Zyperns-Aussenminister-Kombos/!6023823
## AUTOREN
DIR Ferry Batzoglou
## TAGS
DIR Zypern
DIR Polizeigewalt
DIR Polizei
DIR Social-Auswahl
DIR Tödliche Polizeischüsse
DIR Tödliche Polizeischüsse
DIR Schwerpunkt Flucht
## ARTIKEL ZUM THEMA
DIR Polizeigewalt gegen Geflüchtete: An der Hamburger Hafenkante sitzt die Dienstwaffe locker
Anwohner*innen St. Paulis fürchten, dass es im Konflikt mit der Polizei
bald Tote gibt. Schwarze Menschen in psychischen Krisen seien bedroht.
DIR Prozess zu Polizeigewalt in Dortmund: Freisprüche für die Polizei im Fall Mouhamed Dramé
2022 töteten Polizisten den 16-Jährigen Dramé in Dortmund. Nun hat das
Gericht ein milderes Urteil gefällt, als es die Staatsanwaltschaft
gefordert hatte.
DIR Geflüchtet und gestrandet auf Zypern: In der Sackgasse
Muhammed kam aus Syrien nach Zypern. Im Lager wartet er auf Anerkennung als
Flüchtling. Doch Zypern ist nicht im Schengenraum. Mitteleuropa? Wohl
unerreichbar.