URI:
       # taz.de -- Katastrophenschutz in Berlin: Schlecht gewappnet für den Ernstfall
       
       > In Berlin sind von 37 Notanlaufstellen für den Katastrophenschutz gerade
       > mal 12 betriebsbereit. Ein Bezirk ist immerhin Vorreiter in Sachen
       > Vorsorge.
       
   IMG Bild: Warten auf die Hilfskräfte (die nicht kamen): Gescheiterte Katastrophenschutzübung in Lichtenberg im November 2024
       
       Berlin taz | Es war an einem Donnerstagnachmittag im Februar 2019, da fiel
       durch einen Kabelschaden in Köpenick der Strom aus. Nicht nur kurz, wie es
       ständig in Berlin vorkommt, sondern 31 Stunden – mit eindrücklichen Folgen
       für 31.000 Haushalte.
       
       Heizungen und Warmwasser funktionierten nicht mehr, der Handyempfang war
       weg, Bahnen fuhren nicht, Betriebe blieben dicht und Straßen dunkel,
       [1][Krankenhäuser schalteten die Notstromaggregate an]. Es sind solche und
       schlimmere Katastrophenszenarien, auf die sich Berlin – wie alle Kommunen –
       vorbereiten muss.
       
       Denn was gestern ein Kabelschaden war, könnte morgen ein Cyberangriff auf
       die kritische Infrastruktur sein, seit Jahren nehmen diese zu. Und nicht
       nur hier steigt die Gefahr: In der Klimakrise nehmen Dürre, Hochwasser und
       Hitze zu. Schon deshalb ist das Thema Katastrophenschutz nicht nur auf der
       bundes-, sondern auch auf der landespolitischen Agenda längst nach oben
       gerutscht.
       
       Theoretisch ist Berlin gut gewappnet. In den Bezirken sind insgesamt 37
       sogenannte Katastrophenschutz-Leuchttürme geplant. Hinter dem Namen
       verbergen sich Anlaufstellen, oft in Bezirksrathäusern, die für solche
       Fälle gewappnet sind. Hier gibt es Notstromaggregate, autarkes WLAN,
       Informationen, wo Notbrunnen zu finden sind und Hilfsorganisationen wie das
       Technische Hilfswerk oder die Feuerwehren erreicht werden können. 2019
       diente dazu ein Lkw, der vor dem dunklen Rathaus in Köpenick stand.
       
       ## Berlintypische Behördenstreitereien
       
       Das könnte auch zukünftig eine Lösung sein. Denn die Betonung liegt bei den
       für den Schutz zentralen Leuchttürmen vor allem auf „geplant“.
       Betriebsbereit sind von den 37 Leuchttürmen bislang nach Angaben der
       [2][Senatsinnenverwaltung] allerdings nur zwölf, und auch das konzentriert
       in einigen Bezirken. Der Grund: die üblichen Behördenstreitereien.
       
       Es fehlten „einheitliche Regelungen zur Begrifflichkeit und Kennzeichnung“,
       heißt es aus dem Bezirksamt von Charlottenburg-Wilmersdorf, wo bisher
       keiner der beiden geplanten Leuchtturm-Standorte als „betriebsbereit“ gilt.
       
       Gleiches gelte für ein „Organisationskonzept, das bezirksübergreifend
       einheitliche Aufgaben, Dienstleistungen, Personalressourcen, Ausstattung
       und Kommunikation“ sicherstellen soll. Es bleibt der Trost, dass die
       Voraussetzungen „im Laufe dieses Jahres“ erfüllt sein sollen, was nicht
       heißt, dass die Leuchttürme dann betriebsbereit sind.
       
       Das wäre nicht das einzige Problem in der Hauptstadt mit ihren fast vier
       Millionen Einwohnern im Falle einer Katastrophe. Wer durch die Stadt läuft,
       sieht sie immer mal wieder: [3][große grüne oder blaue Schwengelpumpen],
       mit denen Wasser hochgepumpt werden kann.
       
       Rund 2.100 gibt es davon, in heißen Sommern werden sie gern genutzt, um
       Stadtbäume zu wässern. Oder es spielen Kinder damit herum. Gedacht sind sie
       aber vor allem für den Notfall, sollte das Wassernetz aus irgendwelchen
       Gründen ausfallen, um die Bevölkerung zu versorgen.
       
       Nur funktionieren über 400 dieser Brunnen nicht – und das seit Jahren.
       Zudem dürften eher mehr kaputtgehen, als repariert werden. Zukünftig sollen
       die Brunnen an die Berliner Wasserbetriebe übergeben werden. Die wären dann
       zwar nicht für die Reparatur, aber immerhin für Wartung, Instandhaltung und
       Erprobung zuständig. Die Verhandlungen zur Übergabe laufen – „seit längerer
       Zeit“, wie das Bezirksamt Charlottenburg-Wilmersdorf mitteilt.
       
       ## Im Bund ist es auch nicht besser
       
       Die schlechte Vorbereitung auf Katastrophen ist keine Berliner
       Besonderheit. Auch im Bund sieht es nicht gut aus. Zwar wurde nach der
       Hochwasserkatastrophe im Ahrtal 2021 das Gekob eingerichtet, das
       „Gemeinsame Kompetenzzentrum Bevölkerungsschutz“.
       
       Aber das Ressourcenregister, dass das Gekob über die im Land verteilten
       Spezialressourcen – Fahrzeuge, Taucher, Hubschrauber – erstellen sollte,
       stehe auch vier Jahre nach dem Ahrtal noch nicht, sagt Christine Wilcken,
       Leiterin des Dezernats Brand- und Katastrophenschutz beim Deutschen
       Städtetag.
       
       Auch das Kritis-Dachgesetz, mit dem der Schutz kritischer Infrastruktur
       organisiert werden soll, steckt in der Gesetzgebung fest. Das
       Schutzraumkonzept, das der Bund erstellen will – wer wo in welchen Bunker
       oder Tiefgarage kann – ist ebenfalls nicht fertig.
       
       Nach Angaben des Bundes fehlen in vielen Orten noch Sirenen, die
       Nina-Warn-App haben gerade mal zwölf Millionen Personen in Deutschland auf
       ihren Smartphones installiert. Auch in Berlin sind bei Weitem nicht alle
       Sirenen einsatzbereit – und rund 150 fehlen noch.
       
       Nicht zuletzt haben viele Menschen noch nicht begriffen, dass
       Selbstvorsorge – Trinkwasser, Taschenlampen, Lebensmittel und Powerbank –
       essenziell sind. Es sei aber viel investiert und getan worden, listet das
       Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe auf Anfrage auf.
       Damit gebe es „einen sehr soliden Vorbereitungsstand, der jedoch in den
       kommenden Jahren noch ausgebaut werden muss“. Dann müssen sich nur auch die
       Katastrophen entsprechend Zeit lassen.
       
       ## Scheitern als Chance?
       
       Im Berliner Bezirk Lichtenberg scheiterte im November vergangenen Jahres
       eine Katastrophenschutzübung. Geübt werden sollte das Verhalten in einem
       Chemieunfallszenario mit Toten – doch die vielen eigens dafür engagierten
       Statistinnen und Statisten warteten teils stundenlang auf die
       Rettungskräfte. Die Übung wurde schließlich abgebrochen. Innensenatorin
       Iris Spranger (SPD) sagte später, in einem echten Notfall wären die
       Einsatzkräfte verfügbar gewesen.
       
       Eines der größten Probleme beim Katastrophenschutz ist der Personalmangel.
       Zwar sind bundesweit 1,7 Millionen Menschen in dafür relevanten
       Organisationen wie Freiwilligen Feuerwehren, Sanitätsdiensten oder THW
       ehrenamtlich aktiv.
       
       Aber viele sind doppelt engagiert – sowohl in der Feuerwehr, als auch im
       Sanitätsdienst. In großen Katastrophenlagen fehlen deswegen oft
       qualifizierte Helfer. Die vielen Spontanhelfer, die es immer wieder gibt,
       sind zwar wichtig, können aber zum Problem werden, weil sie Anleitung und
       Betreuung brauchen.
       
       In Lichtenberg – wo immerhin alle Katastrophen-Leuchttürme einsatzbereit
       sind – hat man deswegen eine Idee entwickelt: Freiwillige können eine
       Basisschulung durchlaufen und dann im Ernstfall die Profis entlasten. Der
       misslungenen Übung im November zum Trotz: Lichtenberg ist in Sachen
       Katastrophenschutz letztlich durchaus Vorreiter.
       
       ## Volle Kurse
       
       Auch Felix Paul hat 2024 den Kurs „Zertifizierte ehrenamtliche
       Unterstützungskraft im Bevölkerungsschutz“ (ZEUS) durchlaufen. „In dem
       Crashkurs an zwei Wochenenden ging es zum Beispiel darum,
       Notfalltreffpunkte aufzustellen: autarkes WLAN einrichten, Zelte aufbauen,
       Heizung, Meldungen aufnehmen, zeigen, wo Notbrunnen sind oder auch die
       direkte Basisversorgung mit Wasser. Wir haben auch alle einen
       Erste-Hilfe-Kurs gemacht“, berichtet der 36-jährige Wirtschaftsjurist.
       
       Paul sagt, er wolle nicht hilflos sein in einer Zeit, in der man mit allem
       rechnen müsse. An seinem Kurs haben 50 Leute teilgenommen, darunter
       Sozialarbeiter, Ärztinnen, IT-Spezialisten und Handwerkerinnen. Der Jüngste
       war 19, die Älteste 76 Jahre alt. Der nächste Kurs im März ist schon voll,
       weitere sind geplant. Voraussetzung für die Teilnahme: 18 Jahre alt sein
       und ein sauberes Führungszeugnis.
       
       ZEUS sei ein tolles Projekt, findet Paul: „Das ist ein gutes Gefühl, und es
       passt, dass das Projekt überschaubar ist und keinen regelmäßigen Einsatz
       braucht.“ Es wäre mit seinem Beruf sonst auch schwieriger zu vereinbaren.
       Sie hätten auch gelernt, wie wichtig Selbstvorsorge ist. „Ich habe seitdem
       selber einen Notvorrat an Wasser, Lebensmitteln und Medikamenten zu Hause.“
       
       Alarmiert wird Paul durch eine spezielle App, die Divera-App. „Da kann man
       als Status angeben, ob man grundsätzlich verfügbar ist. Man kann auch
       konkrete Einsätze ablehnen. Ich habe mich bisher erst einmal als nicht
       verfügbar gemeldet, weil ich auf Reisen war. Man kann auch spezielle
       Fähigkeiten angeben, wie Sprachkenntnisse oder Führerschein.“ Zu Hause hat
       er bereits eine Tasche für den Einsatz, mit Erste-Hilfe-Material,
       Powerbank, Leatherman und Taschenlampe.
       
       ## Modell für andere Regionen
       
       Am Einsatzort, den die App ihm nennt, bekommt Paul eine graue, nummerierte
       Weste, die ihn als ZEUS-Mitglied ausweist. In den kommenden Jahren soll es
       immer mal wieder eine Auffrischung geben, und für die Teampflege gab es
       sogar schon Ausflüge – zuletzt in die Berliner Bunker- und
       Schutzbautenwelt.
       
       Das Projekt könnte zum Modell für andere werden. Man habe Anfragen aus
       Hamburg, Bayern, Baden-Württemberg und Bremen, berichtet Lichtenbergs
       Bezirksbürgermeister Martin Schaefer (CDU).
       
       Notfalls können allerdings er und alle anderen Bürgermeister noch auf eine
       sehr große Reserve zurückgreifen: Die Katastrophenschutzgesetze sehen vor,
       dass jeder und jede über 18 Jahre verpflichtet werden kann, mit anzupacken,
       und dafür gegebenenfalls auch Eigentum – ob Auto oder Haus – zur Verfügung
       stellen muss.
       
       17 Jan 2025
       
       ## LINKS
       
   DIR [1] /Blackout-in-Koepenick/!5572864
   DIR [2] https://www.berlin.de/katastrophenschutz/warnung-und-information/anlaufstellen-fuer-die-bevoelkerung/
   DIR [3] /SPD-Mitglieder-zum-Koalitionsvertrag/!5928183
       
       ## AUTOREN
       
   DIR Maike Rademaker
       
       ## TAGS
       
   DIR Klima
   DIR Katastrophenschutz
   DIR Berlin-Lichtenberg
   DIR Stromausfall
   DIR Spanien
   DIR Sabotage
   DIR Katastrophenschutz
   DIR Köpenick
   DIR Stromausfall
       
       ## ARTIKEL ZUM THEMA
       
   DIR Keine Bahn, kein Netz, Verkehrschaos: Massiver Stromausfall in Spanien, Portugal und Frankreich
       
       Weite Teile der iberischen Halbinsel waren am Montag stundenlang ohne Strom
       oder sind es noch. Die Ursache ist bisher ungeklärt.
       
   DIR Mutmaßliche Sabotage durch Russland: Kreml macht auf Klimastörer
       
       Sie verklebten Auspuffrohre und Habeck-Sticker: Vier Männer sollen in
       russischem Auftrag in den Wahlkampf eingegriffen haben.
       
   DIR Pilotprojekt von Bund und Ländern: Erster Bevölkerungsschutztag im Juni
       
       Wie im Ernstfall reagieren? Bund und Länder wollen die Bevölkerung mit
       einer regelmäßigen Aktion besser auf Katastrophen einstellen.
       
   DIR Blackout in Köpenick: Nicht bloß Kerzenschein-Romantik
       
       Der Stromausfall in Köpenick wirft ernste Fragen auf. Ein Wochenkommentar.
       
   DIR Stromausfall bei über 30.000 Haushalten: Zappenduster in Berlin-Köpenick
       
       Wegen eines beschädigten Kabels fiel in Berlin-Köpenick am Dienstag der
       Strom aus. Kitas und Schulen bleiben am Mittwoch geschlossen.