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       # taz.de -- Fragen und Antworten zur Kernkraft: Atomkraft? Wie bitte?
       
       > Die Union will abgeschaltete Atomkraftwerke einfach wieder anknipsen.
       > Warum sich das leicht sagen, aber kaum umsetzen lässt.
       
   IMG Bild: Kühltürme des stillgelegten Atomkraftwerks Philippsburg fallen nach der Sprengung im Mai 2020 zusammen
       
       Worum geht es? 
       
       Aus der derzeitigen Opposition im Bundestag werden Stimmen laut, die das
       Abschalten der letzten drei deutschen Atomkraftwerke im April 2023 als
       „eine ideologisch motivierte Fehlentscheidung“ bezeichnen. So steht es zum
       Beispiel [1][in der „Neuen Energie-Agenda für Deutschland“], einem
       Diskussionsentwurf der CDU/CSU-Fraktion. Die Union strebt nun
       „schnellstmöglich eine fachliche Bestandsaufnahme“ an, um zu ermitteln, „ob
       angesichts des jeweiligen Rückbau-Stadiums eine Wiederaufnahme des Betriebs
       der zuletzt abgeschalteten Kernkraftwerke unter vertretbarem technischem
       und finanziellem Aufwand noch möglich ist“. Die Kernkraft soll der Union
       zufolge helfen, Deutschland zum „klimaneutralen Industrieland“ zu machen.
       
       Stehen die abgeschalteten Atomkraftwerke noch? 
       
       Isar 2 nahe Landshut in Niederbayern zählt zu den drei im April 2023
       stillgelegten Reaktoren. Während der bayerische Ministerpräsident Markus
       Söder (CSU) [2][wiederholt erklärte, das Atomkraftwerk wieder in Betrieb
       nehmen zu wollen], teilt die Betreiberfirma PreussenElektra (PEL) auf
       Anfrage mit, an dem Standort sei „im ersten Rückbaujahr mehr geschehen als
       in jeder anderen PEL-Anlage zuvor“.
       
       Am Block 2 in Neckarwestheim wurde laut Betreiber EnBW im Sommer 2024 mit
       den ersten größeren Rückbaumaßnahmen begonnen. Ziemlich am Anfang des
       Prozesses steht noch der Reaktor Emsland von RWE. Auch die schon früher
       abgeschalteten Atomkraftwerke werden demontiert. So ist das PEL-Kraftwerk
       Grohnde in Niedersachsen seit Januar 2024 im Rückbau. Im RWE-Reaktor
       Gundremmingen C in Bayern wurde der innere Teil des Kühlturms abgebaut,
       auch die Generatoren wurden schon demontiert. Im baden-württembergischen
       Philippsburg sprengte EnBW bereits im Mai 2020 die beiden Kühltürme. Am
       wenigsten passiert ist bisher im PEL-Kraftwerk Brokdorf,
       Schleswig-Holstein, wo erst im Dezember der Rückbau begann.
       
       Könnte man einzelne Reaktorblöcke wieder anschalten? 
       
       „Rein technisch“, sagt Sven Dokter, Sprecher der Gesellschaft für Anlagen-
       und Reaktorsicherheit (GRS), sei eine Wiederinbetriebnahme zwar möglich,
       doch sei ein solcher Schritt „je nach Fortschritt des Rückbaus zeitlich und
       finanziell sehr aufwendig“. Da bei jedem Reaktor der Rückbau der
       Komponenten einem individuellen Ablaufplan folgt, brächte die
       Rückabwicklung des Rückbaus je nach Anlage sehr unterschiedliche
       Herausforderungen.
       
       Ein Problem könnte zum Beispiel darin bestehen, dass neue technische
       Komponenten an Orten eingebaut werden müssten, an denen – anders als bei
       einem Neubau – durch den langjährigen Betrieb hohe Strahlung herrscht. Das
       ginge an manchen Stellen nur mit ferngesteuerten Robotern, was die Kosten
       erheblich treiben dürfte. Es gibt für ein Kernkraftwerk auch ein
       definitives Ende: Spätestens, wenn die Zerlegung des Reaktordruckbehälters
       begonnen hat, ist es unwiderruflich vorbei mit der betreffenden Anlage.
       Einen neuen Reaktordruckbehälter, der bei Neubauten stets im Rohbau
       platziert wird, wird man nämlich nicht mehr in eine bestehende
       Kraftwerksanlage einbauen können.
       
       Was passiert, falls die nächste Regierung den Weiterbetrieb zulässt? 
       
       Durch diesen Schritt alleine wohl gar nichts. Es gilt als ausgeschlossen,
       dass einer der drei Betreiber von sich aus das unternehmerische Risiko
       eingehen würde, den Rückbauprozess umzukehren. Denn es wäre auch bei einer
       atomkraftfreundlichen Regierung die Unsicherheit zu groß, dass nach wenigen
       Jahren das Pendel doch wieder in die andere Richtung ausschlägt. Solche
       Risiken will kein Unternehmen tragen, das langfristige Investitionen
       tätigt.
       
       Was sagen die Unternehmen? 
       
       Auf die Anfrage, welche Auswirkungen eine angenommene Änderung des
       Atomgesetzes auf den Rückbau der eigenen Anlagen hätte, teilt
       PreussenElektra mit, man beschäftige sich nicht „mit derartigen
       Gedankenspielen“: „Wir fokussieren uns ausschließlich darauf, unsere
       Kraftwerke gemäß den gesetzlichen Vorgaben schnell und sicher
       zurückzubauen.“ Auch die beiden anderen Konzerne haben sich in den letzten
       Wochen öffentlich von solchen Gedanken distanziert.
       
       Der RWE-Vorstandsvorsitzende Markus Krebber wurde im Handelsblatt mit den
       Worten zitiert: „Wir sind hierzulande über den Punkt hinaus, an dem wir
       abgeschaltete Atomkraftwerke wieder zurück ans Netz bringen sollten.“
       EnBW-Kernkraftchef Jörg Michels sagte vor wenigen Wochen: „Der
       Rückbaustatus unserer fünf Kernkraftwerke ist praktisch gesehen
       irreversibel.“ Ein EnBW-Sprecher ergänzte nun auf Anfrage: „Eine
       hypothetische Änderung des Atomgesetzes hätte keinen Einfluss auf den
       Rückbau der EnBW-Kernkraftwerke.“
       
       Rechnet sich eine Reaktivierung? 
       
       Nein – es sei denn, der Staat würde Kosten übernehmen und auch alle
       finanziellen Risiken der Betreiber absichern. Das aber ist kaum
       realistisch, zumal diese Garantien sehr umfassend sein müssten, weil auch
       von den künftigen Strommärkten finanzielle Risiken für den Betrieb von
       Atomkraftwerken ausgehen. Es wird immer mehr Stunden geben, in denen wegen
       der Photovoltaik oder der Windkraft die Strompreise im Großhandel bei null
       oder darunter liegen. Deshalb dürften flexible Kraftwerke, die kurzfristig
       je nach Bedarf einspringen können, künftig wirtschaftlich im Vorteil sein
       gegenüber Grundlastkraftwerken, die auf den Dauerbetrieb ausgelegt sind.
       
       Wie lange würde es dauern, alte Reaktoren wieder herzurichten? 
       
       Unklar, aber in jedem Fall viele Jahre. Denn sobald der Rückbau begonnen
       hat, ist für die betreffende Anlage die Betriebsgenehmigung erloschen und
       kann nicht wieder in Kraft gesetzt werden. Die Genehmigung müsste also neu
       beantragt werden, wobei Klagen wahrscheinlich sind. Damit würden aber die
       Firmen, wie auch die Genehmigungsbehörden juristisches Neuland betreten.
       
       Wahrscheinlich ist, dass dann Grundsatzfragen das Genehmigungsverfahren zu
       einem extrem langwierigen Prozess machen würden. Schon alleine die Frage,
       an welchen Stellen des Verfahrens man das aktuelle Regelwerk heranzieht und
       wo vielleicht noch Regelungen aus der Bauzeit angewandt werden können,
       dürfte zu erheblichen Rechtsunsicherheiten führen. Zumal es auch
       international keinen Fall gibt, bei dem ein bereits im Rückbau befindlicher
       Reaktor nochmal zurück ans Netz gebracht wurde.
       
       Was ist an den alten Standorten geplant? 
       
       Bekannt wurden vor allem zwei Projekte: In Brokdorf prüft PreussenElektra
       gemeinsam mit Eon die Errichtung eines großen Batteriespeichers. Er soll
       nach aktuellen Plänen in zwei Stufen auf bis zu 800 Megawatt Leistung und
       mit einer Speicherkapazität von 1.600 Megawattstunden ausgebaut werden. Er
       wäre damit nach Angaben von PEL der bislang größte Batteriespeicher in der
       EU. „Unter Berücksichtigung aller Interessen und der bestehenden
       Infrastruktur vor Ort ist ein Batteriespeicher derzeit die nachhaltigste
       Weiterentwicklung des Areals“, sagt das Unternehmen.
       
       Unterdessen hat der Übertragungsnetzbetreiber TransnetBW auf dem Gelände
       des früheren AKW Philippsburg [3][mit dem Bau einer Station für die
       Übertragungsleitung Ultranet begonnen]. Sie soll künftig 2.000 Megawatt aus
       Nordrhein-Westfalen nach Baden-Württemberg bringen. Eine solche
       Konverterstation für ein Hochspannungsgleichstromübertragungskabel benötigt
       eine Fläche von 100.000 Quadratmetern. Um für dieses Projekt zügig Platz zu
       schaffen, hatte EnBW bald nach Abschaltung des zweiten Blocks die Kühltürme
       gesprengt.
       
       10 Jan 2025
       
       ## LINKS
       
   DIR [1] https://www.cducsu.de/sites/default/files/2024-11/241104_Diskussionspapier_Energie_0.pdf
   DIR [2] https://www.mdr.de/nachrichten/deutschland/politik/soeder-akw-isar-bayern-atomkraft-weiterbetrieb-100.html
   DIR [3] /Atomkraftwerk-Philippsburg-stillgelegt/!5648972
       
       ## AUTOREN
       
   DIR Bernward Janzing
       
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