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       # taz.de -- Karl-Marx-Experte über Außenpolitik: „Dann ist es eben nur ein halber Marx“
       
       > Ein Gespräch mit dem Marx-Experten Timm Graßmann, der über Marx’
       > kritische Sicht auf das autokratische Russland ein Buch geschrieben hat.
       
   IMG Bild: Der Rauschebart-Theoretiker von Klasse, Krise, Kapital: Karl Marx (1818 – 1883)
       
       taz: Herr Graßmann, was hatte Karl Marx gegen Moskau? 
       
       Timm Graßmann: Marx sah in der Geschichte der russischen Politik zwei
       Konstanten, nämlich Autokratie und eine Außenpolitik der systematischen
       Übergriffe, die man als imperialistisch oder expansionistisch bezeichnen
       könnte – Territorien erobern als Ausdruck nationaler Größe, womit immer
       auch die Zerstörung schon bestehender politischer Einheiten einhergeht. Ein
       Moment, das diese beiden Konstanten verbindet, ist, dass Russland
       Demokratien oder Republiken auslöscht und damit versucht, diesen
       Freiheitsgeist, der irgendwo außerhalb Russlands der Flasche entwichen ist,
       wieder da hineinzubekommen – um so zu verhindern, dass er jemals in
       Russland auftaucht. In einer Rede auf einem Londoner Polenkongress 1867,
       einer Solidaritätsveranstaltung mit dem damals geteilten Polen, sagte Marx
       deshalb wortwörtlich, Europa habe nur eine Wahl: Polen wiederherstellen
       oder Barbarei.
       
       taz: Sie schreiben in Ihrem Buch ausführlich über Marx’ Einsatz für Polen.
       Wieso hat er sich so sehr für Polen interessiert? 
       
       Graßmann: Er agitierte eigentlich sein Leben lang für die Wiederherstellung
       eines unabhängigen polnischen Staates. Polen-Litauen als politisch eher
       fortgeschrittenes Land mit moderner Verfassung und einer gewissen
       Gewaltenteilung war ab 1772 unter drei Autokratien – Russland, Preußen und
       Österreich – aufgeteilt worden. Spätestens seit dem Polnischen Aufstand von
       1830 herrschte in der westeuropäischen Öffentlichkeit die sogenannte
       Polenbegeisterung. Zu der Zeit, als Marx mit Engels das „Manifest der
       Kommunistischen Partei“ schrieb, nahm er erstmals an Polenkongressen teil.
       Spätestens nachdem die Revolution von 1848/49 scheiterte, engagierte er
       sich auf dem Gebiet noch stärker, weil er in Polen auch ein effektives
       Mittel erkannte, um Russland einzuhegen.
       
       taz: Da bieten sich die Parallelen zur heutigen Situation natürlich an.
       Putin fürchtete sehr, die Orangene Revolution und später der Maidan könnten
       aus der Ukraine auch nach Russland kommen. Es ist erstaunlich, dass viele
       Linke diesen Imperialismus Russlands einerseits kleinreden und andererseits
       keinerlei Solidarität mit der angegriffenen Ukraine zeigen. 
       
       Graßmann: Schon zu Marx’ Zeiten konnte die Mehrheit der Sozialisten nicht
       einsehen, warum sie sich für die polnische Unabhängigkeit einsetzen sollte.
       Es ist interessant, dass Michail Bakunin, ein Zeitgenosse von Marx, nicht
       in Russland, sondern in Deutschland, das sich damals gerade erst vereinigt
       hatte, die größte Bedrohung für Europa sah. Die Deutschen vereinen „Bildung
       mit Barbarei“ ist so eine Phrase bei Bakunin. Deswegen dachte er, die
       slawischen Völker müssen gegen Deutschland zusammenhalten. Bakunin ging
       sogar so weit zu sagen, eigentlich könne ein Zar an der Spitze dieses
       panslawischen Projekts stehen, damit Polen nicht in den deutschen Orbit
       hineinfällt. Das ist in etwa die Position der Zeitschrift konkret heute.
       Die denken auch, eine Art deutsches Wesen sei das Problem, die EU daher so
       etwas wie das „Vierte Reich“ und Putin in der Rolle des Antifaschisten. Und
       wenn jemand freiwillig beim „Vierten Reich“ mitmachen will, wie die
       Ukrainer, können das ja nur Nazis sein.
       
       taz: Abenteuerlich, dass man in Putin einen Antifaschisten erkennen kann. 
       
       Graßmann: Nicht wenige denken ja wirklich so: Putin hat das Kapital so halb
       im Griff, also ist das schon mal einen Schritt näher am Sozialismus. Aber
       das wäre so gar nicht Marx’ Denkweise. Sie verkennen, dass so ein Land wie
       die Ukraine mit der Staatsform alleine schon eine fortschrittlichere Sache
       ist als Russland. Bei vielen Linken heute beobachtet man eine ontologische
       Ablehnung „des Westens“. Aber die gibt es bei Marx nicht, weil er in der
       bürgerlichen Gesellschaft auch ein fortschrittliches Moment erkannte. Die
       Bourgeoisie hat den alten Absolutismus gebrochen.
       
       taz: Ist das grundlegende Problem also, dass viele Linke ihren Marx
       schlecht lesen? 
       
       Graßmann: „Marxistisch“ zu sein bedeutet heute bestenfalls wahrscheinlich,
       das „Kapital“ rauf und runter zu lesen. [1][Marx, das ist der große Ökonom,
       der Theoretiker von Klasse, Krise, Kapital.] Aber Marx als politischer
       Theoretiker wird so nicht ernst genommen – dass er zum Beispiel auch ein
       großer Analytiker und Gegner von autoritären Staatsformen war und
       Demokratie, die er politische Emanzipation nennt, verteidigte, das wird
       gerne ignoriert. Symptomatisch ist, dass die 140-seitige Artikelserie, die
       Marx dem Ursprung der russischen Autokratie widmete, absichtlich nicht in
       die vom sowjetischen Moskau abhängige Ausgabe der Marx-Engels-Werke (MEW)
       aufgenommen wurde. Aber dann ist es eben nur ein halber, ein amputierter
       Marx. Ich arbeite jeden Tag mit Marx-Texten und wusste schon immer, dass
       Russland und Polen für Marx irgendwie wichtig waren, aber auch ich konnte
       lange nicht richtig verstehen, was eigentlich dahintersteckt. Die russische
       Großinvasion vom 24. Februar 2022, die mich erschüttert hat und bis heute
       in Atem hält, war dahingehend augenöffnend.
       
       taz: Wieso wird denn der politische Marx von den Marxisten ignoriert? 
       
       Graßmann: Nun, Marx steht in seiner politischen Theorie quer zu dem, was
       viele Linke spontan annehmen. Da kommt es zum Kurzschluss: Wir studieren
       das „Kapital“, also ist der Hauptfeind in der Welt die führende
       kapitalistische Macht, die USA. Aber man darf nicht vergessen, dass es all
       diese reaktionären, autoritären Kräfte in der Welt gibt. Und Marx’
       außenpolitisches Primat war es gewesen, gegen sie vorzugehen.
       
       taz: Sie haben erklärt, wieso Polen so interessant für Marx war. Was
       schrieb er zur Ukraine? 
       
       Graßmann: Er betonte, dass Kyjiw und Moskau niemals zusammengehörten, und
       schrieb über die Kosaken-Republik, eine ukrainische Staatsform im 17.
       Jahrhundert, die demokratische Züge trug und dann von Moskau zerstört
       wurde. Marx sah in der Ukraine neben Polen ein weiteres Subjekt mit einer
       eigenständigen demokratischen Tradition. Auch [2][für Engels] stand außer
       Frage, dass die Ukraine eine Nation und Ukrainisch eine eigenständige
       Sprache waren. Er vertrat zunächst diese merkwürdige Idee der historischen
       und geschichtslosen Völker. Am Ende seines Lebens schrieb er dennoch, dass
       allein die Ukraine über ihr Los entscheiden dürfe.
       
       taz: In Ihrem Buch gibt es ein Foto von Marx mit seiner Tochter Jenny. Sie
       trägt ein riesiges Kruzifix um den Hals. Das ist schon merkwürdig, Marx war
       ja Religionskritiker. 
       
       Graßmann: Das ist ein polnisches Insurrektionskreuz, ein Symbol der
       Solidarität mit der polnischen Unabhängigkeitsbewegung. Klar, Marx war kein
       Freund von Religion, aber im politischen Kampf konnte er durchaus
       pragmatisch sein und über Nebensächlichkeiten hinwegsehen. Heute hängen
       sich viele Linke im Westen an sekundären Sachen auf, dass die Ukraine kein
       perfektes Land ist – Stichwort Korruption. Doch als der französische
       Bonapartismus 1870 Preußen den Krieg erklärte, verhielten sich Marx und
       Engels in diesem vermeintlichen Großmachtkonflikt nicht neutral, sondern
       stellten sich zunächst auf die Seite des deutschen „Vertheidigungskriegs
       wider bonapartistischen Angriff“. Engels schien es unmöglich, dass die
       Sozialdemokratische Arbeiterpartei in einem solchen „Krieg um die nationale
       Existenz“ „die totale Abstention predigen und allerhand Nebenrücksichten
       über die Hauptrücksicht setzen“ könnte.
       
       taz: Kann man denn wirklich Parallelen zwischen Marx’ Zeiten und heute
       ziehen? 
       
       Graßmann: Die analytische Schärfe, mit der Marx die Dreierkonstellation
       Russland-Westen-Osteuropa fasst, finde ich unübertroffen. Auch hat es in
       der Sowjetunion, die beileibe nicht das sozialistische Paradies auf Erden
       war, keinen konsequenten Bruch mit der imperialen Politik gegeben. Aber
       natürlich würde ich nie sagen, bei Marx findet man schon alles, was man
       braucht. Der geopolitische Kontext ist wegen China heute ein anderer. Man
       muss das aktuelle Material kritisch durcharbeiten und etwa die Geschichte
       des westlichen Verrats der Ukraine seit 1991 schreiben.
       
       11 Jan 2025
       
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   DIR Yelizaveta Landenberger
       
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