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       # taz.de -- Freizeitpark Tropical Islands: Urlaub daheim unter Palmen
       
       > Für ein Gefühl von Tropen muss es nicht Bali sein, es reicht Brandenburg.
       > Eine Fantasiewelt in einer riesigen Halle verspricht Tropical Islands.
       
   IMG Bild: Badespaß mit Flamingos: Tropical Islands
       
       Schon von Weitem sieht man die gewaltige Kuppel, die sich zwischen Feldern
       und Waldflächen mehr als hundert Meter in die Höhe reckt. In dieser, der
       größten freitragenden Halle der Welt, um die 60 Kilometer von Berlin
       entfernt im brandenburgischen Landkreis Dahme-Spreewald gelegen, befindet
       sich Tropical Islands. Der größte Indoor-Wasserpark der Welt.
       
       Nähert man sich dem Riesengebäude, muss man automatisch an eine Raumstation
       wie aus einem Science-Fiction-Film denken. Nur, dass diese nicht auf einem
       unwirtlichen Planeten wie dem Mars errichtet wurde, sondern mitten in einem
       ziemlich irdischen Naturschutzgebiet.
       
       Die Gebäude in der unmittelbaren Umgebung gehören allesamt mit zur eigenen
       Infrastruktur von Tropical Islands, wozu eine eigene Wäscherei, Büros für
       die Verwaltung, zwei mit Gas betriebene Blockheizkraftwerke und
       Ferienhäuser zählen. Um die 550 feste Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen
       beschäftigt die Destination, sagt der Pressesprecher des Unternehmens. Das
       sei damit einer der größten Arbeitgeber im südlichen Brandenburg.
       
       Reist man mit der Bahn zum Tropical Islands, landet man an einer recht
       trostlosen Station mitten im Nirgendwo. Man blickt auf ein paar Häuser des
       Dörfchens Brand, vor allem aber auf viel Wald. Und weil man den Busshuttle
       verpasst hat, macht man sich eben zu Fuß auf den Weg in Richtung Krausnick,
       einem Ortsteil der Gemeinde Krausnick-Groß Wasserburg, zu dem der
       Wasserpark gehört, auch wenn er mehr als sieben Kilometer von dem entfernt
       liegt. Zu Fuß ist hier sonst niemand unterwegs. Wenn man dann vor der
       Anlage steht, wird angesichts der riesigen Parkplatzflächen auch schnell
       klar, dass das mehrheitlich bevorzugte Transportmittel für Besucher und
       Besucherinnen des Wasserparks ganz sicherlich das Auto ist.
       
       Dass das Tropical Islands einmal seinen zwanzigsten Geburtstag feiern würde
       – wie nun tatsächlich Ende 2024 –, hätten in den ersten Jahren der
       Touristenattraktion viele seiner Kritiker nicht geglaubt. Zu bizarr klang
       die Idee eines Unternehmers aus Malaysia, einen touristischen Themenpark in
       XXL-Dimensionen mitten in eine eher strukturschwache Region zu pflanzen.
       
       Und in den ersten Jahren kamen auch tatsächlich nicht annähernd genügend
       Gäste, um profitabel wirtschaften zu können. Doch etwa ab 2010, mit dem
       weiteren Ausbau von Übernachtungsmöglichkeiten – sogar im Inneren der Halle
       kann man übernachten –, habe man die Gewinnzone erreicht, so der Sprecher
       des Unternehmens. Das bisher beste Jahr sei 2019 gewesen, kurz vor der
       Coronapandemie, mit über 1,2 Millionen Besuchern. Vergangenen Frühling
       wurde zudem ein Hotel eröffnet, verbunden mit der Hoffnung, so die Zahlen
       weiter steigern zu können. Bereits jetzt kämen viele der Besucher und
       Besucherinnen auch von weiter weg angereist, nicht nur aus Polen und
       Tschechien, sondern auch aus Dänemark, den Niederlanden und Schweden, so
       der Sprecher. Menschen aus ganz Europa, die nicht bloß einen Tagesausflug,
       sondern einen richtigen Urlaub im brandenburgischen Tropen-Resort
       verbringen wollen, sollen so noch stärker angesprochen werden. 1,3 bis 1,4
       Millionen jährliche Besucher und Besucherinnen seien das nächste
       unternehmerische Ziel.
       
       ## Vermeintliche Schnapsidee
       
       Das klingt so, als sei im wirtschaftliche Sinne aus einer vermeintlichen
       Schnapsidee doch noch eine wundersame Erfolgsgeschichte geworden. Die wirkt
       noch schillernder, wenn man bedenkt, dass die Halle, die nicht nur gewaltig
       hoch, sondern auch sagenhafte 360 Meter lang und 210 Meter breit ist,
       ursprünglich für einen ganz anderen Zweck gebaut wurde. Auf dem Gelände,
       [1][einem ehemaligen Flugplatz], der von den Nazis als Fliegerhorst und in
       der DDR-Zeit als Militärflughafen genutzt wurde, hätten eigentlich seit den
       Nullerjahren keine tropischen Temperaturen erzeugt, sondern Luftschiffe
       gebaut werden sollen. Das heutige Tropical Islands war ursprünglich als
       [2][Cargolifter-Werkhalle] geplant. Doch der Plan mit den Luftschiffen
       stellte sich als wirtschaftlich unrentabel heraus, woraufhin die Vision mit
       dem Indoor-Tropen-Ressort erst ins Spiel kam. Inzwischen glauben auch
       Investoren wie die spanische Unternehmensgruppe Parques Reunidos, die
       weltweit 60 Freizeitparks betreibt und zu der seit 2019 auch das Tropical
       Islands gehört, an diese.
       
       Außer an Heiligabend ist der Wasserpark jeden Tag im Jahr geöffnet. Rund um
       die Uhr. Um einen Eindruck zu bekommen, was die nach Angaben des
       Unternehmenssprechers durchschnittlich 3.200 Besucher und Besucherinnen
       jeden Tag hierher treibt, begibt man sich eben selbst „zwischen den Jahren“
       zu diesem. Draußen ist es klirrend kalt, in der Kuppel sorgen stabile 26
       Grad in der Luft und 28 Grad Wassertemperatur dagegen für ein perfektes
       Badehose- und Bikiniklima.
       
       Das klingt verlockend genug, um anzunehmen, dass im Moment
       Tropical-Islands-Hochsaison ist und nicht etwa im Sommer. So ist es aber
       nicht, was den Sprecher des Tropical Islands selbst ein wenig verwundert,
       wie er sagt. Vor allem während der Sommerferien, der klassischen
       Urlaubszeit, sei auch hier am meisten los. Bis zu 6.500 Besucher und
       Besucherinnen würden da schon mal an einem Tag kommen, womit die
       Auslastungsgrenze erreicht wäre.
       
       An Silvester immerhin ist der Park schon Tage vorher komplett ausgebucht.
       Die Besucher und Besucherinnen, die an diesem Tag kämen, so der Sprecher,
       würden dabei bewusst keine besondere Party unter der Kuppel erwarten,
       sondern im Gegenteil vor den üblichen Silvesterritualen flüchten.
       
       ## So trubelig wie im Sommer an der Adria
       
       An dem Tag, an dem man selbst hier ist, ist das Riesenzelt noch lange nicht
       an seiner Auslastungsgrenze angekommen. Und trotzdem wirkt es so trubelig
       wie an einem von Overtourism geplagten Ort an der Adriaküste in den
       Sommerferien.
       
       Selbst in der Saunalandschaft – nach Angaben des Unternehmens der größten
       Europas – kann man sich dem Lärmpegel in der Halle kaum entziehen, auch
       wenn dezent eingesetztes Ambientmusikgeplätscher in den diversen
       Schwitzräumen dabei helfen soll. Wenn irgendwo in der Halle, im
       „Tropendorf“ oder auf dem Shoppingboulevard mal wieder ein „Happy Birthday“
       angestimmt wird – Geburtstagskinder jeden Alters zahlen keinen Eintritt im
       Tropical Islands –, hört man das in jeder der Saunen.
       
       Die Simulation einer tropischen Atmosphäre, vielleicht sogar eines
       Lebensgefühls, das ist das Ziel von Tropical Islands. Auf einem Wegweiser
       im Eingangsbereich erfährt man, dass die Strecke von hier bis nach Palm
       Beach 7.962 Kilometer beträgt und die nach Bali 9.443 Kilometer. Was dem
       Tropical-Islands-Besucher wohl vermitteln soll: Klar, auch diese
       Destinationen klingen gut, aber ungefähr dasselbe wie dort gibt es auch
       hier für weit weniger Reiseaufwand.
       
       Alles ist Illusion und Fake in dieser Halle. Und es wird sich noch nicht
       einmal besonders viel Mühe gegeben, diesem Eindruck entgegenzuarbeiten. Am
       sogenannten Südseestrand planscht man vor der Kulisse eines aufgemalten
       Himmelpanoramas mit Schäfchenwolken, womit man sich vorkommt wie in den
       Kulissen des [3][Films „Truman Show“]. In der Mitte der Halle erhebt sich
       der sogenannte Regenwald. Nach Auskunft des Unternehmens der größte
       Indoor-Regenwald der Welt. Ein Schild am Wegesrand weist darauf hin, dass
       angeblich mit querenden Schildkröten zu rechnen sei, in einem Tümpel sieht
       man ein paar Flamingos, und um einen herum wachsen allerlei exotische
       Pflanzen. Aus versteckten Lautsprechern ertönt ein ständiges Gesurre und
       Gesummse, ein Regenwaldsound aus der Konserve. Dazwischen ein altes
       Autowrack und der Korb eines Heißluftballons. Der Regenwald ist ein Ort für
       Abenteuer, so die Botschaft. Verbunden mit der Einladung, sich einen Moment
       lang selbst wie Indiana Jones fühlen zu dürfen.
       
       Für den Regenwald, aber letztlich für die ganze Halle gilt, dass das
       inszenierte Tropenfeeling seltsam lokal entwurzelt vermittelt wird. An der
       einen Stelle befindet sich eine Buddhastatue, womit man sich in Ostasien
       wähnen soll, ein paar Meter weiter werden schon wieder eher Klischees einer
       Südseeinsel bedient.
       
       ## taz-Leser nicht die Zielgruppe
       
       Bei der ersten Kontaktaufnahme mit dem Sprecher von Tropical Islands ist
       der nicht besonders begeistert, als man sagt, man wolle im Auftrag der taz
       gerne mal vorbeischauen. taz-Leser und taz-Leserinnen seien eher nicht die
       Zielgruppe des Unternehmens, sagt der. Und man versteht jetzt auch besser,
       warum er dieser Meinung ist. Tatsächlich muss man als taz-geschulter
       Besucher schon ziemlich tapfer sein in dieser Halle. Schon das Grundkonzept
       von Tropical Islands ist eines, das voll auf kulturelle Aneignung setzt. Im
       „Regenwald“ erfährt man dann auf einer Tafel von Christoph Kolumbus’ Reisen
       auf seiner Suche nach Amerika. Kolumbus wird dabei als abenteuerlustiger
       „Entdecker“ beschrieben. Von den seinen „Entdeckungen“ folgenden
       Kolonialisierungen und Genoziden ist natürlich keine Rede.
       
       Eine große Frage ist auch, ob man sich in den Zeiten der Klimakrise
       überhaupt noch solch einen energieintensiven Tropen-Budenzauber leisten
       soll oder kann. Der tägliche Gasverbrauch im Tropical Islands entspricht
       immerhin dem von 4.000 durchschnittlichen Haushalten.
       
       Wenn man sich mit ein paar Besuchern und Besucherinnen hier unterhält,
       zählen diese Dinge von Kolumbus bis zum Energieverbrauch eher nicht so. Ein
       Familienvater aus Mannheim, der seinen Camper auf einem der Parkplätze
       draußen aufgestellt hat, sagt, man sei nun vier Tage, also so richtig zum
       Urlaub hier gewesen, und das schon zum zweiten Mal. Eine aus der Ukraine
       stammende und nun in Brandenburg lebende Familie war zum Tagesausflug hier,
       ein Pärchen aus Belarus, das in Berlin wohnt, ebenfalls. In beiden
       letzteren Fällen wurden Geburtstage im Tropical Islands gefeiert. Und alle
       sagen, es sei uneingeschränkt „einfach nur wunderbar“ hier gewesen.
       
       Es gäbe ja durchaus Überlegungen, wegzukommen vom klimaschädlichen Gas,
       sagt der Tropical-Islands-Sprecher. Windräder seien denkbar oder
       Solaranlagen. Doch das seien teure Investitionen, außerdem sei es nicht so
       leicht, hier im Naturschutzgebiet für solche überhaupt Genehmigungen zu
       bekommen. In den nächsten Jahren jedenfalls werde es erst einmal so
       weitergehen wie bisher.
       
       Aber wer, egal ob im Winter oder im Sommer, in die echten Tropen fliegt
       oder auch nur nach Mallorca, wird am Ende seines Urlaubs kaum eine bessere
       Umweltbilanz haben als ein Besucher von Tropical Islands. Und vielleicht
       nehmen ein paar von dessen Besuchern und Besucherinnen als positiven Effekt
       immerhin das diffuse Gefühl mit nach Hause, dass auch der echte Regenwald
       etwas Tolles und damit unbedingt sehr Schützenwertes ist.
       
       7 Jan 2025
       
       ## LINKS
       
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