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       # taz.de -- Netzphänomene und Kryptowährungen: Währung auf Speed
       
       > Wem Bitcoin nicht spekulativ genug ist, kann in Sad Hamster, Dogelon Mars
       > oder Luigi investieren. Herzlich willkommen in der Welt der Memecoins!
       
   IMG Bild: Dogecoin ist der bekannteste und älteste Memecoin
       
       Alles begann mit einem Schnappschuss. Eine japanische Kindergärtnerin
       fotografierte 2010 ihren Hund Kobasu, einen Shiba Inu, den sie zwei Jahre
       zuvor aus dem Tierheim adoptiert hatte. Das Foto stellte sie ins Internet.
       Als Meme wurde das knuffige Tier zur Internetberühmtheit.
       
       [1][„Meme“ geht auf „nachahmen“] im Altgriechischen zurück. Der Begriff
       steht für humorvolle oder ironische Inhalte, meistens Bilder, die online
       geteilt werden. Wie eben das Bild des Shiba Inus mit mehrfarbigem
       Comic-Sans-Text, der in Denkblasen um den Hund herum erscheint.
       
       In einem anderen Eck des Internets ging es Ende der 2000er mit
       Kryptowährungen los. Im Januar 2009 wurde der erste Block auf der
       Bitcoin-Blockchain erstellt. Die [2][Idee zu Bitcoin] veröffentlichte
       Satoshi Nakamoto, ein Pseudonym für eine unbekannte Person oder Gruppe. Die
       Vision: eine dezentrale Währung ohne staatliche Einwirkung, ohne Bank
       zwischen den Transaktionen. Mit der Blockchain als einer Art digitales
       Buchhaltungssystem, das sicherstellt, dass Transaktionen transparent und
       unveränderlich gespeichert werden und alles mit rechten Dingen zugeht.
       
       Damals war Bitcoin noch wenig bekannt. Auch war noch nicht daran zu denken,
       dass es mal mehr als 2,4 Millionen Kryptowährungen geben würde. Im Jahr
       2013 fanden zwei Softwareentwickler aus den USA die Kryptowelt zu dröge und
       wollten einen Gegenpol schaffen. Sie programmierten Dogecoin – den
       bekanntesten und ältesten Memecoin in Anlehnung an das berühmte Doge-Meme.
       Memecoins sind also Kryptowährungen, die auf Internet-Memes oder populären
       Kulturphänomenen basieren. Zur Überraschung der beiden fand die
       Internetspaßwährung einen tatsächlichen Nutzen: als Trinkgeld für lustige
       oder schlaue Beiträge im Forum Reddit.
       
       ## Ein Memecoin ist schnell erstellt
       
       Über die Jahre kamen Blockchains und Kryptowährungen dazu. Und nicht nur
       die Kurse verschiedener digitaler Werte explodierten, sondern auch die Zahl
       der verschiedenen Coins. Mit unzähligen neuen Kryptowährungen ging es ab
       2015 los, dem Geburtsjahr von Ethereum und der zugehörigen Kryptowährung
       Ether, die heute nach Marktkapitalisierung auf Platz 2 nach Bitcoin ist.
       Denn die Ethereum-Blockchain machte es möglich, automatisierte Verträge und
       Programme auf der Blockchain anzulegen. Heute gibt es weitere Blockchains,
       auf denen sich Coins, Apps und NFTs leichter erstellen lassen,
       beispielsweise Solana.
       
       Jahre später stieg mit der Pandemie das Interesse für Kryptowährungen
       erneut und ermöglichte den Boom der Memecoins. Eine direkte Antwort auf
       Dogecoin folgte im August 2020 mit Shiba Inu Coin, einer weiteren
       Spaßwährung, die dem OG (Internet-Slang für „Original Gangster“) den Platz
       streitig machen wollte und durch geschicktes Marketing auf Twitter und
       einen glücklichen Zeitpunkt (Lockdowns) bis heute seit Einführung um 1,7
       Millionen Prozent im Kurs gestiegen ist.
       
       Das Marketing für Memecoins findet auf X statt. Statt des Hashtags („#“)
       kommt ein Dollar-Zeichen („$“) vor das Akronym der Währung und dann heißt
       es: Aufmerksamkeit erregen. Posten, teilen, kommentieren. Auf X gibt es
       nämlich eine Parallelwelt, die sich nicht Politik und Verschwörungstheorien
       widmet, sondern dem Profit und dem Traum, über Nacht zum Millionär zu
       werden. Nur dass selten diejenigen profitieren, die meinen, den nächsten
       Doge oder Shiba Inu gefunden zu haben, sondern öfter diejenigen, die ein
       Memecoin erstellen und genug andere davon überzeugen, dass ihr Coin „to the
       moon“ geht: parabolisch ansteigt.
       
       So ein Memecoin ist heute schnell erstellt. Dafür gibt es Baukästen, wie
       für Websites. Man muss kein Technikexperte sein, um das hinzubekommen.
       Online-Tools helfen dabei, den Namen, Wert und die Rahmenbedingungen seiner
       Coin festzulegen. Und schon hat man nach ein paar Stunden seine eigene
       Währung. Mittlerweile gibt es sogar Apps, die jeden, der möchte, zum
       Creator seiner eigenen Währung machen.
       
       ## Wie Casino – nur nicht reguliert
       
       Und viele versuchen sich daran. Kurz nachdem Elon Musk den Namen seines
       Welpen bekannt gegeben hatte, bastelte jemand einen „Floki“-Token. Wem das
       nicht absurd genug ist, kann „Dogelon Mars“ kaufen. Auch das Meme des
       traurigen Hamsters mit übergroßen Kulleraugen kann man als „Sad Hamster“
       als Kryptowährung handeln. Der in der Alt-Right-Bewegung beliebte grüne
       Comic-Frosch Pepe ist das Gesicht eines weiteren Memecoins, ebenso [3][wie
       Luigi Mangione], der Angeklagte im Mordfall des United Healthcare CEO Brian
       Thompson.
       
       Schaut man sich die Kurssprünge beim Bitcoin an, ist dieser ungefähr so
       volatil wie Aktien auf Speed. In Sachen Volatilität wären Memecoins
       hingegen wie Bitcoin auf Speed. Denn bei den meisten der abertausenden
       Memecoins ist das Handelsvolumen, also die Menge, die gehandelt wird, so
       gering, dass ein großer Kauf oder Verkauf den Kurs mehrere Prozent nach
       oben oder unten drücken kann.
       
       Klingt nach Casino und Glücksspiel? Ist fast wie Casino und Glücksspiel –
       mit dem Unterschied, dass das Ganze in der Kryptowelt nicht reguliert ist.
       Und manchmal schlicht Abzocke. Casinos müssen einen bestimmten Anteil der
       Zuflüsse wieder ausschütten. Memecoins nicht. Die könnten sogar so von
       ihren Machern programmiert werden, dass zwar der Kauf möglich, aber eine
       Auszahlung unmöglich ist. Und der Wert binnen Sekunden drastisch sinkt.
       
       Auch Hailey Welch, die im Sommer 2024 als [4][„Hawk Tuah Girl“ berühmt und
       zum Meme] wurde, führte eine Kryptowährung ein, die ein Betrug gewesen sein
       soll. Ihr und ihrem Team wird vorgeworfen, die Gelder der Investoren
       abgezwackt zu haben. Die Influencerin muss deswegen nun vor Gericht.
       
       ## Musk und der Dogecoin
       
       Die meisten Memecoins schießen kurz nach oben, sinken rapide ab und
       verschwinden dann in der Versenkung des Internets so schnell, wie sie
       gekommen sind. Manche bleiben, wie Dogecoin, und bilden eine solide
       Community. Doge hat Fans weltweit, einige davon milliardenschwer wie
       Techmilliardär Elon Musk. Schon in der Vergangenheit beeinflusste Musk den
       Dogecoin-Kurs mit Tweets, ermöglichte zeitweise den Kauf seiner E-Autos mit
       der Kryptowährung.
       
       Seine Effizienzabteilung im Weißen Haus taufte er ebenso „Doge“ (Department
       of Government Efficiency). Kein Wunder, dass Dogecoin in diesem Jahr um
       über 250 Prozent im Wert gestiegen ist. Bedeutet: Hätte man vor einem Jahr
       Doge für 1.000 Euro gekauft, könnte man jetzt seine „Anlage“ für 3.500 Euro
       verkaufen. Der Grund? Hype. Wer hingegen im Juli 2021 Doge für 1.000 Euro
       gekauft und ein Jahr später verkauft hätte, hätte knapp über 100 Euro
       rausbekommen.
       
       3 Jan 2025
       
       ## LINKS
       
   DIR [1] /Memes-als-Insiderjoke/!6029464
   DIR [2] /Trump-und-Krypto/!6054284
   DIR [3] /Mord-an-UnitedHealthcare-CEO/!6054031
   DIR [4] /Meme-Hawk-Thua/!6021327
       
       ## AUTOREN
       
   DIR Klaudia Lagozinski
       
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