URI:
       # taz.de -- Migration auf dem Ärmelkanal: Effizienz mit Todesfolge
       
       > Nie war es für Bootsmigrant*innen lebensgefährlicher als 2024, den
       > Ärmelkanal zu überqueren. Ein Grund ist die massive Hochrüstung der
       > Küsten.
       
   IMG Bild: Was von der Nacht übrig bleibt: Boote von Migrant*innen werden regelmäßig von der Polizei aufgeschlitzt. Am Strand von Wimereux
       
       Es ist eine eigenartige Prozession, die sich da gegen Mitternacht im
       Schritttempo den Dünenkamm entlang bewegt. Etwa 50 Personen, viele von
       ihnen tragen orange Schwimmwesten um den Hals oder in den Händen, die sich
       im Kegel der Taschenlampen deutlich gegen den Himmel abheben, umringt von
       den dunkelblauen Uniformen der Bereitschaftspolizei CRS. Als sie den
       steilen Pfad hinunter zur Straße erreichen, beginnen sie den Abstieg,
       Schritt für Schritt. Über den Dünen außerhalb des Dorfs Blériot-Plage
       kreisen surrend zwei Drohnen.
       
       Unten, an der Straße, die von Calais nach Sangatte und weiter die Küste
       entlang führt, hält die Prozession an. Unschlüssig und etwas ratlos stehen
       die Menschen, die nun eigentlich auf einem Schlauchboot in Richtung England
       unterwegs sein sollten, auf dem schmalen Grünstreifen. Das Blaulicht von
       sechs Mannschaftswagen, am Straßenrand geparkt, gibt der Szenerie einen
       gespenstischen Anstrich.
       
       Dass die Polizei diese Versuche vereitelt, wann immer es geht, wissen sie.
       Warum aber lässt sie die Gruppe nicht einfach gehen? Langsam setzt sich der
       Tross wieder in Bewegung, noch immer eingekreist von den CRS und Polizisten
       in schwarzen Westen.
       
       Nach ein paar Hundert Metern entpuppt sich das Schauspiel an einem
       Kreisverkehr als reine Machtdemonstration. Die Beamt:innen ziehen sich
       unvermittelt zurück, und die Gruppe, endlich frei zu gehen, biegt in einen
       Feldweg ein.
       
       ## Zurück in den Dschungel
       
       Eine junge Frau in heller Winterjacke, die wie viele hier aus Syrien
       stammt, berichtet, die Polizei habe sie am Strand überrascht, mit Tränengas
       zurückgedrängt und das Boot aufgeschlitzt. Sie reibt sich die Augen, die
       noch immer brennen. „Wir gehen zurück in den Dschungel“, sagt sie noch –
       das Camp, von dem aus sie vor Stunden aufbrachen, um in dieser Nacht den
       Ärmelkanal zu überqueren. Dann verschwindet sie mit den anderen in der
       Dunkelheit.
       
       Die Nacht auf den 1. Dezember ist die erste nach einer längeren
       Schlechtwetterperiode, in der von den Stränden Nordfrankreichs aus wieder
       Geflüchtete in Booten Richtung England abzulegen versuchen. Insgesamt 151
       Personen, melden die französischen Behörden am nächsten Tag, konnten aus
       Seenot gerettet werden – ein Boot hatte 84 Passagiere an Bord, das zweite
       67. Laut dem britischen Home Office wurden zwei weitere Boote mit insgesamt
       122 Personen von der Küstenwache in den Hafen von Dover gebracht – wie es
       immer geschieht, wenn Migrant*innenboote in britischen Gewässern
       angetroffen werden.
       
       Seit sechs Jahren gehören die Bootspassagen zum Alltag an diesem Teil der
       Küste . Neu ist freilich, dass 2024 so viele Menschen wie nie zuvor den
       Versuch mit dem Leben bezahlt haben. 72 sind es bislang – mehr als die
       Gesamtzahl der Opfer in den letzten fünf Jahren, und anteilig auch
       auffallend viele der insgesamt 474 Menschen, die seit 1999 an der
       anglo-französischen Grenze starben. Vor allem seit dem Sommer ereigneten
       sich die Havarien fast wöchentlich, phasenweise kam es sogar täglich zu
       neuen Todesopfern.
       
       Doch selbst unter solchen Vorzeichen ist es besonders beklemmend, was die
       Region in diesem Spätherbst erlebt: Nach einem Unglück auf See Ende Oktober
       mit mehreren Vermissten wurden an verschiedenen Orten insgesamt 14 Leichen
       angespült, viele in stark verwestem Zustand, bei manchen ließ sich nicht
       einmal mehr erkennen, ob es sich um eine Frau oder einen Mann handelte.
       Laut der Regionalzeitung La Voix du Nord trieben sie eine Woche oder länger
       im Meer. Die Fundstellen zogen sich von Quend südlich von Boulogne-sur-Mer
       knapp 100 Kilometer die Küste entlang bis Marck östlich von Calais.
       
       ## Miserable Qualität der Schlauchboote
       
       „Es könnte durchaus noch mehr Leichen geben“, befürchtet Thomas Chambon,
       der bei der NGO Utopia 56 als Koordinator tätig ist. „Oft hören wir nach
       einem Schiffbruch von Menschen, die zurück an Land kommen, dass noch jemand
       fehlt.“ Utopia 56 ist seit Jahren am Ärmelkanal aktiv.
       
       Die Freiwilligen der Organisation, die durch Spenden finanziert wird,
       verteilen im Gebiet von Dunkerque und Calais Essen und Decken an
       Bewohner*innen inoffizieller Geflüchteten-Camps. Sie informiert mit
       Faltblättern und online über die Risiken der Kanalüberquerung, betreibt ein
       Alarmtelefon und fährt, wenn das Wetter entsprechend ist, nachts und
       frühmorgens mit kleinen Teams die Küste ab, um bei Notfällen zur Stelle zu
       sein.
       
       Wie ist es zu erklären, dass die Grenze in diesem Jahr derart tödlich
       geworden ist? Die miserable Qualität der Schlauchboote, von denen ein
       anonymes Mitglied einer Freiwilligen-Rettungsgesellschaft an der Küste
       einst sagte, er würde damit „kein Kind auf einen See fahren lassen“, ist
       zwar hinlänglich bekannt, aber genau darum auch keine ausreichende
       Erklärung.
       
       Im Hauptquartier von Utopia 56 im Hinterland von Dunkerque skizziert
       Chambon die Grundzüge einer Situation, die sich in den letzten Jahren immer
       weiter verschärft hat. „Zunächst einmal ist das Leben unter diesen
       Umständen in den Camps unglaublich hart. Schon allein daher nutzen die
       Menschen jedes noch so kleine Zeitfenster, in dem das Wetter eine Überfahrt
       zulässt.“
       
       ## Je mehr Repression, desto mehr Tote
       
       Hinzu kommt die immer lückenlosere Überwachung der Küste, nicht nur um die
       großen Fährhäfen Calais und Dunkerque, sondern von der belgischen Grenze
       bis Boulogne-sur-Mer. „Je mehr Geld in Repression und Militarisierung der
       Grenze gesteckt wird, desto mehr Tote gibt es hier“, so Chambon.
       
       Zustimmung bekommt er dabei von [1][Bruno Retailleau, dem französischen
       Innenminister]. Dieser veröffentlichte im Oktober nach einem Treffen mit
       seiner britischen Amtskollegin Yvette Cooper auf X den folgenden Kommentar:
       „Frau Cooper lobte den heldenhaften Einsatz der Ordnungskräfte, um
       Überfahrten in das Vereinigte Königreich zu verhindern. Wir teilten auch
       die Beobachtung, dass diese Effizienz schädliche Folgen mit einem Anstieg
       der Todesfälle hatte.“ Folgen für das Auftreten an der Küste hat diese
       Erkenntnis bislang nicht.
       
       Chambon illustriert den Satz des Innenministers mit Beobachtungen aus dem
       Alltag der NGO. Immer häufiger wende die Polizei Gewalt an, um
       Schlauchboote am Ablegen zu hindern. Auch Tränengas komme an den Stränden
       regelmäßig zum Einsatz. „Zudem hören wir immer wieder, dass sie die Boote
       auch dann aufschlitzen, wenn sie bereits im Wasser sind. Das ist eigentlich
       verboten.“ Die Schilderung deckt sich mit jener einer anderen NGO, Osmose
       62, die im Raum Boulogne-sur-Mer aktiv ist und sich ebenfalls auf
       entsprechende Aussagen „zahlreicher“ Migrant*innen beruft.
       
       „Die Konsequenz ist, dass das Ablegen aus Angst vor der Polizei in großer
       Eile geschieht“, berichtet Chambon. „Manche Schlauchboote, die ohnehin
       übervoll sind, fahren, um Zeit zu sparen, sogar ohne Bodenplatte ab und
       sind dadurch noch instabiler. Die Boote wiederum, die aufs Meer gelangen,
       sind umso voller, je mehr andere von der Polizei abgefangen und zerstört
       werden. Durchschnittlich sind nun etwa 60 Menschen an Bord, gegenüber 40 im
       letzten Jahr und 30 im Jahr 2022. In den letzten Monaten waren es mehrfach
       um die 80.
       
       ## Tränengaskartuschen am Strand
       
       Die zunehmend chaotischen Umstände der Abfahrten bewirken, dass gerade ab
       dem Sommer mehrere Passagiere nicht ertranken, sondern erstickten oder
       erdrückt wurden. „Außerdem geschahen zuletzt immer mehr Havarien innerhalb
       von dreihundert Metern vom Strand“, so Chambon. Bis Oktober waren solche
       für die Hälfte der Todesopfer verantwortlich. Ein weiteres Detail macht
       solche Situationen zusätzlich gefährlich: „Die Rettungsboote sind für
       solche Notfälle nicht ausgerüstet, weil sie zu viel Tiefgang haben.“
       
       Bei der gescheiterten Überfahrt von Blériot-Plage lassen sich einige dieser
       Elemente begutachten: Der Einsatz zweier Drohnen über den Dünen zeugt von
       der zunehmenden Überwachung der Küste mit ihren vielen einsamen, teils
       schwer zugänglichen Stränden. Das Schlauchboot, etwa neun mal zwei Meter
       lang, das sich am nächsten Morgen am Dünenrand findet, weist einen
       Messerschnitt auf.
       
       Im Sand davor enden mehrere Spuren der strandtauglichen Fahrzeuge, welche
       die Polizei bei diesen Operationen einsetzt. Zwischen zurückgelassenen
       Kleidungsstücken und Essensverpackungen finden sich zwei
       Schubkarren-Schläuche, offenbar als Ersatz für eine Schwimmweste gedacht.
       Im Sand liegen mehrere abgefeuerte Tränengaskartuschen.
       
       Die Dünen geben bei Tageslicht aber noch weitere Informationen preis: An
       einer Stelle liegen kleine, säuberlich zerrissene Papierschnitzel, die sich
       teils wieder zusammenfügen lassen. Das Puzzle enthält Informationen über
       SIM-Karten in Frankreich auf Somali, ein ausgedrucktes französisches
       Dokument für einen jungen Sudanesen, ausgestellt im August von der
       Präfektur Maine-et-Loire.
       
       ## Tickets aus einem anderen Leben
       
       Es könnte, muss aber nicht, zur Kopie eines Asylantrags in Frankreich
       gehören, von der sich ebenfalls Reste finden. Das Gleiche gilt für ein
       ausgedrucktes Bahnticket von der Pariser Gare du Nord nach Calais Ville
       und ein DB-Ticket zum Sparpreis Europa von München bis Paris Est, zweiter
       Klasse, Fensterplatz, jeweils für Ende November gültig.
       
       Ab und an kommt ein Hund von Spaziergänger*innen vorbei, die sich am
       Strand die Beine vertreten, und schnüffelt am Boot und den umliegenden
       Kleidungsstücken. Eine Frau, die sich als Mitglied der Hilfsorganisation
       Secours Catholiques vorstellt, sammelt die im Umkreis zurückgelassenen
       Rettungswesten ein, die sich noch benutzen lassen.
       
       Dann bleibt ein Jogger bei dem zusammengesunkenen schwarzen Schlauchboot
       stehen. „Seit 20 Jahren geht das hier an der Küste so“ erklärt er und weist
       in Richtung England. „Früher war die Grenze dort drüben. Doch seit die
       Kontrollen 2003 aufs Festland verlegt wurden, haben wir hier diese
       Zustände.“
       
       Der Jogger heißt Benoît Landesmann, ist 45 und wohnt im benachbarten
       Sangatte. Ein historischer Ort gewissermaßen, denn genau dort gab es um die
       Jahrtausendwende eine Zeitlang ein stets überfülltes Auffanglager des Roten
       Kreuzes, das Calais und seine Umgebung erst auf die Landkarte der
       europäischen Flüchtlingskrise brachte. „Sarkozy, der damals Innenminister
       war, schloss das Lager. Danach entstand dort hinten“ – er weist nun den
       Strand entlang nach Osten, Richtung Calais – „der Dschungel. Meine Frau und
       ich gaben dort Sprachunterricht.“
       
       ## Rivalisierende Schleuserbanden
       
       Anwohner Landesmann erzählt die Geschichte des Ärmelkanals als
       Migrations-Hotspot im Schnelldurchgang. Der Dschungel wurde 2009 geräumt,
       entstand Jahre später erneut, wuchs sich zu einer Kleinstadt aus, welche
       die Behörden 2016 erneut dem Erdboden gleichmachen ließen. Jedes Mal
       wiederholte sich die Ankündigung, nun sei es endgültig vorbei mit der
       klandestinen Kanalüberquerung.
       
       „Die Geschichte ist immer dieselbe“, sagt Landesmann, bevor er sich in
       Richtung Sangatte empfiehlt. Vom einstigen Lagerleiter Michael Derr ist im
       Übrigen ein Zitat überliefert: Solange England auf der anderen Seite des
       Kanals liege, würden Migrant*innen weiterhin probieren, dorthin zu
       gelangen.
       
       Die Nachfrage, bei gleichzeitigem Mangel an legalen Routen, hat schließlich
       auch einen millionenschweren Schwarzmarkt entstehen lassen, dessen
       Lieferketten sich über Deutschland und Osteuropa bis nach China ziehen.
       Auch das Boot am Strand von Blériot ist dort hergestellt, wie ein Aufdruck
       auf einer der Luftkammern zeigt.
       
       Er besagt auch, dass nicht mehr als 25 Personen darauf Platz nehmen dürfen,
       bei einem Gesamtgewicht von 2.125 Kilo. Darüber findet sich die Adresse
       eines „Bootsservice NRW“ in der Stadt Werne. Wenige Tage später veranlasst
       Europol an mehreren Orten in Deutschland [2][Razzien gegen ein
       kurdisch-irakisches Schleuser-Netzwerk]. Der Schwerpunkt liegt im
       Ruhrgebiet.
       
       Wie Schleuser am Kanal vorgehen, ist seit langem bekannt. Gerade im
       Dschungel nahe dem Hafen von Dunkerque werden Konflikte zwischen
       rivalisierenden Gruppen seit Jahren auch mit Schusswaffen ausgetragen.
       Mehrfach wurden dabei Geflüchtete verletzt oder getötet – etwa im Februar
       dieses Jahres.
       
       ## Mann über Bord
       
       Wenige Monate zuvor hatte ein anonymer Bewohner der taz berichtet, er höre
       nachts bisweilen Schießereien im Camp. Anfang Dezember trifft die taz an
       einem geheimen Ort an der Küste auf einen Mann, der in der Nacht zuvor auf
       einem überladenen Schlauchboot in Richtung England unterwegs war. Weil das
       Boot zu sinken drohte, warfen Mitglieder des Netzwerks den Mann wie auch
       mehrere andere Passagiere mitten auf dem Kanal über Bord. Er wurde gerettet
       und an Land gebracht.
       
       Während des Gesprächs wirkt er schwer traumatisiert. Nur mit großer
       Anstrengung kann er über seine Erlebnisse berichten. Mehrere NGOs
       bestätigen, dass dies nicht der erste vergleichbare Fall ist. Offenbar aber
       geschehe dies sonst eher in Ufernähe – etwa wenn Personen, die sich die
       Überfahrt nicht leisten könnten, aus Verstecken am Strand kommen und in der
       Hektik einer Abfahrt versuchen, an Bord zu springen. Der Mann sagt kurz vor
       dem Abschied, er sei weiterhin entschlossen, England zu erreichen.
       
       Weil die Umstände zwischen Dunkerque und Boulogne nun also zunehmend
       erschwert sind, hat sich das Geschehen im letzten Jahr deutlich nach Süden
       verlagert. „Von Calais aus ist es fast unmöglich geworden, abzulegen. Also
       kommen die Migrant*innen hierher, um einen Versuch zu starten. Die
       Überfahrt dauert dann zwar viel länger als von Calais, aber dieses Risiko
       gehen sie ein. Bei gutem Wetter gab es in letzter Zeit fast täglich
       Abfahrten“, berichtet Samir Khechib, der sich als Freiwilliger der NGO
       Osmose 62 im Raum Boulogne-sur-Mer seit einem Jahr um Geflüchtete kümmert.
       Dabei hat er erlebt, wie Orte wie Équihen-Plage und Hardelot-Plage immer
       mehr in den Fokus rücken.
       
       Hardelot-Plage ist ein idyllisches Dorf mit freistehenden Häusern auf
       großzügigen Grundstücken, eingebettet in Hügel und Küstenwald. An der
       verwaisten Strandpromenade steht kurz vor Einbruch der Dämmerung ein
       Gendarmerie-Auto geparkt. Zwei uniformierte Gestalten sind durch den
       Dezemberregen hinter den Scheiben zu erkennen, die trotz des schlechten
       Wetters hier die Lage im Auge behalten. „Sie stehen hier immer und suchen
       mit ihren Scheinwerfern das Meer ab“, erklärt Khechib.
       
       ## Fortgeschrittene Verwesung
       
       Was die Gegend um Hardelot prädestiniere, seien die hohen Dünen, in denen
       Bootsmigrant*innen sich verstecken könnten, bis die Wetterlage günstig
       sei. „Permanente Niederlassungen gibt es hier nicht, aber manchmal bleiben
       große Gruppen dort mehrere Tage.“ Khechib weist auf die hohen Dünen hinter
       der Promenade. „Letzten Monat erst trafen wir dort auf Migrant*innen, deren
       Versuch fehlgeschlagen war. Einige erzählten mir, dass in einem Wäldchen
       schon mal um die 1.000 Menschen kampierten.“
       
       Bei [3][so viel Aktivität auf einer Kanal-Route] liegt es auf der Hand,
       dass es auch dort inzwischen zu Opfern kam – zuletzt am 30. Oktober. „Heute
       Morgen spielten sich surreale und dramatische Szenen ab, da es an der
       gesamten Küste zu zahlreichen Abfahrten kam. Sobald es ein günstiges
       Wetterfenster gibt, stürzen sich Hunderte von Geflüchteten ins Wasser und
       sind bereit, jedes Risiko einzugehen“, schrieb Osmose 62 später auf ihrer
       Facebook-Seite. Ein 28-jähriger Mann aus dem Irak starb an
       Herz-Kreislauf-Versagen. Später am Tag wurden in der Umgebung drei Leichen
       angespült.
       
       Die Aufnahmen, die Samir Khechib auf seinem Telefon zeigt, vermitteln eine
       Idee von dem, was dort an jenem Tag geschah. Während sich zwei übervolle
       Boote vom Strand entfernen, stehen etwa 40 Personen, die nicht mehr an Bord
       gelangen konnten, im Meer, das ihnen vom Bauch bis zu den Schultern reicht.
       Nicht einmal die Hälfte von ihnen trägt Schwimmwesten. „Sie waren vom
       Wasser eingeschlossen“, erinnert sich Khechib. Die nächste Aufnahme zeigt
       einen niedrig fliegenden Hubschrauber, der zu ihrer Rettung eingesetzt
       wurde.
       
       Wegen des weiterhin schlechten Wetters an der Kanalküste gab es seit Mitte
       November nur an wenigen Tagen Überfahrten. In nächster Zeit dürften es
       daher umso mehr werden. Unterdessen wird am 8. Dezember im Dorf Escalle,
       westlich von Sangatte, die oder der 73. Tote dieses Jahres gefunden. Die
       Leiche treibe seit Wochen im Wasser und befinde daher sich im Zustand
       fortgeschrittener Verwesung, so die Regionalzeitung La Voix du Nord. Eine
       Identifizierung sei daher nicht möglich.
       
       17 Dec 2024
       
       ## LINKS
       
   DIR [1] https://calais.bordermonitoring.eu/2024/10/18/ein-tweet-vom-g7-gipfel/
   DIR [2] https://www.tagesschau.de/inland/regional/nordrheinwestfalen/wdr-grosse-razzia-gegen-schleuser-auch-in-essen-bochum-und-gelsenkirchen-100.html
   DIR [3] https://calais.bordermonitoring.eu/2024/10/
       
       ## AUTOREN
       
   DIR Tobias Müller
       
       ## TAGS
       
   DIR Schwerpunkt Flucht
   DIR Geflüchtete
   DIR Fluchtrouten
   DIR Dschungel
   DIR Calais
   DIR GNS
   DIR Schwerpunkt Frankreich
   DIR Ärmelkanal
   DIR Recherchefonds Ausland
   DIR Schwerpunkt Emmanuel Macron
   DIR Reform UK
   DIR Schleuser
   DIR Vereinigtes Königreich
   DIR Schwerpunkt UN-Migrationspakt
   DIR Schwerpunkt Frankreich
   DIR Polen
   DIR Schwerpunkt Klimawandel
   DIR Schwerpunkt Flucht
   DIR Schwerpunkt Flucht
   DIR Lesestück Recherche und Reportage
       
       ## ARTIKEL ZUM THEMA
       
   DIR Großbritannien schottet sich ab: Schöner abschieben mit Starmer und Macron
       
       Großbritannien und Frankreich vereinbaren erste Abschiebungen von
       Bootsflüchtlingen, die den Ärmelkanal überqueren. Das soll bis zu 2.800
       Menschen pro Jahr betreffen.
       
   DIR Migration über Ärmelkanal: Druck auf Premier Starmer wächst
       
       Mehr als 1.100 Personen überquerten an einem Tag den Ärmelkanal, ein
       Tagesrekord. Doch der britische Premier versucht, die Migration
       einzudämmen.
       
   DIR Schleuserkriminalität: Vom Elend geschlossener Grenzen
       
       Ein 24-jähriger Mann ist der Hilfeleistung bei einer Schleusung angeklagt.
       Vor dem Kriminalgericht Moabit begann am Mittwoch sein Prozess.
       
   DIR Migration nach Großbritannien: UK verschärft Migrationsgesetz
       
       Flüchtlinge, die per „gefährlicher Einreise“ illegal kommen, können keine
       Staatsbürger mehr werden. Das steht jetzt in der Richtlinie zur
       Einbürgerung.
       
   DIR Flucht übers Mittelmeer nach Europa: NGO berichtet von 10.000 Toten bei Überfahrt nach Spanien
       
       Auf dem Weg von Afrika auf die Kanaren sterben laut der Caminando Fronteras
       pro Tag 30 Migrant:innen. Die NGO kritisiert eine „nicht hinnehmbare
       Tragödie“.
       
   DIR Korruptionsskandal in Frankreich: Fußfessel für Nicolas Sarkozy
       
       Frankreichs Justiz weist Einwände des früheren Staatspräsidenten Sarkozy
       zurück. Dieser wurde wegen Korruption und Machtmissbrauchs verurteilt.
       
   DIR Geflüchtete an EU-Ostgrenze in Polen: EU unterstützt Pushbacks
       
       Die neue EU-Kommission stellt sich hinter die Zurückweisung von
       Flüchtlingen an Polens Ostgrenze. Russland und Belraus setzten diese
       Menschen gezielt ein.
       
   DIR 2024 heißestes Jahr in Deutschland: Es folgt der nächste Rekord
       
       Dieses Jahr war das heißeste seit Beginn der Aufzeichnungen im 19.
       Jahrhundert. Die deutsche Klimapolitik reicht einer Studie zufolge nicht
       aus.
       
   DIR Flucht über den Ärmelkanal: Schlicht die letzte Chance
       
       An Nordfrankreichs Küste kommen globale Fluchtschicksale zusammen. Menschen
       versuchen hier seit 25 Jahren unter elenden Bedingungen nach England zu
       gelangen.
       
   DIR Tote Geflüchtete im Ärmelkanal: Die Rettung kam zu spät
       
       Auf dem Weg aus Frankreich nach Großbritannien kentert ein Boot mit
       Menschen aus Afghanistan und Sudan. Trotz Rettung sind sechs Tote
       bestätigt.
       
   DIR Migration im Ärmelkanal: Die Elenden von Calais
       
       Mahmoud will nach England, wie all die anderen aus Irak, Sudan und Eritrea.
       Doch vorerst hängen sie fest – auf der französischen Seite des Kanals.