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       # taz.de -- Aktuelle Lage in Syrien: Schüsse, Proteste, ein brennender Weihnachtsbaum
       
       > Ein Video führt zu Protesten der alawitischen Community. Die neue
       > Regierung warnt vor einer Destabilisierung durch Assads Verbündeten Iran.
       
   IMG Bild: Mit Waffen Ruhe stiften: Eine Sicherheitskraft der HTS-geführten Übergangsregierung in Homs am 26. Dezember
       
       Damaskus taz | Am ersten Weihnachtsfeiertag sind in Syrien Proteste
       ausgebrochen. Auslöser war ein Video. In dem Video sieht man bewaffnete
       Menschen, die vor dem brennenden Schrein stehen. Das Video ging viral.
       Später stellte sich heraus, dass es nicht aktuell war. Es soll bei
       Auseinandersetzungen im Zuge der Machtübernahme der HTS-Rebellen vor vier
       Wochen entstanden sein. Wer die Angreifer auf dem Video sind, ist unklar.
       
       Trotzdem gingen am Mittwoch in mehreren Städten hauptsächlich Alawit*innen
       auf die Straßen. Interreligiöse Spannungen hatte es bereits vor Weihnachten
       gegeben, als ein Weihnachtsbaum in einem christlichen Dorf in Flammen
       aufgegangen war. Laut Medienberichten wurden mehrere ausländische Kämpfer
       daraufhin verhaftet.
       
       In der Stadt Homs nahmen die Proteste einen gewalttätigen Kurs, als
       alawitische Protestierende in einem sunnitischen Viertel sektiererische
       Parolen sangen. Schüsse waren zu hören, zunächst in der Luft, dann auch
       unter den Demonstrant*innen. Laut der syrischen Beobachtungsstelle für
       Menschenrechte ([1][SOHR]) soll ein Mensch getötet worden sein. Einige
       Protestierende wurden verletzt, Chaos brach aus, Menschen rannten in Panik
       davon. Daraufhin durchsuchten Sicherheitskräfte die Stadt, Menschen wurden
       verhaftet und eine Ausgangssperre bis zum Morgen verhängt.
       
       Gewalt brach ebenfalls in einem alawitischen Dorf in der Nähe von Tartus,
       an der syrischen Mittelmeerküste, aus. Dort sollte offenbar ein gesuchter
       Mann des alten Regimes festgenommen werden, der in Verbindung zum
       [2][Foltergefängnis Sednaya] steht. Bei der Verhaftung kam es zu
       Schießereien, die laut Innenministerium vierzehn Sicherheitskräften das
       Leben kosteten.
       
       Alawit*innen unter Druck 
       
       Syriens neue Regierung, dominiert von der islamistischen Gruppe [3][Hayat
       Tahrir al-Sham (HTS),] betont seit ihrer Machtübernahme, alle Ethnien und
       Religionen in dem multikulturellen Land schützen zu wollen. Alawit*innen
       stehen unter großem Druck, da der ehemalige Machthaber Baschar al-Assad
       ihnen angehört. Sie werden daher als regimetreu angesehen. Assad
       inszenierte sich oft als Beschützer von Christ*innen und Alawit*innen.
       Diese sind seit dem Sturz des Assad-Regimes teils besorgt. Mit dem Schutz
       bewaffneter Kämpfer ist Weihnachten jedoch ohne weitere große Zwischenfälle
       verlaufen.
       
       Die syrische Übergangsregierung steht vor großen Herausforderungen, um den
       Frieden im Land zu bewahren. Besonders angespannt sind die Beziehungen zu
       Iran, traditionell ein Unterstützer des Assad-Regimes. Syriens neuer
       Außenminister Asaad al-Shibani sagte jüngst, Iran müsse „den Willen des
       syrischen Volkes und die Sicherheit sowie Souveränität des Landes
       respektieren“ und warnte Teheran davor, „Chaos in Syrien zu stiften“. Irans
       Revolutionsführer Ayatollah Ali Chamenei hatte zuvor laut Medienberichten
       gesagt, Syrien sei unsicher geworden und die Jugend müsse „mit Überzeugung
       klare Kante zeigen gegenüber denen, die diese Unsicherheit über ihr Land
       gebracht haben“.
       
       Seither kommt es zu teils gewalttätigen Protestaktionen. Auch in Damaskus
       waren am Mittwochabend bei alawitischen Protesten Schüsse zu hören. Nach
       der Demonstration wurden um den zentralen Umayyad-Platz schwerbewaffnete
       Milizionäre stationiert, die Lage war indes ruhig.
       
       Um die Lage zu stabilisieren, kündigte HTS-Anführer Ahmed al-Sharaa, jetzt
       Übergangspräsident von Syrien, vor wenigen Tagen an, alle Milizen im Land
       entwaffnen zu wollen. „Wir werden keine Waffen im Land außerhalb
       staatlicher Kontrolle erlauben“, sagte er auf einer Pressekonferenz. Die
       Waffen sollen an die staatlichen Streitkräfte übergeben werden, die Kämpfer
       in Syriens neue Armee eintreten. Auch die Kurden im Nordosten müssten
       demzufolge ihre Waffen abgeben. Die Entscheidung wurde bei einem Treffen
       mit dem türkischen Außenminister Hakan Fidan verkündet.
       
       26 Dec 2024
       
       ## LINKS
       
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       ## AUTOREN
       
   DIR Serena Bilanceri
       
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